<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001235-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Houston Stewart Chamberlain</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>28.1.1916</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Richard Wagner Museum (Bayreuth), Chamberlain-Nachlass, Rot 196/466</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1235" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001235-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1916-01-28">28.1.1916</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118675508">Houston Stewart Chamberlain</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/122618106">August Ludowici</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116791330">Erich Heyfelder</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118675508">Houston Stewart Chamberlain</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116703652">Konrad von Lange</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594117">Richard Wagner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/115698698">Albrecht Wagner</name></note><note type="repository">Richard Wagner Museum (Bayreuth), Chamberlain-Nachlass, Rot 196/466</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Houston Stewart Chamberlain</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>28.1.1916</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Richard Wagner Museum (Bayreuth), Chamberlain-Nachlass, Rot 196/466</bibl></head></front><body><dateline>28.1.1916.</dateline><p>Herrn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1476"/>Houston<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1476"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1477"/>Stuart<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1477"/> Chamberlain, Bayreuth, Villa Wahnfried.</p><salute>Hochgeehrter Herr!</salute><p>Es sind nun viele Jahre her, dass ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1478"/>mit Ihnen in Verbindung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1478"/> stand, welche dadurch entstanden war, dass ich über Ihre nunmehr in 10. Auflage vorliegenden „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ in den „Kantstudien“ einen Artikel schrieb, in welchem ich Ihr schönes Verhältnis zu <name>Kant</name> in jenem Werke rühmen durfte.</p><p>Ich habe in neuerer Zeit wiederum Gelegenheit gehabt, Ihr <name>Kant</name>verständnis rühmend hervorzuheben. In meiner „Philosophie des Als Ob“ <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1479"/>habe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1479"/> ich unter Denjenigen, welche die <name>Kant</name>ische Als Ob-Betrachtung als den letzten und tiefsten Sinn der <name>Kant</name>ischen Lehre erfasst haben, auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1480"/>Ihren Namen genannt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1480"/>.</p><p>Ich weiss nicht, ob dieses Werk Ihnen bekannt geworden ist. Jedenfalls erlaube ich mir, Ihnen ein Exemplar des Buches zu überreichen mit der Bitte, das Buch Ihrer Bibliothek einzureihen. Schon aus dem Titel des Werkes ersehen Sie, dass es sich auch besonders auf <name>Kant</name> bezieht. Ich habe der Kantischen Als Ob-Betrachtung mehr als 100 Seiten gewidmet und, ich glaube, eine erschöpfende Darstellung Desjenigen gegeben <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1481"/>zu haben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1481"/>, was <name>Kant</name> hierüber gesagt hat. (Seite 613 bis Seite 733) Der ausserordentliche Reichtum der <name>Kant</name>ischen Ausführungen über die Als Ob-Betrachtung ist bisher noch niemals in dieser Weise hervorgekehrt worden. Es ist eine ganz überraschende Fülle merkwürdiger Stellen hierüber bei <name>Kant</name> vorhanden, und seine ganze Philosophie bekommt dadurch eine eigenartige Beleuchtung.</p><p>Natürlich musste dies auch schon anderen auffallen und unter diesen darf Ihr Name in erster Linie genannt werden und ich habe mich daher auch besonders darüber gefreut, dass ich in den einleitenden Vorbemerkungen (Seite XIV) mich auf Sie berufen konnte.</p><p>Dass Sie gerade für diese Seite der <name>Kant</name>ischen Lehre besonders empfänglich sein mussten, das war mir schon durch die Lektüre Ihres grossen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1482"/><name>Wagner</name>-Werkes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1482"/> wahrscheinlich geworden: als ich mir dieses im Jahre 1902 während eines schweren Augenleidens vorlesen liess, habe ich viele Stellen anstreichen lassen, in denen mir aus Ihrer Schilderung <name>Richard Wagner</name>s, speziell seiner Lehre vom „Wahn“ entgegentrat, dass auch dieser grosse Genius ähnliche Gedankengänge hatte.</p><p>So waren Sie besonders darauf vorbereitet, die allgemeine <pb/> Bedeutung der <name>Kant</name>’schen Als Ob-Betrachtung richtig zu erkennen und so wird es mir von besonderem Werte sein, wenn Sie meine Darstellung der <name>Kant</name>ischen Lehre nachprüfen wollen.