<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000831-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Houston Stewart Chamberlain</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wien</placeName>, <date>13.12.1902</date>, <note>4 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">VI. Blümelgasse 1. | Wien</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 5 a, Nr. 3</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0831" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000831-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118675508">Houston Stewart Chamberlain</persName><placeName>Wien</placeName><date when="1902-12-13">13.12.1902</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/117613290">Albert Leclère</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/122618106">August Ludowici</name><name>Basil Hall Chamberlain</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118675508">Houston Stewart Chamberlain</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 5 a, Nr. 3</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Houston Stewart Chamberlain</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wien</placeName>, <date>13.12.1902</date>, <note>4 S., hs., Briefkopf </note><quote type="rdg">VI. Blümelgasse 1. | Wien</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 5 a, Nr. 3</bibl></head></front><body><dateline>13/12/2</dateline><salute>Sehr geehrter Herr Professor</salute><p>Mit bestem Dank bestätige ich den Empfang <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-434"/>Ihres Briefes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-434"/> vom 9. d<add>[es]</add> M<add>[onats]</add>, sowie der begleitenden Sendung. Der Artikel von <name>Leclère</name> hatte mich schon in den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-435"/>Kant-Studien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-435"/> lebhaft interssirt <abbr>u.</abbr> ich habe gute Verwendung für den S<add>[onder-]</add>A<add>[bdruck]</add>. Für Ihre fr<add>[eundliche]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-436"/>Berücksichtigung meines Versuches<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-436"/>, ein weiteres Publikum für <name>Kant</name> zu gewinnen, ebenfalls verbindlichen Dank. <pb/></p><p>Sehr bedauert habe ich, von der über die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-437"/>Kant-Studien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-437"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-438"/>hereingebrochenen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-438"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-439"/>finanziellen Krise<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-439"/> zu hören. Denn diese Zeitschrift ist entschieden sehr nützlich. Dass zwischen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-440"/>Trebertrocknen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-440"/> <abbr>u.</abbr> Erkenntnisskritik einmal Wechselwirkung entstehen würde, hätte sich auch Niemand träumen lassen.</p><p>Wie schwer es ist Geld zu kriegen, werden Sie ebenso genau wie ich aus Erfahrung wissen – fast so schwer wie wirklich gute <pb/> Gedanken. Ich werde aber im Laufe der nächsten Wochen nach verschiedenen Richtungen die Fühler ausstrecken, – ohne grosse Hoffnung auf Erfolg, doch zugleich nicht so pessimistisch, dass es die Thatkraft lähmen könnte.</p><p>Wohl habe ich verschiedene sehr reiche Freunde zu Bekannten, die zugleich Mäcene sind; es fragt sich aber, ob das Interesse auch für <hi rend="underline"><name>Kant</name></hi> geweckt werden kann. So ist <abbr>z. B.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-441"/>der Millionär<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-441"/> der soeben 10.000 Mark für die Verbreitung <pb/> meiner Grundlagen gestiftet hat, trotz seiner Begeisterung für mein Werk ein ausgesprochener Feind aller Metaphysik <abbr>u.</abbr> speciell <name>Kant</name>’s – den er natürlich garnicht kennt.</p><p>Jedenfalls werde ich sofort Schritte unternehmen <abbr>u.</abbr> werde Ihnen dann melden ob irgendwo sich eine Aussicht aufthut oder ob ich nur auf taube Ohren gestossen bin.</p><p>Hochachtungsvoll <abbr>u.</abbr> ergeben</p><signed><hi rend="underline">Houston Stewart Chamberlain</hi></signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-434"><lem>Ihres Briefes</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Chamberlain vom 9.12.1902</note></app><app type="philological" corresp="#ED-435"><lem>Kant-Studien</lem><rdg>KSt</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-436"><lem>Berücksichtigung meines Versuches</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Houston Stewart Chamberlain – ein Jünger Kants. In: Kant-Studien 7 (1902), <abbr>S.