<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001232-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Cäsar Flaischlen</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>3.1.1916</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ.-Prof. </quote><quote type="rdg">Dr.</quote><quote type="rdg"> Vaihinger | </quote><quote type="rdg">Halle a. S.</quote><quote type="rdg"> | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A. Flaischlen, Cäsar</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1232" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001232-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1916-01-03">3.1.1916</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118683829">Cäsar Flaischlen</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116996579">Arthur Liebert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116659297">Carl Heine</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118683829">Cäsar Flaischlen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117148199">Karl Joël</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116703652">Konrad von Lange</name></note><note type="repository">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A. Flaischlen, Cäsar</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Cäsar Flaischlen</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>3.1.1916</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ.-Prof. </quote><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1456"/><quote type="rdg">Dr.</quote><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1456"/><quote type="rdg"> Vaihinger | </quote><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1457"/><quote type="rdg">Halle a. S.</quote><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1457"/><quote type="rdg"> | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A. Flaischlen, Cäsar</bibl></head></front><body><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1458"/>3.1.1916<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1458"/></dateline><salute>Hochgeehrter Herr Doktor!</salute><p>Im Laufe dieses Sommers erhielt ich einen freundlichen Gruss durch Vermittlung meines Freundes <abbr>Dr.</abbr> <name>Liebert</name>, meines Stellvertreters in der Geschäftsführung der Kantgesellschaft. Ihr liebenswürdiger Gruss hat mich sehr erfreut, denn immer gedenke ich noch gelegentlich, sooft ich an das Stift und an die Tübinger Theologen denke, auch Ihres <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1459"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1460"/>Martin Lehnhardt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1459"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1460"/>, welcher vor <abbr>ca.</abbr> 20 Jahren hier in den „Kaisersälen“ durch die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1461"/>Truppe des <abbr>Dr.</abbr> Heine<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1461"/> hier aufgeführt worden ist (welchem es, nebenbei bemerkt, jetzt sehr schlecht geht, und der, soviel ich weiss, in Berlin lebt). Sie haben unterdessen durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1462"/>Ihre Werke<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1462"/> sich einen sehr guten Namen gemacht und Ihre Wirksamkeit greift immer mehr um sich. Vor einiger Zeit verschenkte ich Ihr Buch „Von Alltag und Sonne“ an ein junges Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte zu ihrem Geburtstag, als gerade dieses Buch. Meine Tätigkeit ging zum grossen Teile auf in der Begründung der „Kantstudien“ und der „Kantgesellschaft“: von der Tätigkeit der letzteren, speziell von den durch sie in Berlin veranstalteten Vorträgen haben Sie ja wohl gelegentlich in den Berliner Zeitungen gelesen. Ich habe noch keinem dieser Vorträge beigewohnt, aber am nächsten Donnerstag, dem 6. Januar, werde ich den Vortrag des Professor <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1463"/><name>Joël</name> aus Basel über „Vernunft und Geschichte“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1463"/> besuchen, da ich gerade ohnedies in Sachen der Kantgesellschaft <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1464"/>in Berlin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1464"/> zu tun habe. Das allgemein interessante Thema erweckt vielleicht auch Ihr Interesse und so erlaube ich mir, Ihnen eine Karte dazu zu übersenden. Es würde mich sehr freuen, Sie an diesem Abend persönlich begrüssen zu dürfen. Freilich werde ich Sie <pb/> schwerlich mehr erkennen, aber nicht etwa deshalb, weil Sie älter geworden sind, sondern deshalb weil meine Augen so schwach geworden sind, dass ich fast nichts mehr sehe.</p><p>Von meiner übrigen Tätigkeit ist Ihnen vielleicht einmal gelegentlich der Titel meiner „Philosophie des Als Ob“ in Zeitungen oder Zeitschriften vorgekommen. Auf dieses Werk bezieht sich auch eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1465"/>Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1465"/>, die ich Ihnen zu senden mir erlaube: sie ist nicht in dem üblichen philosophischen Jargon geschrieben und ist, wie mir von Lesern derselben gesagt wird, sogar sehr unterhaltend.