<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001067-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Hans Prager</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>15.5.1911</date>, <note>6 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. H. VAIHINGER | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131781</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1067" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001067-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1911-05-15">15.5.1911</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116280042">Hans Prager</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131781</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Hans Prager</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>15.5.1911</date>, <note>6 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. H. VAIHINGER | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131781</bibl></head></front><body><dateline>15. Mai 1911.</dateline><salute>Sehr geehrter Herr!</salute><p>Gestern – am Sonntag bin ich endlich dazugekommen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-194"/>Ihre Abhandlung in dem Wiener-Studentenbuch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-194"/> in Ruhe durchzulesen; <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-195"/>zu<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-195"/> meiner Genugtuung kann ich Ihnen mitteilen, daß ich mit dem Grundgedanken Ihrer Abhandlung durchaus einverstanden bin und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-196"/>ihn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-196"/> für sehr treffend halte. Daß Sie zwischen <hi rend="underline">philosophiren</hi> und <hi rend="underline">Philosophie</hi> einen scharfen Unterschied machen, ist nur zu billigen, ebenso verdient es Anerkennung, wenn Sie im Verfolg dieses Gedankens die These durchführen, daß zwar der Jugend eine besondere Art des Philosophierens eigne, <abbr>d. h.</abbr>: die <hi rend="underline">subjektive</hi> Art und Weise, wie sich die philosophische <pb/> Tätigkeit manifestiere, daß man aber deshalb durchaus nicht sagen könne, daß die Philosophie eines jungen Mannes weniger <hi rend="underline">objektiven</hi> Wert habe, als die eines Älteren.</p><p>Ich akzeptiere diese richtige Bemerkung um so lieber, als sie ganz auf meinen eigenen Fall paßt. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-197"/>Das Werk<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-197"/>, welches ich jetzt als bald 60jähriger herausgegeben habe, habe ich als 25jähriger verfaßt (wenigstens in seinen beiden ersten Teilen); den 3. Teil habe ich jetzt neu geschrieben, aber doch nur auf Grund der damaligen Konzeptionen. Was ich als 25jähriger geschrieben habe, hat trotz der subjektiven Färbung, welche diesem Alter eignet, und die sich besonders im ersten Teile <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-198"/>manchmal störend<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-198"/> geltend macht, doch vielleicht einen objektiv bedeutenden Wert und ich hoffe, daß die Geschichte der Philosophie das anerkennen wird.</p><p>Freilich wäre es mir von Wert, wenn ich nicht erst auf das Urteil der Historiker der Phi<pb/>losophie warten müßte, denn das würde ich vielleicht nicht mehr erleben, sondern, wenn auch schon in der Gegenwart die Bedeutung des Werkes anerkannt würde.</p><p>Insofern möchte ich dasjenige, was Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-199"/>Seite 166 in der Mitte sagen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-199"/>, etwas zurecht stellen: Sie meinen, daß „einzig die Geschichte lehren könne, welche philosophische Tätigkeit für die Vertiefung des Menschengeschlechts dienstbar gewesen sei“; aber dann würde ja niemals ein Urteil eines Kritikers über ein soeben erscheinendes Werk berechtigt sein. Dann würde niemals ein Kritiker sagen können, daß dieses oder jenes Werk von Bedeutung sei; sicher meinen Sie dies selbst auch, und nur die Ausdrucksweise auf Seite 166 kann in dieser mißverständlichen Weise aufgefaßt werden.</p><p>Auch an einigen anderen Stellen kann der Ausdruck zu Mißverständnissen Ver<pb/>anlassung geben: So, wenn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-200"/>Sie sagen auf Seite 167<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-200"/>: „Daß die Erkenntnistheorie jeder wissenschaftliche Betätigung vorangehe“; das ist theoretisch ganz richtig, daß die Erkenntnis-Theorie das Fundament aller wissenschaftlicher Betätigung ist, aber praktisch ist die wissenschaftliche Tätigkeit wie früher, so auch jetzt zum Glück unabhängig. Von einer vorangehenden Erkenntnistheorie.</p><p>Auf derselben Seite steht der Ausdruck: „<name>Kant</name> habe das Problem der Wissenschaft überhaupt seinem Scharfsinn vorgeführt“; diese Ausdrucksweise ist etwas hart.</p><p>Auf Seite 168 unten heißt es: „jedes Philosophiren ist gleich wahr“; das kann ebenfalls mißverstanden werden. Der Ausdruck wahr – dürfte hier besser durch einen anderen ersetzt werden, da das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-201"/>philosophiren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-201"/> als Tätigkeit gar nicht unter dieses Prädikat gehört, sondern nur das Produkt, die Philosophie. <pb/></p><p>Mögen Sie aus diesen kleinen Ausstellungen erkennen, daß ich Ihre Arbeit mit Interesse und Sorgfalt durchgesehen habe. Gerade von dieser Arbeit selbst gilt, was Sie in Ihrer These mit Recht behaupten: die Ausdrucksweise und die Art des philosophirens ist jugendlich, aber der Inhalt als solcher, die Gedanken selbst sind durchaus zutreffend und berechtigt. So darf es Sie mit Genugtuung erfüllen, daß Ihre Abhandlung würdig befunden worden ist, in das Buch aufgenommen zu werden; sie ist es durchaus wert und verdient diese Anerkennung.</p><p>Mit bestem Gruß Ihr ergebener</p><signed>H. Vaihinger</signed><postscript><p><abbr>P. S.</abbr> Vielleicht darf ich Sie bitten, in den Briefen an mich, nicht mehr farbiges Papier zu <pb/> nehmen, sondern nur rein weißes – mit Rücksicht auf meine Augen, denen die zweite Papierfarbe angenehmer ist.</p></postscript></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-194"><lem>Ihre Abhandlung in dem Wiener-Studentenbuch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Prager vom 10.5.1911</note></app><app type="philological" corresp="#ED-195"><lem>zu</lem><rdg>Zu</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-196"><lem>ihn</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-197"><lem>Das Werk</lem><note>die Rede ist von Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-198"><lem>manchmal störend</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-199"><lem>Seite 166 in der Mitte sagen</lem><note>bei Prager heißt es: </note><rdg>Einzig und allein hat also die Geschichte der Philosophie den Wert philosophischer Tätigkeit anzugeben; einzig die Geschichte kann lehren, welche philosophische Tätigkeit dem geistigen Fortschritt, der geistigen Bereicherung und Vertiefung des Menschengeschlechtes dienstbar gewesen ist […].</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-200"><lem>Sie sagen auf Seite 167</lem><note>bei Prager heißt es: </note><rdg>Namentlich ist es die Theorie des Erkennens, die Erkenntnistheorie, wie sie ja heißt, die als Theorie der Theorien jeder wissenschaftlichen Betätigung vorangeht, und deren Schöpfer Kant ist, der sich – von seinen großen Vorgängern Locke, Hume und Leibniz ausgehend in echt wissenschaftlicher Weise das Problem der Wissenschaft überhaupt seinem Scharfsinne vorführte.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-201"><lem>philosophiren</lem><note>so wörtlich</note></app></listApp></back></text></TEI>