<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001107-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Ferdinand Canning Scott Schiller</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Oxford</placeName>, <date>18.10.1911</date>, <note>6 S., hs., Briefkopf mit Wappen </note><quote type="rdg">Corpus Christi College, | Oxford</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 e</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1107" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001107-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11726718X">Ferdinand Canning Scott Schiller</persName><placeName>Oxford</placeName><date when="1911-10-18">18.10.1911</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name>F. C. S. Schiller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117673897">George Frederick Stout</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 e</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Ferdinand Canning Scott Schiller</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Oxford</placeName>, <date>18.10.1911</date>, <note>6 S., hs., Briefkopf mit Wappen </note><quote type="rdg">Corpus Christi College, | Oxford</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 e</bibl></head></front><body><dateline>18/10/11</dateline><salute>Hochgeehrter Herr Kollege,</salute><p>Ihre hochinteressanten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-577"/>Zeilen vom 16<hi rend="superscript">ten</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-577"/> waren mir um so mehr willkommen weil ich schon diesen Sommer, nachdem ich Ihr grosses Als-Ob studiert hatte, nur durch die Furcht Ihnen mit Briefen lästig zu fallen daran verhindert wurde Ihnen zu schreiben, und Ihnen mitzuteilen, wie sehr ich die Lektüre Ihres Buches genossen hatte, &amp; wie viel Anregung <pb/> &amp; Belehrung ich daraus geschöpft hatte. Tatsächlich wurde die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-578"/>Besprechung für ‛Mind’<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-578"/> so ausführlich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-579"/>dass<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-579"/> dieselbe wohl als Artikel erscheinen wird, aber ich habe nichts weiter darüber erfahren &amp; weiss auch nicht wann es <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-580"/><abbr>Prof.</abbr> <name>Stout</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-580"/><name/> passen wird es zu drucken. Ich glaube aber dass Ihnen die Arbeit im ganzen gefallen wird, da ich nicht meine Bewunderung Ihres Werkes ausgesprochen habe, <pb/> sondern die Hauptideen genauer erörtert habe, <abbr>z. B.</abbr> den Begriff der Fiktion. Jedenfalls werden Sie daraus ersehen wie weit unsere Gedankengänge mit einander gehen &amp; wo &amp; weshalb sie am Ende <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-581"/>etwas<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-581"/> auseinandergehen, obgleich ich auf diese Divergenz bei der viel grössern &amp; wichtigeren Übereinstimmung sehr wenig Gewicht legen würde. Es scheint mir aber doch dass der Als-Ob-Standpunkt <hi rend="underline">psychologisch</hi> sehr schwer haltbar ist, <abbr>d. h.</abbr> dass man nicht umhin kann, nachdem man längere Zeit eine Ansicht als praktisch notwendig behandelt hat, schliesslich selber daran zu glau<pb/>ben, &amp; selbst wenn man es nicht täte, so kämen doch Andere die es fertig brächten. So wird schliesslich doch soziale ‛Wahrheit’ daraus. Oder aber man <hi rend="underline">kann</hi> nicht handeln ‛als ob’ die Sache wahr wäre, eben weil man sie als unwahr erkennt. – Was den Unterschied zwischen Hypothese &amp; Fiktion anbetrifft, so scheint mir derselbe begrifflich so zu sein wie Sie gesagt; in der Anwendung aber liegt die Sache doch verwickelter: es können sich Fiktionen in Hypothesen &amp; in Tatsachen verwandeln, &amp; es ist oft schwer zu sagen, was eine Annahme ist, wie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-582"/><abbr>z. B.</abbr><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-582"/><abbr/> die ‛Denkgesetze’. Das geben Sie ja aber auch zu. <pb/></p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-583"/>Falls<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-583"/> es Ihnen passte, wäre es mir sehr lieb, wenn Sie meine Besprechung noch im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-584"/>MS<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-584"/> berichtigen könnten &amp; ich würde dann an <abbr>Prof.</abbr> <name>Stout</name> schreiben &amp; ihn bitten es <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-585"/>Ihnen oder<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-585"/> mir zurück <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-586"/>zu schicken<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-586"/>.