<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000754-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Max Scheler </persName>an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Jena</placeName>, <date>24.11.1900</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 d, Nr. 2</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0754" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000754-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118606964">Max Scheler</persName><placeName>Jena</placeName><date when="1900-11-24">24.11.1900</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521411">Hermann Cohen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118710532">Paul Hensel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11749366X">Karl Vorländer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118771256">Ludwig Woltmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118606964">Max Scheler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</name><name>Wolfgang Heinrich Scheler</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 d, Nr. 2</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Max Scheler </persName>an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Jena</placeName>, <date>24.11.1900</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 d, Nr. 2</bibl></head></front><body><dateline>Jena, 24. Nov<add>[ember]</add> 1900.</dateline><salute>Sehr verehrter Herr Professor!</salute><p>Was müssen Sie von mir denken, hochverehrter Herr, daß ich erst heute Ihre so liebenswürdigen <abbr>u.</abbr> mir so dankenswerten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2466"/>Zeilen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2466"/> beantworte! Der Grund für dies Schweigen war freilich ein solcher, daß ich auf Ihre gütige Nachsicht hoffen zu dürfen glaube. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2467"/>Mein kleiner Junge<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2467"/> war nämlich so krank, daß wir ihn zu verlieren fürchteten und es war mir in dieser Zeit nicht möglich, Anderes als meine pflichtmäßigen Arbeiten zu erledigen.</p><p>Meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2468"/>Habilitationsarbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2468"/> wird Ihnen Dürr zugeschickt haben. Eine etwaige <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2469"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2470"/>Selbstanzeige<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2469"/> der Arbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2470"/> kann, wie ich nach Ihren Worten glaube schließen zu müssen, in das nächsterscheinende Heft nicht mehr auf<pb/>genommen werden. Ich lege eine solche bei und bitte im nächstfolgenden Heft – wenn es angeht – von ihr Gebrauch zu machen. Sollte etwa in diesem Hefte noch Raum für eine Recension sein, so <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2471"/>kann die Anzeige ja vielleicht beiseite gelassen werden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2471"/>. Selbstverständlich überlasse ich dies ganz Ihrer Disposition. Was die Wahl des Recensenten betrifft, so würde mir eine Person aus jenem Kreise, der die <name>Windelband</name>ische Kantauffassung (nur als diagnostisches Merkmal gemeint) vertritt, am liebsten sein. Nicht etwa darum, weil die in dem Schriftchen niedergelegten Gedanken mit den Ansichten jenes Kreises übereinstimmten: dies ist keineswegs der Fall; nur deswegen, weil ich hier die objektivste Würdigung zu finden glaube. <name>Windelband</name> selbst wird sich wohl kaum dazu herbeilassen? Sollten Sie, verehrter Herr, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2472"/>vielleicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2473"/>mit <name>Hensel</name> in Beziehung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2473"/> stehen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2472"/>, so wäre mir eine Recension von seiner Hand erwünscht. Weniger angenehm wäre mir – verzeihen Sie diese Offen<pb/>heit – ein spezifisch neukantischer Recensent (<name>Cohen</name>, <name>Natorp</name> <abbr>etc</abbr>).</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2474"/>Mein Aufsatz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2474"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2475"/>über analyt<add>[ische]</add> u<add>[nd]</add> synthet<add>[ische]</add> Urtheile<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2475"/>, an den Sie sich gütigst erinnerten, soll in den Weihnachtsferien druckfertig werden. Bei Wiederbeginn der Universität soll er Ihnen zu etwaiger Berücksichtigung zugehen.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2476"/>Im<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2476"/> zweiten Teil des laufenden Semesters gedenke ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2477"/>einen Aufsatz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2477"/> fertig zu stellen, dessen Material bereits gesammelt ist: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2478"/><name>Kant</name> und der Sozialismus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2478"/>. Seine Tendenz richtet sich gegen jene gegenwärtige Bewegung, die <name>Kant</name> mit mehr oder weniger Vehemenz zum Socialisten machen will (<name>Cohen</name>, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2479"/><name>Vorländer</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2479"/>, <name>Woltmann</name> <abbr>etc</abbr>). Es mag ja sein, daß <name>Kant</name> dem Socialismus <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2480"/>auf „transzendentallogische“ Weise „vorangegangen ist“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2480"/>. Historisch gesehen erscheint mir die These als eine der merkwürdigsten Construktionen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Sollte Ihnen, sehr verehrter Herr, mein Plan sympathisch sein, so würde es mir eine Ehre sein, die Ar<pb/>beit in Ihrem Organe veröffentlichen zu dürfen; sollte auch eine längere Zeit bis zur Veröffentlichung vergehen.