</p><p>Der Grundgedanke meiner „Philosophie des Als Ob“ ist gerade für einen Dichter vielleicht besonders anziehend: denn es handelt sich dabei um den Wert <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1466"/>bewusster Dichtung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1466"/> in der Wissenschaft und im Leben, um „bewusste Selbsttäuschung“ worin ja auch das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1467"/>Wesen der Kunst besteht, wie der Tübinger Professor <name>Conrad Lange</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1467"/> nachgewiesen hat. So mag vielleicht der Prospekt meines Verlegers über das genannte Werk Sie vielleicht interessieren, da eben dieser Prospekt einen belehrenden Einblick in die philosophischen Probleme und Strömungen der Gegenwart gibt.</p><p>In der Hoffnung, Sie am Donnerstag wieder zu sehen, mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1468"/>landsmannschaftlichem Gruss<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1468"/> Ihr ergebener</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1469"/>Vaihinger<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1469"/></signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1458"><lem>3.1.1916</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> um 90° gedreht von Flaischlens <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg><hi rend="underline">Vaihinger</hi> | 3/i 15 </rdg><note>[!]</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1459"><lem>Martin Lehnhardt</lem><note>mit Rotstift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1460"><lem>Martin Lehnhardt</lem><note>Drama, 1895.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1461"><lem>Truppe des <abbr>Dr.</abbr> Heine</lem><note>meint wahrscheinlich: <name>Carl Heine</name> (1861–1927), Regisseur, Dramaturg und Oberspielleiter (<abbr>NDB</abbr>), führte in der Spielzeit 1895/1896 in Leipzig Regie für mehrere Stücke, darunter Flaischlens Drama Martin Lehnhardt (<abbr>vgl.</abbr> Merian, Hans: Die Saison 1895/96 der „Litterarischen Gesellschaft“ in Leipzig. In: Die Gesellschaft. Halbmonatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik 14 (1898), <abbr>S.</abbr> 804–810). Aufführung in Halle nicht ermittelt.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1462"><lem>Ihre Werke</lem><note>für eine Bibliographie <abbr>vgl.</abbr> <ref type="link">https://www.hab-sonne-im-herzen.de/</ref> (30.8.2022).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1463"><lem><name>Joël</name> aus Basel über „Vernunft und Geschichte“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Mitteilung in Kant-Studien 21 (1916/1917), <abbr>S.</abbr> 358: </note><rdg>Die Einrichtung von Vortragsabenden in Berlin wird auch im Jahre 1916 aufrecht erhalten. Wieder werden voraussichtlich acht Vorträge stattfinden, in die sich wissenschaftlich anerkannte Vertreter der verschiedenen Richtungen der zeitgenössischen Philosophie teilen werden. (Im Januar sprach bereits Prof. Dr. Karl Joël von der Universität Basel über: „Vernunft und Geschichte“)</rdg><note>; am 6.1.1916 (<abbr>vgl.</abbr> <abbr>dass.</abbr> <abbr>S.</abbr> 474). – <abbr>Vgl.</abbr> Karl Joël: Die Vernunft in der Geschichte. München: Bruckmann 1916 (Weltkultur und Weltpolitik. Deutsche und österreichische Schriftenfolge. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Ernst Jäckh in Berlin und vom Institut für Kulturforschung in Wien. Deutsche Folge 9; <ref type="link">https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1035343134#page/n3/mode/2up</ref> (18.9.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1464"><lem>in Berlin</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Rudolf Eucken vom 5.1.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1465"><lem>Abhandlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Flaischlen an Vaihinger vom 8.1.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1466"><lem>bewusster Dichtung</lem><note>mit Bleistift unterstrichen, am linken <abbr>Rd.</abbr> von Flaischlens <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>vgl. dazu Jost V. 89/90</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1467"><lem>Wesen der Kunst … Conrad Lange</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Konrad Lange: Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer illusionistischen Kunstlehre. Berlin: Grote 1901; 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1907.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1468"><lem>landsmannschaftlichem Gruss</lem><note><name>Flaischlen</name> war gebürtiger Stuttgarter (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1469"><lem>Vaihinger</lem><note>links gegenüber von Flaischlens <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>die Broschüre unter Manuskript gelegt. / ist in der Tat zu verwenden.</rdg></app></listApp></back></text></TEI>