</p><p>Vielen Dank für die gütige Zusendung der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-587"/>Preisaufgabe über den <name>Kant</name>ischen Wahrheitsbegriff<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-587"/>. Voraussichtlich aber werde ich keine Zeit haben mich darum <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-588"/>zu bewerben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-588"/>, da mich die Ausarbeitung der neuen voluntaristischen Logik immer mehr in Anspruch nimmt. Dabei stellt sich heraus dass der Intellektualismus keinen rechten Wahrheitsbegriff hat weil er vom Unterschied zwischen <pb/> Wahrheit &amp; Irrtum abstrahieren musste. Er abstrahiert aber noch von viel mehr, <abbr>u. A.</abbr> auch von der eigentlichen <hi rend="underline">Bedeutung</hi> jeder Aussage. In Folge dessen ist die rein formale Logik eigentlich <hi rend="underline">sinnlos</hi>. Der systematische Nachweis wird durch eine Kritik der formalen Logik erbracht die im Januar erscheinen soll, &amp; mir selber als das Bedeutendste erscheint das ich bisher geliefert habe, &amp; dem Rationalismus noch schärfer &amp; <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-589"/>viel<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-589"/> systematischer zu Leibe geht als alles was der Pragmatismus bisher zu Tage befördert hat. Eine Folge davon ist aber dass es sich nicht mehr lohnt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-590"/>sich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-590"/> nur um den Wahrheitsbegriff zu streiten. Ich hoffe Sie gestatten mir Ihnen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-591"/>das Buch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-591"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-592"/>zu schicken<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-592"/>.</p><p>Dass meine <name>Kant</name>-Auslegungen Ihren Beifall haben beglückt mich sehr.</p><p>Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener</p><signed>F. C. S. Schiller.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-577"><lem>Zeilen vom 16<hi rend="superscript">ten</hi></lem><note>nicht ermittelt, nicht nachgewiesen in: University of California Los Angeles, Ferdinand Canning Scott Schiller Papers (<ref type="link">https://oac.cdlib.org/findaid/ark:/13030/kt5q2nb18w/</ref> (16.9.2024)). <abbr>Vgl.</abbr> F. C. S. Schiller an Vaihinger vom 13.4.1911.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-578"><lem>Besprechung für ‛Mind’</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Besprechung über Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob von <name>F. C. S. Schiller</name> in: Mind 21 (1912), <abbr>S.</abbr> 93–104.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-579"><lem>dass</lem><rdg>das</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-580"><lem><abbr>Prof.</abbr> <name>Stout</name></lem><note><name>George Frederick Stout</name> (1860–1944), <abbr>Hg.</abbr> der Zeitschrift Mind.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-581"><lem>etwas</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-582"><lem><abbr>z. B.</abbr></lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>der Identitätssatz</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-583"><lem>Falls</lem><note>am Kopf des neuen Briefbogens Briefkopf wie oben, paginiert: </note><rdg>5</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-584"><lem>MS</lem><note>aufzulösen: Manuskript</note></app><app type="philological" corresp="#ED-585"><lem>Ihnen oder</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-586"><lem>zu schicken</lem><rdg>zuschicken</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-587"><lem>Preisaufgabe über den <name>Kant</name>ischen Wahrheitsbegriff</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Kant-Studien 15 (1910), <abbr>S.</abbr> 395–398: Fünftes Preisausschreiben der „Kantgesellschaft“. Kants Begriff der Wahrheit und seine Bedeutung für die erkenntnistheoretischen Fragen der Gegenwart (ausgeschrieben Juli 1910).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-588"><lem>zu bewerben</lem><rdg>zubewerben</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-589"><lem>viel</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-590"><lem>sich</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-591"><lem>das Buch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> F. C. S. Schiller: Formal Logic. A Scientific and Social Problem. London: Macmillan and Co. 1912. – Später erschien von demselben: Logic for Use. An Introduction to the Voluntarist Theory of Knowledge. London: Bell 1929.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-592"><lem>zu schicken</lem><rdg>zuschicken</rdg></app></listApp></back></text></TEI>