<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000935-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.7.1907</date>, <note>4 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0935" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000935-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1907-07-04">4.7.1907</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118573349">Carl von Linné</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118546937">Gerhart Hauptmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118728229">Hermann Lietz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118572741">Justus Freiherr von Liebig</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116963530">Ludwig Holle</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116295252">Reinhold Köpke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/13630995X">Remigius Fresenius</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118602721">Johann Karl Friedrich Rosenkranz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118637223">Émile Zola</name></note><note type="repository">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.7.1907</date>, <note>4 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</bibl></head></front><body><dateline>4 Juli 1907</dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1111"/><abbr>Ew.</abbr> Excellenz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1111"/></salute><p>gestatte ich mir anbei bei ganz ergebenst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1112"/>eine Schrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1112"/> zu überreichen, welche zwar nicht von mir selbst stammt, zu der ich aber insofern in indirecter Beziehung stehe, als ich neben Professor <name>Fresenius</name> in Wiesbaden und einigen anderen Herren im Kuratorium der D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> <name>Lietz</name>’schen Landerziehungsheime sitze. Ich bin dadurch dazu gekommen, daß ich meinen einzigen gutentwickelten, nicht unbegabten, aber leider etwas neurasthenisch veranlagten Jungen diesen Landerziehungsheimen anvertraut habe.</p><p>Mit den in Anlage ergebenst überreichten Ausführungen bin ich zwar nicht überall einverstanden, aber es steht sehr viel Beherzigenswerthes darin über unser höheres Schulwesen, und speciell über die Einrichtung der Prüfungen, und ich möchte annehmen, daß Vieles darin auch den Beifall von <abbr>Ew.</abbr> Excellenz finden möchte. <pb/></p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1113"/>Da<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1113"/> <abbr>Ew.</abbr> Excellenz nicht blos für das Universitätswesen, sondern auch für das höhere Schulwesen ein warmes Herz und ein klares Verständnis haben, so dürfte es vielleicht mir erlaubt sein, im Anschluß an die Ausführungen von D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> <name>Lietz</name> (bes<add>[onders]</add> <abbr>S.</abbr> 20–25, <abbr>S.</abbr> 42 c <abbr>u.</abbr> d) auf einen Punkt Ihre specielle Aufmerksamkeit zu lenken, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1114"/>dessen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1114"/> Reformbedürftigkeit nicht blos mir, sondern auch vielen einsichtigen Lehrern selbst schon lange entgegengetreten ist.</p><p>Es ist eine durchaus ungerechte und gänzlich unnötige Härte, daß denjenigen Prüflingen, welche durchgefallen sind, die <hi rend="underline">Wiederholung der ganzen Prüfung</hi> auferlegt wird. Der ohnedies durch den ersten Mißerfolg verschüchterte und entmuthigte Prüfling soll das ganze ungeheuer große Gedächtnismaterial noch einmal für eine neue Prüfung parat halten, anstatt sich in demjenigen Fach, in welchem er schwach war, nur vervollkommnen zu können. Er soll riskiren, nun in einem beliebigen anderen Fach Unglück zu haben, und – da doch der Zufall hier leider eine sehr große Rolle spielt – er soll riskiren, also nochmals zu fallen. Das muß die Nerven der <pb/> jungen Leute ruiniren, und das vermehrt das große Schulelend, das in vielen – und oft der besten Familien – durch so viele unzweckmäßige Einrichtungen der höheren Schulen geschaffen wird.</p><p>Es sind doch bekanntermaßen nicht immer diejenigen Schüler, welche das beste Examen machen, die nachher auch die tüchtigsten sind. <abbr>Z. B.</abbr> <name>Linné</name> und <name>Liebig</name> waren in der Schule Nullen, weil sie nicht im Stande waren, den gedächtnismäßigen Schulstoff sich anzueignen; ebenso waren <name>Zola</name> und <name>Hauptmann</name> niemals im Stande, ihr Abiturientenexamen zu machen.