</p><p>Für Ihre freund<add>[lichen]</add> Glückwünsche zum Antritt meiner Vorlesungen sage ich Ihnen, geehrter Herr Professor, meinen herzlichsten Dank. Ich habe meine Vorlesung (griech<add>[ische]</add> Phil<add>[osophie]</add>), Übungen (Lectüre der Prolegomena z<add>[u]</add> e<add>[iner]</add> j<add>[eden]</add> k<add>[ünftigen]</add> M<add>[etaphysik]</add>) <abbr>u.</abbr> Repetitorium wohl zustande gebracht und für den Anfang auch recht guten Besuch. In den Übungen wird zu unser aller Belehrung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2481"/>Ihr vortrefflicher Commentar<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2481"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2482"/>ausgibigst<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2482"/> herangezogen.</p><p>Indem ich nochmals um gütige Entschuldigung meines langen Schweigens bitte verbleibe ich ehrerbietigst Ihr ergebenster</p><signed>M. Scheler.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2466"><lem>Zeilen</lem><note>Schreiben Vaihingers nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2467"><lem>Mein kleiner Junge</lem><note>nicht ermittelt. <name>Wolfgang Heinrich Scheler</name> (1905–1941) war noch nicht geboren (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2468"><lem>Habilitationsarbeit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Scheler an Vaihinger vom 27.3.1900</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2469"><lem>Selbstanzeige</lem><note>erschienen in Kant-Studien 5 (1901), <abbr>S.</abbr> 481 (3. Heft des ersten Bandes des Doppeljahrganges 5/6 von 1901). Eine Besprechung erschien nicht.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2470"><lem>Selbstanzeige der Arbeit</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkreuz angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2471"><lem>kann die Anzeige ja vielleicht beiseite gelassen werden</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkreuz angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2473"><lem>mit <name>Hensel</name> in Beziehung</lem><note>zwischen Vaihinger und <name>Paul Hensel</name> (1860–1930, 1888 in Straßburg bei <name>Wilhelm Windelband</name> habilitiert, seit 1898 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Heidelberg, ab 1902 <abbr>o. Prof.</abbr> in Erlangen, <abbr>BEdPh</abbr>) ist keine Korrespondenz ermittelt.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2472"><lem>vielleicht mit <name>Hensel</name> in Beziehung stehen</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkreuz angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2474"><lem>Mein Aufsatz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Scheler an Vaihinger vom 27.3.1900</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2475"><lem>über analyt. u. synthet. Urtheile</lem><note> mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2476"><lem>Im</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>Frühling</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2477"><lem>einen Aufsatz</lem><note><name>Scheler</name> hat über dieses Thema nicht in der Zeitschrift Kant-Studien veröffentlicht. <abbr>Vgl.</abbr> Franz Staudinger: Der Streit um das Ding an sich und seine Erneuerung im sozialistischen Lager. In: Kant-Studien 4 ([1899]/1900), <abbr>S.</abbr> 167–189; Karl Vorländer: Kant und der Sozialismus. In: Kant-Studien 4 ([1899]/1900), <abbr>S.</abbr> 361–412; <abbr>ders.</abbr>: Die neukantische Bewegung im Sozialismus. In: Kant-Studien 7 (1902), <abbr>S</abbr>. 23–84.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2478"><lem><name>Kant</name> und der Sozialismus</lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2479"><lem><name>Vorländer</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Otto Hendel Verlag: Bibliothek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, <abbr>Nr.</abbr> 227 vom 29.9.1899, <abbr>S.</abbr> 7046: </note><rdg>Soeben gelangten zur Versendung: Nr. 1266–1277. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. Herausgegeben von Dr. Karl Vorländer. Mit Einleitung und ausführlichem Sachregister. Mit einem Bilde Immanuel Kants. Der Herausgeber, als Begabtester der Schüler Vaihingers, des hervorragenden Kant-Interpreten, uns von diesem selbst bezeichnet, muß als der Berufene gelten, eine neue wertvolle Ausgabe obigen Werkes zu schaffen […].</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2480"><lem>auf „transzendentallogische“ Weise „vorangegangen ist“</lem><note>nicht als Zitat ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2481"><lem>Ihr vortrefflicher Commentar</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Scheler an Vaihinger vom 27.3.1900</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2482"><lem>ausgibigst</lem><note>so wörtlich</note></app></listApp></back></text></TEI>