<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001138-9</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Wilhelm Wundt</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>15.8.1912</date>, <note>4 S., hs. (eigenhändig mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">GEH. REG.–RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Leipzig, </bibl><ref type="link">https://collections.uni-leipzig.de/item/UBLNachlassWundt_mods_00001138</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1138" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001138-9"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1912-08-15">15.8.1912</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11863562X">Wilhelm Wundt</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118724681">Felix Krueger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118739603">Friedrich Paulsen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11863562X">Wilhelm Wundt</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Leipzig</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Wilhelm Wundt</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>15.8.1912</date>, <note>4 S., hs. (eigenhändig mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">GEH. REG.–RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Leipzig, </bibl><ref type="link">https://collections.uni-leipzig.de/item/UBLNachlassWundt_mods_00001138</ref></head></front><body><dateline>15.VIII.12</dateline><salute><abbr>Ew</abbr> Excellenz.</salute><p>In dem, gewiß schier unübersehbaren Reigen der Gratulanten zu Ihrem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-840"/>80. Geburtstage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-840"/>, möchte ich nicht fehlen; habe ich doch auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-841"/>vor nunmehr fast 40 Jahren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-841"/> noch in Leipzig zu Ihren Füßen gesessen.</p><p>Vielleicht haben Sie, durch meine <hi rend="underline">frühere</hi> Tätigkeit, den Eindruck gewonnen, daß ich damals bei Ihnen nicht allzuviel gelernt habe: sonst hätte ich nicht die „<name>Kant</name>-Philologie“ zu meinem Felde erkoren. <pb/> Daß ich mich mit <name>Kant</name> so intensiv beschäftigt habe, hatte zunächst rein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-842"/>äußere Gründe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-842"/>.</p><p>Jetzt aber habe ich vor Kurzem meine <hi rend="underline">eigene</hi> Weltanschauung zum Ausdruck gebracht in meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-844"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-845"/><hi rend="underline">„Philosophie des Als Ob“</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-844"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-845"/> – diese aber stammt ihrer Entstehung und Ausführung nach gerade <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-846"/>aus der Zeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-846"/>, in der ich das Glück hatte, Ihre ausgezeichneten Vorlesungen in Leipzig zu hören.</p><p>Meine Weltanschauung ist durch die Eindrücke, die ich in <pb/> Ihren Vorlesungen und durch Ihre Persönlichkeit bekam, erheblich mitbestimmt worden: ist meine eigene Anschauung doch durchaus <hi rend="underline">psychologisch</hi> und dazu <hi rend="underline">voluntaristisch</hi>.</p><p>Darum sind die eigentlichen und echten <name>Kant</name>ianer mir sehr gram: aber ich selbst freue mich, daß es mir noch vergönnt war, meiner eigenen Anschauung Ausdruck zu verleihen. In der Vorrede zu meinem Werk habe ich daher, um jene Coïncidenz mit wesentlichen Grundgedanken von Ihnen zur Geltung zu bringen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-847"/>auch <pb/> Ihren Namen genannt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-847"/> unter denen, mit denen mich sachliche Beziehungen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-848"/>verknüpfen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-848"/>.</p><p>So mögen Sie daraus wenigstens so viel entnehmen, daß Sie auch den Samen ausgestreut haben, wo es nicht so zu sein schien; jedenfalls fühle ich mich Ihnen und Ihrem Unterricht verpflichtet.