</p><p>Man beraubt den Staat mancher tüchtigen Kräfte, wenn man die Nerven der jungen Leute ruinirt, und dazu trägt die unzweckmäßige Bestimmung bei, daß ein durchgefallener Abiturient das <hi rend="underline">ganze</hi> Examen wiederholen soll.</p><p>Es wäre sehr wünschenswerth, wenn diese rigorose Bestimmung fallen würde, wenn ein solcher nur dasjenige Fach, in welchem er schwach war, nachholen darf. Viele schwer gedrückte, sonst treffliche Jungens, und viele schwer bekümmerte Eltern würden erleichtert aufathmen!</p><p>Ich werde mir gestatten, ein Exemplar dieser Schrift (in der ich mir erlaubt habe, der Bequemlichkeit halber <pb/> die markantesten Stellen auszuzeichnen) Sr. Excellenz dem Herrn Minister zu überreichen. Der Verfasser der Schrift meint <abbr>S.</abbr> 45 nicht mit Unrecht, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1115"/>der neue Herr Minister<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1115"/> würde durch eine solche Maßregel sich die Herzen Aller gewinnen. Auch dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1116"/>Herrn Geh. Ob Reg Rat D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> <name>Köpke</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1116"/> werde ich ein Exemplar <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1117"/>senden. –<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1117"/></p><p>Bei dieser Gelegenheit möchte ich bemerken, daß ich dieser Tage <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1118"/>aus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1118"/> einer Königsberger Zeitung die Notiz las, daß auch in diesem Jahre der ausgeschriebene <name>Kant</name>preis nicht vergeben wurden werden konnte, weil keine Arbeit einlief. Im Jahr 1904 zu <name>Kant</name>s Todestag stiftete die Stadt Königsberg <hi rend="underline">10,000 Mark</hi>, deren Zinsen ein dortiger Studirender erhalten soll für eine <name>Kant</name>arbeit. Bis jetzt konnte dieser Preis <hi rend="underline">nicht ein einziges Mal</hi> vergeben werden, weil keine einzige Arbeit bis jetzt eingelaufen ist. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1119"/>So wenig Interesse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1119"/> ist an der Universität Königsberg für <name>Kant</name>. Außerdem besteht noch eine ältere Stiftung <hi rend="underline">von über 20,000 <abbr>M</abbr></hi> zu demselben Zweck – auch dieser Preis konnte seit Jahren nicht vergeben werden, obwol dafür <hi rend="underline">nur eine Rede auf <name>Kant</name></hi> verlangt wird! Seit dem Tode von <name>Rosenkranz</name> (1879) ist das Interesse für <name>Kant</name> an der Universität Königsberg so gut wie ausgestorben.</p><p><abbr>Ew.</abbr> Excellenz in dankbarer Verehrung stets ergebenster</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1111"><lem><abbr>Ew.</abbr> Excellenz</lem><note>darüber und darunter Bleistiftnotizen von Althoffs <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>An Bauch dass. kurz | Notirt. | A 14/9. | [ - ] unten | Von Schierke Ansichtskarte an Vaihinger mit Gruß u Dank geschickt. A 10/9.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1112"><lem>eine Schrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Hermann Lietz: Schulreform und Schulprüfung. In: Das zehnte Jahr im Deutschen Land-Erziehungsheim. Erster Teil 1907/08. Leipzig: Voigtländer 1907, <abbr>S.</abbr> 5–45.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1113"><lem>Da</lem><note>davor öffnende eckige Klammer mit Bleistift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1114"><lem>dessen</lem><note>doppeltes s mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1115"><lem>der neue Herr Minister</lem><note>seit Juni 1907 amtierte <name>Ludwig Holle</name> (1855–1909) als preußischer Minister für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten (<abbr>WBIS</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1116"><lem>Herrn Geh. Ob Reg Rat D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> <name>Köpke</name></lem><note><abbr>d. i.</abbr> der Ministerialbeamte <name>Reinhold Köpke</name> (1839–1915; <ref type="link">https://d-nb.info/gnd/116295252</ref> (1.9.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1117"><lem>senden. –</lem><note>danach schließende eckige Klammer mit Bleistift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1118"><lem>aus</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1119"><lem>So wenig Interesse</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Althoff vom 19.4.1907</note></app></listApp></back></text></TEI>