<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000985-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Natorp</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>22.3.1909 (1)</date>, <note>6 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">KANTGESELLSCHAFT. Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15. | GESCHÄFTSFÜHRER | PROF. DR. H. VAIHINGER.</quote>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1101</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0985" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000985-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1909-03-22">22.3.1909 (1)</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</persName></correspAction><note type="mentioned"><name>Hermann Ebbbinghaus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name>Karl Gerhard</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116886439">Paul Menzer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118603426">Jean-Jacques Rosseau</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616692">Rudolf Stammler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118607626">Friedrich Schiller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116988118">Theobald Ziegler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118627813">Voltaire (François-Marie Arouet)</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118632477">Christoph Martin Wieland</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1101</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Natorp</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>22.3.1909 (1)</date>, <note>6 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">KANTGESELLSCHAFT. Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15. | GESCHÄFTSFÜHRER | PROF. DR. H. VAIHINGER.</quote>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1101</bibl></head></front><body><dateline>22.III.1909</dateline><salute>Verehrtester Herr College!</salute><p>Herr Coll<add>[ege]</add> <name>Menzer</name> hat mir das von Ihnen vorläufig formulirte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1431"/>Preisurtheil<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1431"/> theilweise vorgelesen. Ich habe natürlich <hi rend="underline">kein Recht</hi>, in Ihre Entscheidungen einzugreifen, da ich selbst ja nicht Preisrichter bin; mit der mir gebührenden Zurückhaltung und Bescheidung wage ich daher Ihnen folgendes vorzutragen, wozu ich vielleicht darum doch berechtigt bin, da ich die <hi rend="underline">Intentionen des Preisstifters</hi> am besten kenne, auf die es doch hierbei auch etwas ankommt.</p><p>Und so darf ich nun sogleich vorausschicken, daß ich die Bedenken des Herrn Collegen <name>Menzer</name> durchaus <hi rend="underline">theile</hi>: mit der Voranstellung der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1432"/>Arbeit N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> II<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1432"/> würde den Intentionen des Preisstifters, wie sie ja auch in dem Preisausschreiben angedeutet sind, nicht entsprochen werden, wenigstens wenn diese Arbeit den ersten Preis erhielte. Aus Ihrem Referat selbst geht hervor, daß diese Arbeit den gestellten Beding<add>[ungen]</add> <pb/> <hi rend="underline">nicht</hi> entspricht. Das Preisausschreiben (<abbr>vgl.</abbr> K<add>[ant-] </add>St<add>[udien]</add> Band XI, <abbr>S.</abbr> 295) verlangt ganz ausdrücklich eine <hi rend="underline">Kritische Geschichte</hi> des Theodiceeproblems im 18. Jahrhundert. Der <hi rend="underline">geschichtliche</hi> Gesichtspunct ist dem Preisstifter mindestens ebenso wichtig, als der systematische. Dieser Bedingung entspricht aber, <hi rend="underline">Ihrem eigenen Referat nach</hi>, jene Arbeit N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> II <hi rend="underline">nicht</hi>. Ich befürchte, daß der Preisstifter sehr enttäuscht sein würde, wenn diese Arbeit, welche das Geschichtliche so wenig eingehend behandelt, für „absolut-preiswürdig“ erklärt würde.</p><p>Auch den Intentionen der Kantgesellschaft, welche die Preisaufgabe auszuschreiben hat, würde es doch nicht recht entsprechen, wenn eine Arbeit, in welcher <name>Kant</name>s Schrift über die Theodicee als seine schwächste bezeichnet wird, den 1. Preis erhielte. Wir, <abbr>d. h.</abbr> die Kantgesellschaft, sind gewiss sehr weitherzig und sehr tolerant, aber wir müßten uns doch vor uns selbst und vor <pb/> der Welt selbst annulliren, wenn wir eine Arbeit, welche so wenig von <name>Kant</name>s Geist hat, welche direct ins metaphysische Fahrwasser hineingeräth – alles nach Ihrem eigenen Bericht – die Palme reichen. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1433"/><hi rend="underline">Wenn Sie und Coll<add>[ege]</add> <name>Ziegler</name> es verlangen, thun wir es natürlich</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1433"/> – aber ich möchte doch wenigstens den bescheidenen, und unmaßgeblichen Versuch machen, Ihnen meine Gesichtspunkte vorzutragen, die, wie ich glaube annehmen zu dürfen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1434"/>auch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1434"/> von der Mehrzahl der Mitglieder der Kantgesellschaft getheilt werden.</p><p>Der bloß formale Scharfsinn der Arbeit N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> II, der von Ihnen gerühmt wird, sollte aber doch nicht allein ausschlaggebend sein, der materielle Gehalt: der Standpunkt, das kritisch befriedigende oder unbefriedigende Ergebniß ist doch dabei auch einigermaßen zu berücksichtigen, zumal doch die Arbeit auch das Historische nur mehr voraussetzt und streift als eingehend behandelt, was doch verlangt war. <pb/></p><p>Den Vorschlag, den Herr Coll<add>[ege]</add> <name>Menzer</name> Ihnen seinerseits übermittelt, stimme ich meinerseits voll und ganz zu, um so mehr, als dieser Vorschlag Ihrem eigenen Standpunkt selbst entgegenkommt.