</abbr> 438: </note><rdg>Der Vollständigkeit halber sei hier noch hingewiesen auf einen vortrefflichen Aufsatz Chamberlains in der „Neuen deutschen Rundschau“ vom Juni 1895 (VI, 6) „Büchners Sturz“: daselbst trat Chamberlain energisch dem bekannten Materialistenführer Büchner entgegen, welcher in den letzten Jahren seiner schriftstellerischen Thätigkeit bekanntlich jede Gelegenheit ergriff, auf Kant loszuziehen, ohne ihn zu verstehen, aus Ärger darüber, dass die Erneuerung der Kantischen Philosophie, speziell durch F. A. Lange dem Materialismus das Wasser abgegraben hatte. Chamberlain weist in dem genannten Aufsatz sehr geschickt und zugleich mit weitem Blicke den materialistischen Dogmatismus Büchners mit Kantischen Argumenten zurück. Als Kantianer bekannte sich Chamberlain auch in einem Aufsatz: „Schiller als Lehrer im Ideal“, über den die KSt. VI, 327 f. schon berichtet haben. Ganz besonders sympathisch berührt es, dass Chamberlain, mehr als man das gewöhnlich thut, die vorbildliche Persönlichkeit Kants in den Vordergrund stellt. Er hat dies neuerdings wieder gethan in einem kleinen Aufsatz in der „Täglichen Rundschau“ vom 14. März 1902 (No. 62). […] Aus diesem Aufsatz führe ich zum Schluss noch einige markante Stellen an […].</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-437"><lem>Kant-Studien</lem><rdg>KSt</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-438"><lem>hereingebrochenen</lem><rdg>hereingebrochene</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-439"><lem>finanziellen Krise</lem><note><abbr>vgl.</abbr> auch Vaihinger an Paul Natorp vom 6.12.1902</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-440"><lem>Trebertrocknen</lem><note>so wörtlich; Anspielung im Sinne von Philister <abbr>o. ä.</abbr> auf Treber: spelzige Rückstände des Malzes beim Brauen von Bier.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-441"><lem>der Millionär</lem><note><name>August Ludowici</name>, <abbr>vgl.</abbr> Chamberlain an Vaihinger vom 9.2.1916. – <name>Chamberlain</name> urteilte im Übrigen nicht unbedingt günstig über Vaihingers Bemühungen, <abbr>vgl.</abbr> Chamberlain an August Ludowici vom 20.2.1904: </note><rdg>Ich lege Ihnen einen Aufruf des Professor Vaihinger [</rdg><note>zur Gründung der Kantgesellschaft</note><rdg>] bei; er hat mich gebeten, ihn unter meinen Bekannten zu verbreiten. Ob diese Herren wirklich sehr viel für die Kenntnis Kants beitragen, kann ich nicht beurteilen; doch die Absicht ist eine gute, und derartige Unternehmungen ermöglichen es, daß hier und da ein junger Gelehrter zu Worte kommt, der sonst schwer durchdränge. Insoferne kann man es wohl der Beachtung Wohlgesinnter empfehlen</rdg><note>; sowie an <name>Basil Hall Chamberlain</name> vom 21.2.1904: </note><rdg>Und nun diese Lektüre! Dieses fürchterliche Professorendeutsch und dieses verständnislose Herumquälen um Kant in zehntausend Subtilitäten. Im ganzen ist doch Hermann Cohen – wie mir scheint – der bedeutendste Ausleger; nicht etwa, daß er immer recht hätte; er konstruiert sich manches gar rabulistisch hinein, und ich habe viele Seiten viermal hintereinander lesen müssen, ehe ich einen Schimmer bekam, worauf der gute Mann hinauswollte. Doch der große Ernst und die unglaublich genaue Kenntnis der Schriften Kants ist bei ihm sehr wohltuend. Sehr gut und empfehlenswert ist auch das Werk von Hagerström, „Kants Ethik“, – namentlich der erste Teil, in welchem er die allgemeine Erkenntnistheorie behandelt. Aber alles übrige, namentlich der vielgenannte Kommentar von Vaihinger, der in zwei großen Bänden von zusammen 1000 Seiten erst bis zu § 8 der „Reinen Vernunft“ gelangt ist – also 73 Seiten von den 880 des Originals behandelt hat – ist wohl eines der entsetzlichsten Produkte deutscher Gelehrtenliteratur. Wenn die Sache so weitergeht, wird – so ist berechnet worden – der Kommentar in zweihundert Jahren beendet sein; inzwischen wird aber natürlich ein Kommentar des Kommentars höchst notwendig geworden sein. Traurige Dinge; reden wir nicht davon!</rdg><note> (zitiert nach Chamberlain: Briefe 1882–1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II. <abbr>Bd.</abbr> 1. München: Bruckmann 1928, <abbr>S.</abbr> 121 <abbr>u.</abbr> 122).</note></app></listApp></back></text></TEI>