<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000933-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Karl Joël</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Basel</placeName>, <date>22.6.1907</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 4 d, Nr. 3</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0933" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000933-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/117148199">Karl Joël</persName><placeName>Basel</placeName><date when="1907-06-22">22.6.1907</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118828649">Carl Albrecht Bernoulli</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118590960">Franz Overbeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name>Rosalie Nielsen</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 4 d, Nr. 3</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Karl Joël</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Basel</placeName>, <date>22.6.1907</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 4 d, Nr. 3</bibl></head></front><body><dateline>Basel <abbr>d.</abbr> 22.6.07</dateline><salute>Sehr verehrter Herr College!</salute><p>Darf ich Sie mit einer anscheinend unbedeutenden, aber mich augenblicklich interessierenden Anfrage behelligen? An dem mir noch in angenehmster Erinnerung stehenden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1098"/>Mittag, den ich bei Ihnen verbringen durfte,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1098"/> sprachen wir von Frau <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1099"/><name>R. Nielsen</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1099"/>, die auch mir noch bekannt war in ihrer ganzen erhabenen Komik. Wenn ich richtig verstanden, erzählte sie Ihnen: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1100"/><name>Nietzsche</name> sei ihr bei dem bewilligten Rendezvous mit den Worten entgegengetreten: „Scheusal, du hast mich betrogen“, und er sei dann auf Nimmerwiedersehn davongelaufen. Frau N<add>[ielsen]</add> aber fragte Sie naiv, was <pb/> <name>Nietzsche</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1101"/>wohl<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1101"/> damit gemeint habe.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1100"/> Hat mich meine Erinnerung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1102"/>getäuscht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1102"/> oder erzählten Sie es so? Für eine freundliche Auskunft wäre ich Ihnen sehr dankbar und hoffe dabei auch von Ihrem Wohlergehen zu hören. Ich stöhne in dem schwülen Basel unter der Semesterthätigkeit, die das wahre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1103"/>otium<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1103"/> des wahren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1104"/>studium<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1104"/> immer durchschneidet und dadurch vernichtet.</p><p>Mit ergebensten Grüßen Ihr</p><signed>Karl Joël</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1098"><lem>Mittag, den ich bei Ihnen verbringen durfte,</lem><note>Besuch nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1099"><lem><name>R. Nielsen</name></lem><note><name>Rosalie Nielsen</name> (<abbr>gest.</abbr> <abbr>ca.</abbr> 1898), lernte <name>Nietzsche</name> </note><rdg>wahrscheinlich im Spätsommer 1873 in Basel kennen, wo sie ihn durch Verschwörungstheorien um seinen Verleger E. W. Fritzsch irritierte</rdg><note> (Reich, Hauke: Nietzsche-Zeitgenossenlexikon. Verwandte und Vorfahren, Freunde und Feinde, Verehrer und Kritiker von Friedrich Nietzsche (Beiträge zu Friedrich Nietzsche 7). Schwabe: Basel 2004, <abbr>S.</abbr> 143). Unklar ist, ob es sich hierbei um persönliche oder bloß briefliche Bekanntschaft handelt, <abbr>vgl.</abbr> Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche. Biographie, <abbr>Bd.</abbr> 1. München/Wien: Carl Hanser 1978, <abbr>S.</abbr> 540.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1101"><lem>wohl</lem><note>davor gestrichen: </note><rdg>sich</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1100"><lem>Nietzsche sei … gemeint habe.</lem><note> Von Begegnungen <name>Nietzsche</name>s mit <name>Rosalie Nielsen</name> im Winter 1873/1874 hatte <name>Franz Overbeck</name> berichtet in den postum von <name>Carl Albrecht Bernoulli</name> (1868–1937) herausgegebenen Erinnerungen an Nietzsche. In: Die Neue Rundschau 17 (1906), <abbr>S.</abbr> 209–231, hier <abbr>S.</abbr> 210 (Digitalisat: <ref type="link">https://archive.org/details/neuerundschau11906franuoft/</ref> (28.11.2023)). 1908 erschien folgende Schilderung Bernoullis: </note><rdg>Über ihre Begegnung mit Nietzsche schwieg sich Frau Nielsen in ihrem Leipziger Bekanntenkreise später geflissentlich aus […]. Dagegen hat Frau Nielsen sehr viel früher, im Herbst 1875, die betreffende Szene Herrn Profesor Hans Vaihinger in Leipzig erzählt. Danach hätte als Ergebnis eines Briefwechsels in einem Hotel zu Freiburg i/B. eine Zusammenkunft stattgefunden. Nietzsche soll sich, entsetzt über den äußeren Habitus der Dame schon nach Sekunden wieder aus dem Zimmer entfernt haben, nachdem er ihr nur die theatralische Phrase ins Gesicht geschleudert hatte: „Scheusal, du hast mich betrogen!“ Frau Nielsen fragte Professor Vaihinger, was Nietzsche wohl damit gemeint habe. Von Nietzsches Seite liegt eine geklärte Überlieferung des Vorfalles noch nicht vor. Er hat sie nach Jahren einmal Peter Gast erzählt. Als nächster noch lebender Zeuge wäre wohl Dr. Romundt noch am ehesten in der Lage Aufklärung zu geben. Vor allem darüber, ob die betreffende Szene sich nicht doch in der Baumannshöhle zutrug. Nach Overbecks Andeutungen spielte sie sich in seinem (Overbecks) Zimmer ab […].</rdg><note> (Bernoulli: Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche. Eine Freundschaft. Nach ungedruckten Dokumenten und im Zusammenhang mit der bisherigen Forschung dargestellt, <abbr>Bd.</abbr> 1. Jena: Eugen Diederichs 1908. Digitalisat: <ref type="link">https://archive.org/details/franzoverbeckund01bern/</ref> (23.5.2024), <abbr>S.</abbr> 118; <abbr>vgl.</abbr> zur Sache und zu einer allgemeinen Einschätzung der Verlässlichkeit der Angaben Bernoullis Janz: Friedrich Nietzsche. Biographie, <abbr>S.</abbr> 540–541 sowie <abbr>S.</abbr> 547–550). Joël lieferte in anderem Kontext einen Hinweis zu Bernoullis Buch (<abbr>vgl.</abbr> Bernoulli: Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche. Eine Freundschaft. Nach ungedruckten Dokumenten und im Zusammenhang mit der bisherigen Forschung dargestellt, <abbr>Bd.</abbr> 1. Jena: Eugen Diederichs 1908, <abbr>S.</abbr> 118); möglich, jedoch nicht nachgewiesen, ist, dass die Anekdote zum Treffen Vaihingers mit <name>Rosalie Nielsen</name> über Joël an <name>Carl Albrecht Bernoulli</name> gelangte.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1102"><lem>getäuscht</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1103"><lem>otium</lem><note>in lateinischer Schrift, <abbr>lat.</abbr> Muße, Ruhe von Pflichten (etwa beruflichen)</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1104"><lem>studium</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app></listApp></back></text></TEI>