<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000976-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Natorp</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>22.1.1909</date>, <note>4 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">KANTGESELLSCHAFT. Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15. | GESCHÄFTSFÜHRER: PROF. DR. H. VAIHINGER</quote>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1098</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0976" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000976-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1909-01-22">22.1.1909</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521411">Hermann Cohen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11736701X">Hermann Schwarz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116886439">Paul Menzer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616692">Rudolf Stammler</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1098</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Natorp</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>22.1.1909</date>, <note>4 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">KANTGESELLSCHAFT. Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15. | GESCHÄFTSFÜHRER: PROF. DR. H. VAIHINGER</quote>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1098</bibl></head></front><body><dateline>22.I.1909</dateline><salute>Verehrter Herr College!</salute><p>Mein Befinden in diesem Winter ist meistens so wenig zufriedenstellend, daß ich in der Correspondenz sehr beschränkt und daher sehr im Rückstand bin: so kann ich auch erst heute den Brief an <name>Cohen</name> schreiben, dessen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1358"/>Abschrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1358"/> ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1359"/>Ihnen beilege<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1359"/>: damit wird sein empfindliches Gemüt ja nun wohl beruhigt sein – jedenfalls ist für mich dieses <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1360"/>komische Intermezzo<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1360"/> erledigt, das der Gießener Israelit aufgespielt hat. – –</p><p><name>Menzer</name> hat 5 Arbeiten jetzt erhalten und ist auch schon fast mit seiner Durchsicht fertig: <pb/> so ist ja zu hoffen, daß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1361"/>die Sache<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1361"/> rechtzeitig erledigt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1362"/>wird<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1362"/>. Wir sind in der Kantgesellschaft Ihnen recht verbunden, daß Sie die Angelegenheit so gefördert haben trotz des ungeheuren Umfanges der Abhandlungen.</p><p>Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1363"/>Angelegenheit der Doctorprüfung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1363"/> steht hier jetzt <hi rend="underline">nicht</hi> auf der Tagesordnung – ich werde jedoch versuchen, <name>Menzer</name> in dieser Hinsicht rechtzeitig zu orientiren, ehe die Gefahr herannaht.</p><p>Daß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1364"/><name>Schwarz</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1364"/> gut einschlägt, ist sehr erfreulich. Aber das Schicksal der vielen Privatdocenten und Habilitanden macht auch mir Sorgen.</p><p>Sehr bedauerlich ist, daß in Königsberg jetzt lauter <pb/> Leute sind, welche für <name>Kant</name> gar kein Verständniß haben. Ich habe das Ministerium rechtzeitig und mehrfach <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1365"/>aufmerksam gemacht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1365"/>, aber die Vorschläge der Fakultät waren teilweise sonderbar.</p><p>In Königsberg bestehen 2 große Stipendien für Arbeiten über <name>Kant</name> (der Kapitalwerth beträgt weit über 30,000 <abbr>M</abbr>), faßt <hi rend="underline">nie</hi> laufen Arbeiten ein, weil die Docenten keine Anregung geben! Es ist geradezu ein Skandal, daß in Königsberg diese Verhältnisse sind.</p><p>Mit verbindlichem Gruß Ihr ergebener</p><signed>H. Vaihinger. <pb/></signed><postscript><p><abbr>P. S.</abbr></p><p>Unsere <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1366"/><name>Stammler</name>sache<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1366"/> geht gut vorwärts, obgleich ich wegen meines Befindens sie nicht immer so fördern konnte, wie ich wollte.</p></postscript></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1358"><lem>Abschrift</lem><note>mit Blaustift unterstrichen, danach Fußnotenzeichen und -text mit Bleistift: </note><rdg>Rücksendung nicht nötig.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1359"><lem>Ihnen beilege</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Cohen vom 22.1.1909</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1360"><lem>komische Intermezzo</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Cohen an Vaihinger vom 9.10.1895 sowie Vaihinger: Erwiderung auf einen Angriff auf die Kantstudien. In: Kant-Studien 13 (1908), <abbr>S.