</p><p>Da die Arbeit N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> II <hi rend="underline">sowol historisch als systematisch nicht befriedigend</hi> ist, so scheint es mir, daß der I. Preis überhaupt nicht vergeben werden kann, da eine <hi rend="underline">„absolut preiswürdige“ Arbeit</hi> nicht eingelaufen ist, wie in dem Ausschreiben (unter N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> 10 der Bedingungen) <hi rend="underline">ausdrücklich</hi> gesagt ist. Ich glaube, daß eine gewisse Rigorosität hier notwendig ist. Es macht sich auch nach außen hin doch nicht gut, wenn die Kantgesellschaft mit einem Ersten und so hohen Preis einer Arbeit krönt, welche – <hi rend="underline">Ihrem eigenen Bericht nach</hi> – beim Preisrichter und bei der Majorität der Mitglieder und vielen Außenstehenden trotz ihrer großen Vorzüge Anstoß erregen muß –denn wo bleibt da die <hi rend="underline">kritische Geschichte</hi>, wo bleibt der Geist des Kriticismus, wenn –mit noch so vielem Scharfsinn – uns eine Metaphysik geboten wird. <pb/></p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1435"/>Es<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1435"/> ist sehr bedauerlich, daß nicht eine absolut befriedigende Arbeit eingelaufen ist – aber dann ist es doch wol besser, wenn hierin nun streng verfahren wird.</p><p>Gerade eine eingehende und ausführliche Schilderung der verschiedenen Theodicee-Versuche des 18. Jahrhunderts, nebst den Reflexen, welche dieses Problem <abbr>z. B.</abbr> bei <name>Voltaire</name>, <name>Goethe</name> (dem Jungen), <name>Wieland</name>, <name>Rousseau</name>, dem jungen <name>Schiller</name> gefunden hat – dies wollten wir. Wir wollten eine umfassende <hi rend="underline">historische Monographie</hi>, erfüllt von kritischem Geist.</p><p>Eine <hi rend="underline">solche Arbeit</hi> ist nicht eingelaufen, also können wir – so meine ich in unmaßgeblicher Weise – den I. Preis überhaupt nicht vertheilen.</p><p>Wohl aber können wir den 2. Preis zweimal geben, und dazu noch Remunerationen hinzufügen (wie es in N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> 10 der Bedingungen vorgesehen ist) und dabei kann ja die Arbeit N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> II wegen ihrer Vorzüge, welche Sie rühmen, vorangestellt werden.</p><p>Entschuldigen Sie, verehrter Herr College, <pb/> nicht blos meine Ausführlichkeit, sondern auch überhaupt, daß ich es gewagt habe, mich in die Angelegenheit zu mischen. Ich habe dabei vielleicht die mir gesetzten Schranken überschritten, aber vielleicht halten Sie dies meinem noch immer lebhaften Temperament zu Gute, und vergeben mir meinen Übergriff, zu dem ich nur den Muth gefunden habe, weil ich doch sowol die Intention des Preisrichters als die Meinung des Verwaltungsausschusses der Kantgesellschaft, die das Preisausschreiben gemacht hat (außer mir: <name>Ebbinghaus</name>, <name>Gerhard</name>, <name>Stammler</name>) am besten kenne.</p><p>Also nochmals Vergebung, sowie beste Empfehlungen an Herrn Coll<add>[egen]</add> <name>Ziegler</name>, dem ich dies Schreiben gütigst mitzutheilen bitte.</p><p>Ihr ganz ergebenster</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1431"><lem>Preisurtheil</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die endgültige Fassung: Zweite Preisaufgabe der Kantgesellschaft. Walter Simon-Preisaufgabe […]. Bericht der Preisrichterkommission [in der endgültigen Zusammensetzung: <name>Theobald Ziegler</name>, <name>Paul Natorp</name>, <name>Paul Menzer</name>]. In: Kant-Studien 14 (1909), <abbr>S.</abbr> 321: </note><rdg>Als Verfasser der Arbeit No. 7, welche den ersten Preis erhalten hat, ergab sich: Dr. Joseph Kremer in Mahrenberg in Steiermark. Verfasser der Arbeit No. 6, welche einen ersten Accessitpreis erhalten hat, ist: Cand. theol. Otto Lempp in Stuttgart. Verfasser der Arbeit No. 5, welche den dritten Preis erhalten hat, ist: Dr. Richard Wegener in Halensee-Berlin.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1432"><lem>Arbeit N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> II</lem><note>die ursprüngliche Reihenfolge wurde seitdem vertauscht, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Natorp vom 18.12.1908 (sowie vom 6.4.1909) mit dem Bericht der Preisrichterkommission (<abbr>s. o.</abbr>), die neue Reihenfolge ist: <abbr>Nr.</abbr> 1 mit Motto „Kannst du nicht…“, <abbr>Nr.</abbr> 2 Motto „Alles Höchste…“, <abbr>Nr.</abbr> 3 Motto „Das schönste Glück…“, <abbr>Nr.</abbr> 4 Motto „Unter einer Theodicee…“, <abbr>Nr.</abbr> 5 Motto „Principibus…“, <abbr>Nr.</abbr> 6 Motto „<span type="el">Οἴδαμενὅε</span>…“, <abbr>Nr.</abbr> 7 Motto „<span type="el">Θεὸς ἀυαίτιος</span>…“ Die an alter Stelle <abbr>Nr.</abbr> 2 stehende Arbeit hat somit tatsächlich den ersten Preis davongetragen.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1433"><lem><hi rend="underline">Wenn … natürlich</hi></lem><note> Unterstreichung mit Blaustift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1434"><lem>auch</lem><note>davor gestrichen: </note><rdg>die</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1435"><lem>Es</lem><note>am Kopf der <abbr>S.</abbr> zur Zählung des neuen Bogens (kein gedruckter Briefkopf) mit Blaustift: </note><rdg>II.</rdg></app></listApp></back></text></TEI>