<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001019-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Heinrich Rickert</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Freiburg (Breisgau)</placeName>, <date>3.6.1910</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">Prof. Heinrich Rickert. | Universität Freiburg i. Br. | Den … 190 … | Thurnseestraße 66.</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 15</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1019" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001019-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName><placeName>Freiburg (Breisgau)</placeName><date when="1910-06-03">3.6.1910</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11600780X">Erich Adickes</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116701889">Arnold Ruge</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118651218">Ferdinand Avenarius</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11865361X">Bruno Bauch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117002747">Georg Mehlis</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116718757">James</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118575767">Ernst Mach</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11890003X">Richard Kroner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118627724">Johannes Volkelt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 15</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Heinrich Rickert</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Freiburg (Breisgau)</placeName>, <date>3.6.1910</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">Prof. Heinrich Rickert. | Universität Freiburg i. Br. | Den … 190 … | Thurnseestraße 66.</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 15</bibl></head></front><body><dateline>3. Juni 1910</dateline><salute>Sehr verehrter Herr Kollege!</salute><p>Ich habe einige Tage geschwankt, bis ich zu einem Entschluß gekommen bin. Deswegen konnte ich Ihnen nicht gleich antworten, was ich freundlich zu entschuldigen bitte.</p><p>Ich finde <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1635"/>das von Ihnen gestellte Thema<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1635"/> höchst glücklich gewählt und bringe der Angelegenheit das lebhafteste Interesse entgegen. Auch bin ich Ihnen herzlich dankbar für die ehrenvolle Aufforderung. Aber nach reiflicher Überlegung muß ich Ihnen leider doch sagen, daß ich das mir zugedachte Preisrichteramt nicht übernehmen kann. Das hängt, so paradox es klingt, gerade damit zusammen, daß mir das Thema so glücklich gewählt scheint. Ich glaube nämlich, daß eine große Anzahl von Lösungen eingehen wird <pb/> und fürchte, daß daraus den Preisrichtern ein sehr großes Maß von Arbeit erwachsen muß. Es kommt hinzu, daß das Urtheil über den Werth der Lösungsversuche in ungewöhnlich hohem Maße beeinflußt sein wird von den eigenen erkenntnistheoretischen Überzeugungen der Richter. Selbstverständlich ist ein Mann wie <name>Adickes</name> für das <name>Kant</name>-<hi rend="underline">Philologische</hi> unentbehrlich, ich selbst darf mich hier gar nicht für competent halten. Aber andererseits würde es mir sehr schwer werden, mich über erkenntnistheoretische Principienfragen mit <name>Adickes</name> auch nur zu verständigen. Ich bin gegen Alles, was in der Erkenntnistheorie auch nur von Weitem an Psychologismus, Pragmatismus <abbr>u. s. w.</abbr> erinnert, sehr intolerant und werde es mit jedem Jahre mehr. Ja ich finde, es wird von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1636"/>Leuten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1636"/> wie <name>Mach</name> <abbr>u.</abbr> <name>James</name> schon viel zu viel geredet (<hi rend="underline">nicht</hi> von <name>Avenarius</name>, den ich <hi rend="underline">sehr</hi> schätze.) Da ich nun garnicht weiß, wer der dritte Preisrichter werden soll, so besteht die Möglichkeit, daß ich in der Commission auf starken Widerspruch stoße <pb/> oder ganz isolirt bin und dann würde zu der Arbeit, welche die Lektüre der eingesandten Schriften macht, vermutlich eine sehr umfangreiche und zeitraubende Correspondenz kommen. Am ehesten hätte ich mich noch zu einer Annahme entschließen können, wenn es möglich gewesen wäre, auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1637"/><name>Windelband</name> zu gewinnen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1637"/>. Das halte ich aber für ganz ausgeschlossen.</p><p>Sie werden gewiß denken, daß ich allzu bequem bin, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1638"/>und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1638"/> mich einer Ehrenpflicht entziehen möchte. Gestatten Sie mir daher noch hinzuzufügen, daß ich nicht über das Maß von Arbeitskraft verfüge, wie die meisten andern Collegen. Des Abends und vollends in der Nacht ist jede wissenschaftliche Thätigkeit für mich ausgeschlossen. Zugleich aber sind gerade in den nächsten Jahren mehrere dringende Arbeiten zu erledigen. Die 2te Auflage von meinem „Gegenstand der Erkenntniß“ ist bereits seit längerer Zeit vergriffen, und von meinen „Grenzen“ hat der Verleger nur noch wenige Exemplare, die außerdem noch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1639"/>durch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1639"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1640"/>anastatische Neudrucke<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1640"/> ergänzt sind. Beide Bücher <pb/> genügen mir in ihrer jetzigen Gestalt durchaus nicht mehr und <hi rend="underline">müssen</hi> daher gründlich umgearbeitet werden. Ferner will ich den Abschluß eines Buches über logische Grundprobleme nicht länger, als nöthig ist, hinausschieben, und schließlich habe ich mich kontraktlich zum Schreiben eines Buches verpflichtet, das in einem größeren Sammelwerk erscheinen soll. Auch um den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1641"/>„Logos“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1641"/> muß und will ich mich etwas kümmern, wenn das auch durchaus nicht, wie vielfach angenommen wird, <hi rend="underline">meine</hi> Zeitschrift ist. Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit diesen Einzelheiten aufhalte, aber ich wollte Ihnen gerne zeigen, daß die Übernahme neuer Arbeiten mich in einen Konflikt von Pflichten bringen kann, und das möchte ich auf jeden Fall vermeiden. Verübeln Sie mir also meine Ablehnung nicht all zu sehr und seien Sie nochmals versichert des aufrichtigsten Dankes</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1642"/>Ihres sehr ergebenen</p><signed>Heinrich Rickert.</signed><postscript><p>Gegen <name>Volkelt</name> habe ich übrigens nicht das Geringste. Ich bedaure sehr, daß auch er abgelehnt hat. Ich weiß nicht, was <name>Bauch</name> meint.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1642"/></p></postscript></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1635"><lem>das von Ihnen gestellte Thema</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Rickert vom 30.5. <abbr>u.</abbr> 31.5.1910</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1636"><lem>Leuten</lem><rdg>Leute</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1637"><lem><name>Windelband</name> zu gewinnen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Kommentar zu Vaihinger an Rickert vom 30.5.1910.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1638"><lem>und</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1639"><lem>durch</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1640"><lem>anastatische Neudrucke</lem><note>Verfahren, bereits gedruckte Werke ohne stehenden Satz, direkt vom Druck zu reproduzieren; qualitativ schlechter als das Original.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1641"><lem>„Logos“</lem><note><abbr>d. i.</abbr> die Zeitschrift Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, 1910 <abbr>ff.</abbr> Gegründet im Umkreis <name>Rickert</name>s und <name>Windelband</name>s durch <name>Georg Mehlis</name>, <name>Richard Kroner</name>, <name>Arnold Ruge</name>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1642"><lem>Ihres … meint.</lem><note> eigenhändig</note></app></listApp></back></text></TEI>