</abbr> 507: </note><rdg>In dem „Frankfurter Israelitischen Familienblatt“ in der Nummer [47] vom 4. Dez. 1908 findet sich ein Artikel von Maxime Le Maître-Giessen: „Jüdische Professoren. Ein Beitrag zur jüdischen Martyrologie.“ In diesem Artikel, der auch sonst sehr viele Uebertreibungen enthält, heisst es u. A.: „Vaihinger in Halle gibt seit Jahren die „Kantstudien“ heraus. In diesen Kantstudien werden alle Gelehrten und Philosophen, die zur Kantischen Philosophie irgend welches Verhältnis haben, behandelt — der Nestor der Kantischen Philosophie in Deutschland, Hermann Cohen, wird systematisch totgeschwiegen.“ Der Verfasser dieser Bemerkung kann unmöglich die „Kantstudien“ jemals selbst in den Händen gehabt haben; jene Behauptung widerspricht vollständig den Tatsachen. Diese Tatsachen lassen sich um so leichter konstatieren, als jeder der bis jetzt erschienenen 13 Bände der „Kantstudien“ ein sorgfältiges „Personenregister“ sowie ein vollständiges „Verzeichnis der besprochenen Novitäten“ enthält. In keinem der 13 Bände fehlt der Name Cohen, in einzelnen ist er sogar sehr oft genannt, so sogleich in Bd. I 15 mal, in Bd. IV 11 mal, in Bd. XI 15 mal, in Bd. XII 11 mal, in Bd. XIII 8 mal; der VIII. Bd. wird eröffnet mit einer 29 Seiten langen Abhandlung über: „Cohen’s Logik der reinen Erkenntnis“ von einem ihm nahe stehenden Gelehrten, Professor Dr. Staudinger in Darmstadt. Durch diese Tatsachen wird die oben angeführte Behauptung von Maxime Le Maître als eine völlig irrige widerlegt. Höchstens könnte man sich darüber wundern, dass unter den auf dem Umschlag der Kantstudien aufgezählten hauptsächlichsten „Mitwirkenden“: (Adickes, Boutroux, Caird, Creighton, Dilthey, Erdmann, Eucken, K. Fischer, Heinze, Reicke, Riehl, Windelband) der Name Cohen’s fehlt. Aber als ich im Herbst 1895 die „Kantstudien“ ins Leben rief, habe ich Cohen aufgefordert, sich an denselben zu beteiligen und zu erlauben, dass ich seinen Namen den eben genannten Namen hinzufüge. Ich erhielt folgende Antwort: Berlin N., Invalidenstr. 18 I, d. 9.10.95. Hochgeehrter Herr Kollege! Ihr Prospekt mit Ihrem freundlichen Begleitschreiben sind mir nach manchen Wanderungen durch die Schweiz endlich zugegangen und haben mir Freude gemacht. Ich danke Ihnen sehr für die gütigen Worte der Anerkennung, welche Sie mir bei diesem Anlass aussprechen, und mit denen Sie meinem Arbeitergemüt sehr wohl getan haben, umsomehr, als ich in dem ganzen Vierteljahrhundert, in dem ich nun in der bestimmten Richtung arbeite, durch herzliche Anerkennung nicht verwöhnt worden bin. Sie müssen mir daher verzeihen, dass ich jetzt, nachdem ich die ganze lange Zeit einsam, und nur von wenigen Anhängern begleitet, meinen Weg gegangen bin, mich nicht mehr entschliessen kann, Ihrer freundlichen Aufforderung, der ich bei anderen Lebenserfahrungen gern gefolgt wäre, anders als mit aufrichtigem Danke zu entsprechen. Wenn ich einmal etwas fertig bringen kann, was ich Ihnen anbieten darf, so will ich es gern tun und der Zeitschrift selbst in jedem Sinne das beste Gedeihen wünschen. Aber für die Mitwirkung bei der Redaktion kann ich mich nicht verantwortlich machen. Mit nochmaligem Danke und kollegialem Grusse Ihr [ihr] sehr ergebener H. Cohen. Leider hat Cohen den von mir begründeten und seit einigen Jahren gemeinschaftlich mit Privatdozent [Privatodozent] Dr. Bauch hier – der übrigens auch längst seinerseits Herrn Dr. Görland, einen der nächsten Schüler Cohens, zu einer besonderen, bis jetzt freilich noch nicht eingelieferten Abhandlung eigens über das System Cohens aufgefordert hat – herausgegebenen „Kantstudien“ keinen Beitrag gegeben. Auch zu der von mir im Jahre 1904 gegründeten „Kantgesellschaft“ habe ich Cohen leider vergeblich eingeladen. Aber man wird wenigstens zugestehen, dass die Kantstudien das ihrige getan haben, um Cohen gerecht zu werden. Halle a. S., d. 8. Dez. 1908. Prof. Dr. H. Vaihinger.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1361"><lem>die Sache</lem><note>des 2. Preisausschreibens der Kantgesellschaft, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Natorp vom 18.12.1908.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1362"><lem>wird</lem><note>statt gestrichen: </note><rdg>ist</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1363"><lem>Angelegenheit der Doctorprüfung</lem><note>in Marburg stand wiederholt die obligatorische Beteiligung der Philosophie an den Doktorexamen auf der Kippe, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Natorp vom 26.1.1905.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1364"><lem><name>Schwarz</name></lem><note><name>Hermann Schwarz</name> wurde 1908 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Marburg, 1910 <abbr>o. Prof.</abbr> in Greifswald (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1365"><lem>aufmerksam gemacht</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Friedrich Theodor Althoff vom 4.7.1907 sowie vom 28.8.1908.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1366"><lem><name>Stammler</name>sache</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Natorp vom 16.10.1908</note></app></listApp></back></text></TEI>