</p><p>Freilich erfahre ich jetzt durch Herrn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1483"/>Konsul <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1484"/><name>Ludowici</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1484"/><name/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1483"/><name/>, dass Sie gegenwärtig mit der Neubearbeitung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1485"/>Ihres „<name>Goethe</name>“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1485"/> beschäftigt sind, aber gerade auch bei <name>Goethe</name> finden sich merkwürdige Stellen, aus denen hervorgeht, dass gerade für ihn die Fiction oder die bewusste <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1486"/>Selbsttäuschung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1486"/> ein wichtiges Moment der Weltanschauung war. Besonders erkannte er die Bedeutung dieser bewussten Selbsttäuschung für die Kunst. Hierüber ist übrigens auch schon im Jahre 1904 eine eigene kleine Schrift erschienen: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1487"/>„Die Illusionstheorie und Goethes Ästhetik“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1487"/>. <name>Heyfelder</name> ist ein Anhänger der Ästhetik von <name>Konrad Lange</name> (Professor an der Universität Tübingen), welcher in seinem Werke <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1488"/>„Das Wesen der Kunst“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1488"/> die bewusste Selbsttäuschung als ein Hauptprinzip aller Kunst erkannte. Über das Verhältnis von <name>Konrad Lange</name>s Theorie zu meiner eigenen habe ich in der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1489"/>Einleitung meines Buches Seite XIII<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1489"/> einiges gesagt.</p><p>So dürfte es gerade jetzt für Sie und für Ihr grosses und schönes <name>Goethe</name>werk von Wert sein, diese Seite der <name>Goethe</name>schen Auffassung von Kunst und Leben, von Wissenschaft und Religion besonders scharf ins Auge zu fassen. <name>Goethe</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1490"/>erkannte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1490"/> den Wert und die Notwendigkeit des Scheines und der Täuschung in allen diesen Gebieten.</p><p>In meiner Philosophie des Als ob habe ich diese Auffassung von einem allgemeinen Gesichtspunkt aus zu begründen gesucht. Dieser allgemeine Gesichtspunkt erlaubt es mir, die Fictionen auch in allen Gebieten der einzelnen Wissenschaften zu verfolgen, und die Bedeutung der Fiction für die ganze Methodologie überhaupt durchzuführen, besonders auch durch verschiedene Naturwissenschaften.</p><p>Die seltene enzyklopädische Bildung, deren Sie sich erfreuen, und welche in der heutigen Zeit des Spezialistentums doppelt wertvoll ist, setzt Sie in den Stand, dasjenige nachzuprüfen, was ich darüber sagen konnte. Ein schweres Augenleiden, welches mir seit Jahren das Lesen immer mehr unmöglich gemacht hat, hat mich verhindert, meinem Buche denjenigen Abschluss zu geben, den ich ihm gerne hätte angedeihen lassen, und so werden Sie in dem Werke viele Lücken finden; aber auch in seiner jetzigen Form vermag es doch vielleicht Ihr Interesse zu erwecken.</p><p>Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener</p><signed>Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1476"><lem>Houston</lem><rdg>u</rdg><note> <abbr>hs.</abbr> mit schwarzer Tinte eingefügt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1477"><lem>Stuart</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1478"><lem>mit Ihnen in Verbindung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Briefwechsel Vaihinger/Chamberlain in den Jahren 1900, 1902, 1903 <abbr>u.</abbr> 1904.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1479"><lem>habe</lem><rdg>haben</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1480"><lem>Ihren Namen genannt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob, 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1913, <abbr>S.</abbr> XIV.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1481"><lem>zu haben</lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1482"><lem><name>Wagner</name>-Werkes</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Chamberlain vom 9.12.1902</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1484"><lem><name>Ludowici</name></lem><rdg>Ludovici</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1483"><lem>Konsul <name>Ludowici</name><name/></lem><note><abbr>d. i.</abbr> <name>August Ludowici</name> (1866–1945), Ziegelfabrikant, Mäcen und Freund <name>Chamberlain</name>s, der <abbr>u. a.</abbr> 1902 15 000 Mark zur Verfügung stellte, um das Werk: Grundlagen des XIX. Neunzehnten Jahrhunderts kostenlos an Schulen und öffentliche Bibliotheken ausgeben zu können (<abbr>vgl.</abbr> Klaus E. Bohnenkamp (<abbr>Hg.</abbr>): Rudolf Kassner und Houston Stewart Chamberlain. Briefe und Dokumente einer Freundschaft. Berlin/Münster: Lit 2020, <abbr>S.</abbr> 16, <abbr>Anm.</abbr> 72).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1485"><lem>Ihres „<name>Goethe</name>“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Chamberlain: Goethe. München: Bruckmann 1912; 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1919, 3. <abbr>Aufl.</abbr>1921.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1486"><lem>Selbsttäuschung</lem><rdg>Selbstäuschung</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1487"><lem>„Die Illusionstheorie und Goethes Ästhetik“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Erich Heyfelder: Die Illusionstheorie und Goethes Ästhetik. Freiburg i. B.: Heyfelder 1904 (Ästhetische Studien Heft 2).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1488"><lem>„Das Wesen der Kunst“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Konrad Lange: Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer illusionistischen Kunstlehre. Berlin: Grote 1901; 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1907.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1489"><lem>Einleitung meines Buches Seite XIII</lem><note>in: Die Philosophie des Als Ob, 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1913.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1490"><lem>erkannte</lem><rdg>erkannte,</rdg></app></listApp></back></text></TEI>