<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000762-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Gerardus Johannes Petrus Josephus Bolland</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Leiden</placeName>, <date>3.3.1901</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 e, Nr. 3</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0762" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000762-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119450895">Gerardus Johannes Petrus Josephus Bolland</persName><placeName>Leiden</placeName><date when="1901-03-03">3.3.1901</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119450895">Gerardus Johannes Petrus Josephus Bolland</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Georg Wilhelm Friedrich Hegel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1024788598">Friedrich Heinrich Jacobi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 e, Nr. 3</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Gerardus Johannes Petrus Josephus Bolland</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Leiden</placeName>, <date>3.3.1901</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 e, Nr. 3</bibl></head></front><body><dateline>Leiden den 3 März 1901.</dateline><salute>Verehrter Herr College,</salute><p>Erlauben Sie mir einmal eine von den unzähligen Bemerkungen, zu denen der begriff- und kritiklose Kriticismus eines hegellosen Neukantianismus Veranlassung bieten könnte.</p><p>Den Einwand <name>Hegel</name>s, <name>Kant</name>s Unternehmen sei noch ein begriffloses, indem er vor dem Erkennen das Erkennen untersuchen wolle und also schwimmen lernen wolle eher ins Wasser gehe, hat <name>Kuno Fischer</name> <hi rend="underline">nicht</hi> glücklich zurückgewiesen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-28"/>als er bemerkte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-28"/>, es handele sich nicht darum schwimmen zu lernen, sondern das Schwimmen zu „erklären“. Wer so redet, setzt die Gültigkeit des Begriffes „Erklären“ unbesehens voraus und redet als Neukantianer, <abbr>d. h.</abbr> begrifflos und nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-29"/>mit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-29"/> Begriff vom Begriff. (<abbr>Vgl.</abbr> <name>Hegel</name>, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-30"/>W. W.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-30"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-31"/>6: 156<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-31"/>, 2: 116; 2: 36; 5: 326, 6: 411; 2: 15; <name>Kant</name> K<add>[ritik]</add> d<add>[er]</add> r<add>[einen]</add> V<add>[ernunft]</add> B 755, B 758, 759.)</p><p><name>Hegel</name> hat ebensowenig verkannt, dass der kantische Kriticismus seine Veranlassung gehabt (W. W. 2: 57), wie er übersah, dass nach dem Erscheinen der Vernunftkri<pb/>tik die philosophische Sachlage eine ganz andere war als vorher (3: 49, 6: 61, 11: 56 <abbr>u. s. w.</abbr> <abbr>u. s. w.</abbr>); war er doch selbst so gründlich „kritisch“, dass für ihn die transcendentale Aesthetik <name>Kant</name>s keinen Sinn mehr hatte, weil für ihn das alte Jenseits als etwas von <name>Kant</name> undurchdachterweise noch Vorausgesetztes gar nicht mehr existierte (6: 95, 252, 50, 227, 11: 34, 8: 56, 6: 96. 121. 210) und er das <hi rend="underline">Wesentliche</hi> über die ersten Naturkategorien gerade in ihr vermisste. (15: 511.) <hi rend="underline">Ich</hi> vermisse es in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-32"/>Ihrem Commentar<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-32"/> eben so sehr. Als später Gekommener konnte <name>Hegel</name> sich dabei bewusst sein, dass die kantische Philosophie einerseits selbst noch „metaphysisch“ gewesen war (3: 122), indem dieselbe trotz ihrem gewollten Empirismus (6: 85) einen Glauben an ein Nichts gefordert und ohne gehörige Besinnung auf den Sinn der Wörter das Erkennen, Erklären und Beweisen, das Begreifen, Urteilen und Schließen, die Synthesis, Analysis und Apriorität begriffloserweise hatte gelten lassen, und dass sie andererseits als ein Denken über das Denken den umgekehrten Widerspruch an sich gehabt, in ihrem vermeintlichen Bathos der Erfahrung dasjenige anzuzweifeln, was sie selber durch und aus sich selber war (WW 2: 58–59, 6: 16, 11: 54, 2: 82, 6: 19, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-33"/>cett.