<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000517-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Paul Natorp</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg</placeName>, <date>11.12.1895</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 2</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0517" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000517-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</persName><placeName>Marburg</placeName><date when="1895-12-11">11.12.1895</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/117183857">Ludwig Busse</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118519522">Ernst Cassirer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521411">Hermann Cohen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116523468">Emil Hauff</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118537229">Galileo Galilei</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11905938X">Hermann Bonitz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116589817">Eugen Kühnemann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117243426">Ludwig Stein</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594893">Plato</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1041524161">Richard Salinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118608045">Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher</name><name>Georg Weiss</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118525727">Wilhelm Dilthey</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 2</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Paul Natorp</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg</placeName>, <date>11.12.1895</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 2</bibl></head></front><body><dateline>Marburg 11. Dez<add>[ember]</add> 1895</dateline><anchor type="delimiter"/><salute>Verehrter Herr Kollege!</salute><p>Verzeihen Sie, daß ich, in diesen Tagen von Geschäften überhäuft, erst heute zur Beantwortung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-663"/>Ihres freundlichen Schreibens<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-663"/> Zeit finde.</p><p>Dem Grundgedanken <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-664"/>des Prospektes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-664"/> bin ich, wie Sie voraus annehmen durften, durchaus geneigt. <abbr>Z. B.</abbr> bin ich an <abbr>u.</abbr> für sich gegen die Trennung der systematischen <abbr>u.</abbr> historischen Arbeit, wie sie <abbr>z. B.</abbr> durch die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-665"/>Teilung unsres „Archivs“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-665"/> wenigstens ausgedrückt <hi rend="underline">scheinen</hi> kann. In der Durchführung zeigt sich die Scheidung in der That schon jetzt schwierig, wie ich vorausgesehen. –</p><p>Andererseits kann man sich freilich nicht verhehlen, daß die Vermehrung der philosophischen Fachzeitschriften deren eigentlichen Zweck, die Concentration der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-666"/>betreffenden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-666"/> Litteratur, nicht fördert. Doch ist ja die philosophische Produktion bei uns <abbr>u.</abbr> noch mehr im Ausland immer noch eher im Steigen als im Sinken, und insbesondere das <name>Kant</name>studium keineswegs eingeschlafen. So wird es an <pb/> Beiträgen nicht fehlen.</p><p>Was mich selbst betrifft, so ist die speciellere Beschäftigung <name>Kant</name>s mir im Laufe der Jahre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-667"/>ferner gerückt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-667"/>, ich bin zu sehr mit eigner systematischer Arbeit, sowie mit historischen Forschungen die sich auf andre Perioden der Gesch<add>[ichte]</add> d<add>[er]</add> Philos<add>[ophie]</add> beziehen, beschäftigt, habe auch besondere Vorlesungen über <name>Kant</name>s schon längere Zeit nicht mehr gehalten <abbr>u.</abbr> habe um so weniger Grund sie wieder aufzunehmen, da außer <name>Cohen</name> nun auch <name>Busse</name> wie <name>Kühnemann</name> diese Seite pflegen. Ich stecke noch in Pädagogik, muß dann für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-668"/>Frommanns (<name>Hauff</name>s) Sammlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-668"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-669"/><name>Galilei</name> bearbeiten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-669"/>, sehne mich auch lange nach einem gewissen Abschluß meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-670"/><name>Plato</name>studien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-670"/>, meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-671"/>Psychologie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-671"/> <abbr>u.</abbr> m<add>[ehr]</add>. Es ist natürlich, daß ich dabei den Zusammenhang mit <name>Kant</name> nie verloren <abbr>u.