<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001078-7</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Ernst Mach</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>29.5.1911</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">KANTGESELLSCHAFT. | GESCHÄFTSFÜHRER: PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Historisches Museum München, Nachlass Ernst Mach, </bibl><ref type="link">https://digital.deutsches-museum.de/item/NL-174-3117/</ref></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1078" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001078-7"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1911-05-29">29.5.1911</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118575767">Ernst Mach</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118933299">Carl Stumpf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116718757">James</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118575767">Ernst Mach</name></note><note type="repository">Deutsches Historisches Museum München, Nachlass Ernst Mach,</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-274"/><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Ernst Mach</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>29.5.1911</date><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-274"/>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">KANTGESELLSCHAFT. | GESCHÄFTSFÜHRER: PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Historisches Museum München, Nachlass Ernst Mach, </bibl><ref type="link">https://digital.deutsches-museum.de/item/NL-174-3117/</ref></head></front><body><dateline>29.5.1911.</dateline><salute>Hochverehrter Herr College!</salute><p>Haben Sie verbindlichsten Dank erstens einmal für die liebenswürdige Uebersendung der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-275"/>beiden Abhandlungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-275"/>, welche mir von Ihnen selbst zugegangen sind; beide haben mich sehr interessiert, besonders die grundlegende Abhandlung über die „Sinnlichen Elemente und naturwissenschaftliche Begriffe“. Die Letztere behandelt mit der Ihnen eigentümlichen Gründlichkeit fundamentale Fragen der naturwissenschaftlichen Methode. Mit besonderem Interesse las ich Ihre Auseinandersetzung mit <name>Stumpf</name>, weil ich dessen Vortrag s<add>[einer]</add> Z<add>[eit]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-276"/>in München angehört<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-276"/> habe.</p><p>Zweitens – bin ich Ihnen vor Allem aber auch herzlichen Dank schuldig für die gütige Uebersendung Ihrer beiden großen Werke, durch welche Ihre fundamentale Schrift: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-277"/>„Die Analyse der Empfindungen“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-277"/> in so glücklicher und eindringlicher Weise ergänzt wird. <pb/></p><p>Das Buch über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-278"/>„Erkenntnis und Irrtum“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-278"/> besitze ich in der ersten Auflage, die ich nunmehr dem hiesigen philosoph<add>[ischen]</add> Seminar stiften werde, nachdem Sie mir in so liebenswürdiger Weise die zweite durchgesehene Auflage geschenkt haben; das Werk ist mir schon deshalb wohlbekannt, weil ich, als ich noch mein Amt ausübte, das ich im Jahre 1906 wegen meines Augenleidens niedergelegt habe, damals gerade noch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-279"/>eine Staatsexamensaufgabe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-279"/> aus dem Buche einem Kandidaten geben konnte. Von besonderem Wert sind mir weiterhin <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-280"/>Ihre populären wissenschaftlichen Vorlesungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-280"/>, die ich bis jetzt noch nicht besessen habe, die mir aber gerade in meiner jetzigen Lage eine sehr willkommene Lektüre sind; daß dieses Buch dem Pragmatisten <name>James</name> gewidmet ist, ist mir besonders deshalb interessant, weil auch mir die Beziehungen meiner eigenen Anschauung zum Pragmatismus besonders wichtig sind. Ich hatte ursprünglich sogar die Idee, auf dem Titelblatt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-281"/>meines Buches<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-281"/> meine Richtung als „Kritischen Pragmatismus“ zu bezeichnen; ich unterließ es nur, weil ich damit etwas Unhistorisches in den Titel hineingebracht hätte, da ich meine Richtung damals, <pb/> als ich das Buch schrieb, (1877) eben als „idealistischen Positivismus“ bezeichnet habe. Und so habe ich diese Bezeichnung aus historischen Gründen beibehalten, aber auch aus sachlichen, da damit meine Richtung noch besser gekennzeichnet wird.