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-33"/>)</p><p>Als vorläufige Synthesis vorkantischer Meta<pb/>physik und Empiristik hat <name>Hegel</name> den <name>Kant</name>ianismus zwar nicht ausdrücklich selbst gefasst, aber die besagte Vereinigung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-34"/>vorkantischer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-35"/>Entgegengesetzter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-34"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-35"/> ist ganz in seinem Geiste, so wie es auch in seinem Geiste ist, seinen eigenen erkenntnistheoretischen Standpunkt als die Synthesis von <name>Kant</name> und <name>Jacobi</name> zu fassen; jedenfalls waren ihm selber die alte Metaphysik und Empiristik, der Kantianismus und der <name>Jacobi</name>’sche Standpunkt sämmtlich „aufgehobene“ Momente von relativer Unvermeidlichkeit, Gültigkeit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-36"/>und … Einseitigkeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-36"/>, so dass eine Interpretation welche aus seinem bekannten Witz vom Schwimmenlernen außerhalb des Wassers bloße Ablehnung herausliest, ganz einfach eine … Dummheit zu heißen hat.</p><p>In aufrichtiger Hochschätzung Ihrer unverkennbaren Verdienste grüße ich Sie aufs freundlichste.</p><signed>G. J. P. J. Bolland.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-28"><lem>als er bemerkte</lem><note>bei Kuno Fischer: Geschichte der neuern Philosophie <abbr>Bd.</abbr> 3. Kant’s Vernunftkritik und deren Entstehung. 2., revidierte Aufl. Heidelberg: Bassermann 1869, heißt es <abbr>S.</abbr> 24: </note><rdg>Hier hat Hegel den Sinn der kritischen Philosophie gänzlich verkannt und mit seinem wohlfeilen Vergleiche eine üble Verwirrung angerichtet. Das Erkennen mit dem Schwimmen verglichen, um in dem hegel’schen Beispiele zu bleiben, so will Kant das Schwimmen weder lernen noch lehren, sondern erklären.</rdg><note> <abbr>Vgl.</abbr> Hegel, Freundesvereins-Ausgabe <abbr>Bd.</abbr> 11, 1832 (Vorlesungen über die Philosophie der Religion), <abbr>S.</abbr> 29:</note><rdg> Wenn wir nicht an das Philosophieren gehen sollten, ohne die Vernunft gehörig erkannt zu haben, so ist gar nicht anzufangen: denn indem wir erkennen, begreifen wir vernünftig; dieß sollen wir aber lassen, da wir eben die Vernunft erkennen sollen. Es ist dieselbe Forderung, die jener Gascogner macht, der nicht eher in das Wasser gehen will, bis er schwimmen könne. Man kann nicht vernünftige Thätigkeit vorher untersuchen, ohne vernünftig zu sein.</rdg><note> – <name>Bolland</name> hat 1901 bei Adriani in Leiden eine eigene Ausgabe des Hegelschen Werks vorgelegt (2 <abbr>Bde.</abbr> Text und Kommentar).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-29"><lem>mit</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-30"><lem>W. W.</lem><note>aufzulösen: Werke; <name>Bolland</name> referiert auf die Ausgabe: Georg Wilhelm Friedrich Hegels Werke. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten. 18 <abbr>Bde.</abbr> Berlin: Dunker <abbr>u.</abbr> Humblot 1832–1845. Im Einzelnen <abbr>Bd.</abbr> 2: Phänomenologie des Geistes, <abbr>Bd.</abbr> 3–5: Wissenschaft der Logik; <abbr>Bd.</abbr> 6–7: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, <abbr>Bd.</abbr> 8: Grundlinien der Philosophie des Rechts, <abbr>Bd.</abbr> 11–12: Vorlesungen über die Philosophie der Religion, <abbr>Bd.</abbr> 13–15: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-31"><lem>6: 156</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-32"><lem>Ihrem Commentar</lem><note>meint Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 2 <abbr>Bde.</abbr> 1881/1882 <abbr>u.</abbr> 1892; <abbr>vgl.</abbr> Bolland an Vaihinger vom 15.1.1897.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-33"><lem>cett.</lem><note>aufzulösen: ceteri (<abbr>lat.</abbr>): alle übrigen (Belegstellen)</note></app><app type="philological" corresp="#ED-34"><lem>vorkantischer Entgegengesetzter</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-35"><lem>Entgegengesetzter</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Bolland an Vaihinger vom 21.11.1900</note></app><app type="philological" corresp="#ED-36"><lem>und … Einseitigkeit</lem><note>Zeichensetzung wie in der Vorlage, keine Auslassung; gilt auch für die folgende Passage.</note></app></listApp></back></text></TEI>