</p><p>Mögen Ihnen, bei Ihrer bewundernswerten Frische, noch viele Jahre fruchtbaren Wirkens beschieden sein: Wie frisch Sie noch sind, weiß ich nicht blos aus Ihrer literarischen Tätigkeit, sondern insbesondre auch aus den Schilderungen unseres <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-849"/>hiesigen Collegen <name>Krueger</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-849"/><name/>, der mir oft von Ihnen erzählt.</p><p>In alter Verehrung <abbr>Ew.</abbr> Excellenz ganz ergebenster</p><signed>H. Vaihinger.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-840"><lem>80. Geburtstage</lem><note>am 16.8.1912</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-841"><lem>vor nunmehr fast 40 Jahren</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Wundt vom 14.8.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-842"><lem>äußere Gründe</lem><note>des Gelderwerbs, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Wie die Philosophie des Als Ob entstand. In: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen <abbr>Bd.</abbr> 2. <abbr>Hg. v.</abbr> Raymund Schmidt. Leipzig: Meiner 1921, <abbr>S.</abbr> 191–192: </note><rdg>In den letzten Monaten des Jahres 1876 schrieb ich nun als Habilitationsschrift meine Gedanken in einem großen Manuskript nieder, dem ich den Titel gab: „Logische Untersuchungen. 1. Teil: Die Lehre von der wissenschaftlichen Fiktion.“ Da ich seit mehreren Jahren das Material sorgfältig gesammelt und oft und gründlich durchdacht hatte, ging die Niederschrift rasch vor sich. Zu Neujahr reichte ich das Manuskript ein und Ende Februar 1877 hatte ich schon die venia legendi in der Hand. Was ich an der Fakultät einreichte und was sie in dieser Weise approbierte, das ist genau dasselbe, was ich im Jahre 1911 als „erster prinzipieller Teil“ der „Philosophie des Als-Ob“ im Druck erschienen ist. Ich entwickelte darin das ganze System der wissenschaftlichen Fiktionen, d. h. der Als-Ob-Betrachtungen, die in den verschiedensten Wissenschaften praktisch angewendet werden, und suchte eine erschöpfende Theorie dieses mannigfaltigen Als-Ob-Verfahrens zu geben. Aber mit Laas betrachtete ich selbst diese Habilitationsschrift nur als einen ersten Entwurf, der noch vielfacher Ergänzung und Verbesserung bedürfe und so verwendete ich die nächsten beiden Jahre, soweit mir die Vorlesungstätigkeit dazu Zeit ließ, dazu an, das Manuskript umzuarbeiten. Diese Tätigkeit wurde genau nach zwei Jahren, im Januar 1879, jäh unterbrochen. Der Tod meines Vaters nötigte mich, mich </rdg><note/><rdg>nach</rdg><note><anchor type="delimiter"/></note><rdg> einer lohnenderen Tätigkeit umzusehen und so schloß ich mit dem weitblickenden und großherzigen Verleger W. Spemann einen für mich sehr günstigen Vertrag über einen Kantkommentar zum hundertjährigen Jubiläum von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ für 1881.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-844"><lem><hi rend="underline">„Philosophie des Als Ob“</hi></lem><note>mit Bleistift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-845"><lem><hi rend="underline">„Philosophie des Als Ob“</hi></lem><note>Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus. Mit einem Anhang über Kant und Nietzsche. Berlin: Reuther &amp; Reichard 1911.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-846"><lem>aus der Zeit</lem><note>des Studienaufenthalts Vaihingers in Leipzig, <abbr>WS</abbr> 1874/1875–<abbr>WS</abbr> 1875/1876.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-847"><lem>auch Ihren Namen genannt </lem><note>in den </note><rdg>Vorbemerkungen zur Einführung</rdg><note> zu: Philosophie des Als Ob (1911) wird <name>Wundt</name> mit <name>Friedrich Paulsen</name> als Vertreter eines Voluntarismus und somit als Wegbereiter einer Philosophie des Als Ob aufgeführt.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-848"><lem>verknüpfen</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-849"><lem>hiesigen Collegen <name>Krueger</name></lem><note><name>Felix Krueger</name> (1874–1948), Psychologe, <abbr>u. a.</abbr> 1898–1899 an <name>Wundt</name>s Leipziger Institut für experimentelle Psychologie, 1910–1917 <abbr>o. Prof.</abbr> in Halle, 1917 Nachfolger <name>Wundt</name>s in Leipzig (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app></listApp></back></text></TEI>