</p><p>Daß Sie dem Unterschied der Fiktionen von der Hypothese eine besondere Aufmerksamkeit zuwenden wollen, ist mir sehr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-282"/>wertvoll zu erfahren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-282"/>; Sie haben damit ganz richtig erkannt, daß dieser Unterschied bisher nicht genügend beachtet worden ist. Es ist in der Tat sehr notwendig, hier haarscharf und prinzipiell einen Schnitt zu machen. Bei Ihren tiefgründigen naturwissenschaftlichen Erfahrungen, und bei Ihren ausgebreiteten historischen Kenntnissen wird es Ihnen möglich sein, bessere und treffendere Beispiele für die Bedeutung dieses Unterschiedes beizubringen, als es mir im Jahre 1877 möglich war. Es wäre überaus wertvoll, wenn Sie über diesen Unterschied <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-283"/>eine eigene Abhandlung schreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-283"/> wollten, damit dieser Punkt auch von naturwissenschaftlicher Seite gründlich geklärt würde; ich wüßte nicht, wer sonst <pb/> die Verbindung naturwissenschaftlicher und philosoph<add>[ischer]</add> Erkenntnis in demselben Maße besäße wie Sie, um diese methodische Frage erschöpfend zu beantworten.</p><p>In aufrichtiger Verehrung, Ihr ergebenster</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-284"/>H. Vaihinger</signed><postscript><p>Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie durch mein Buch veranlaßt würden, dem Unterschied der Fiktionen von den Hypothesen <abbr>u. s. w.</abbr> eine eigene Abhandlung zu widmen, und sehe einer solchen Publication mit großer Spannung entgegen.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-284"/></p></postscript></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-275"><lem>beiden Abhandlungen</lem><note>darunter von Mach: Sinnliche Elemente und naturwissenschaftliche Begriffe. In: Pflüger’s Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere 136 (1910), <abbr>S.</abbr> 263–274, mit ausführlicher Diskussion kritischer Bemerkungen von <name>Carl Stumpf</name>, <abbr>vgl.</abbr> dort <abbr>S.</abbr> 267–268, <abbr>Anm.</abbr> 1, deren 1. Satz lautet:</note><rdg> Zur Eröffnung des internationalen Kongresses für Psychologie in München, 4. August 1896, hat Prof. Dr. C. Stumpf eine Rede gehalten, in welcher er auch meine Erkenntnispsychologie einer Kritik unterzieht.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-276"><lem>in München angehört</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Bericht: Dritter Internationaler Congress für Psychologie in München vom 4. bis 7. August 1896. München: Lehmann 1897.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-277"><lem>„Die Analyse der Empfindungen“</lem><note><abbr>vgl</abbr>. Mach: Beiträge zur Analyse der Empfindungen. Jena: Fischer 1886.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-278"><lem>„Erkenntnis und Irrtum“</lem><note>Mach: Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologie der Forschung. 2., durchgesehene <abbr>Aufl.</abbr> Leipzig: Barth 1906. Zuerst 1905.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-279"><lem>eine Staatsexamensaufgabe</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-280"><lem>Ihre populären wissenschaftlichen Vorlesungen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Mach: Populär-wissenschaftliche Vorlesungen. 4., vermehrte <abbr>u.</abbr> durchgesehene <abbr>Aufl.</abbr> Leipzig: Barth 1910. Herrn Professor William James in Sympathie und Hochachtung gewidmet vom Verfasser. Zuerst 1896, die Widmung zuerst in 3. <abbr>Aufl.</abbr> 1903.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-281"><lem>meines Buches</lem><note>Die Philosophie des Als Ob (1911).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-282"><lem>wertvoll zu erfahren</lem><note>aus dem Jahr 1911 sind keine Schreiben <name>Mach</name>s an Vaihinger überliefert.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-283"><lem>eine eigene Abhandlung schreiben</lem><note><name>Mach</name> hat sich nicht in einer eigenen Abhandlung über dieses Thema geäußert.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-284"><lem>H. … entgegen.</lem><note> eigenhändig</note></app></listApp></back></text></TEI>