</abbr> zu der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-672"/>alten „räucherigen Schwarte“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-672"/>, wie (glaube ich) <name>Schleiermacher</name> einmal im Unmut von der Kr<add>[itik]</add> d<add>[er]</add> r<add>[einen]</add> V<add>[ernunft]</add> gesagt, oft genug greife. Auch ist es ja wohl möglich, daß sich dabei kleinere Nebenarbeiten ergeben, die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-673"/>in das Programm Ihrer Zeitschrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-673"/> passen. <pb/> Doch kann ich zur Zeit nichts versprechen.</p><p>Als noch G<add>[eorg]</add> <name>Weiss</name> (Heidelberg) den Verlag der Kirschmannschen Bibl<add>[iothek]</add> und der Monatshefte hatte, verhandelten wir einmal über eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-674"/>Neuausgabe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-674"/> der Kr<add>[itik]</add> d<add>[er]</add> r<add>[einen]</add> V<add>[ernunft]</add>, aus der dann nach dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-675"/>Verkauf des Verlags an <name>Salinger</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-675"/><name/> nichts geworden ist. Ich hatte damals den Gedanken, möglichst alle <name>Kant</name>forscher in der Art an der Sache zu beteiligen, daß jeder für sich das ganze Werk genau durchlese <abbr>u.</abbr> jede textlich auffällige Stelle bemerke <abbr>u.</abbr> ev<add>[entuell]</add> Änderungsvorschläge mache. Mit solchem Material ließe sich dann vielleicht (ich dachte an einen engern Ausschuß zu diesem Zweck) ein so korrekter Text als denkbar – unter selbstverständlicher Benutzung aller sonstigen Hülfsmittel herstellen. Aber alles <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-676"/>desgleichen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-676"/> bes<add>[onders]</add> auch die Notwendigkeit eines <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-677"/>terminologischen Wörterbuchs<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-677"/> von mindestens der Genauigkeit von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-678"/><name>Bonitz</name> Ind<add>[ex]</add> Aristot<add>[elicus]</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-678"/> werden Sie genügsam erwogen haben <abbr>u.</abbr> durch Ihre Zeitschrift zu fördern schon längst beschlossen haben. Nur um mein Interesse an der Sache zu bezeigen, wollte ich die Bemerkung, da <pb/> sie mir durch Ihren Prospekt wieder in den Sinn kam, nicht unterdrücken.</p><p>Und so wünsche ich Ihrem Unternehmen den besten Erfolg, der durch Ihren Namen wie durch die der Mitherausgeber voraus gesichert erscheint.</p><p>Mit kollegialem Gruß Ihr</p><signed>P. Natorp</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-663"><lem>Ihres freundlichen Schreibens</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-664"><lem>des Prospektes</lem><note><abbr>vgl.</abbr> in der Druckfassung Vaihinger: [Prospekt] Kantstudien. Philosophische Zeitschrift unter Mitwirkung von E. Adickes, É. Boutroux, Edw. Caird, C. Cantoni, J. E. Creighton, W. Dilthey, B. Erdmann, K. Fischer, M. Heinze, R. Reicke, A. Riehl, W. Windelband und anderen Fachgenossen herausgegeben von Dr. Hans Vaihinger, o. ö. Professor an der Universität Halle a. S. – <abbr>z. B.</abbr> in: Archiv für Geschichte der Philosophie 9 (1896), <abbr>S.</abbr> 268–270.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-665"><lem>Teilung unsres „Archivs“</lem><note><name>Natorp</name> war 1895–1901 Mitherausgeber der 2. Abteilung, Archiv für systematische Philosophie, der Zeitschrift Archiv für Philosophie (<name>Ludwig Stein</name>). Deren 1. Abteilung widmete sich der Geschichte der Philosophie.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-666"><lem>betreffenden</lem><rdg>btr.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-667"><lem>ferner gerückt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Natorp an Vaihinger vom 28.10.1892</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-668"><lem>Frommanns (<name>Hauff</name>s) Sammlung</lem><note><name>Emil Hauff</name> (†1927), 1886–1919 Inhaber des Stuttgarter Verlages Fr. Frommann (Reinhard Würffel: Lexikon Deutscher Verlage. Berlin: Grotesk 2000, <abbr>S.</abbr> 261).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-669"><lem><name>Galilei</name> bearbeiten</lem><note>in der Verlagsreihe Frommanns Klassiker der Philosophie erschien keine Monographie über <name>Galilei</name>.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-670"><lem><name>Plato</name>studien</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Natorp: Platos Ideenlehre. Eine Einführung in den Idealismus. Leipzig: Dürr 1903; sowie Vaihinger an Natorp vom 25.6.1902.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-671"><lem>Psychologie</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Natorp: Allgemeine Psychologie in Leitsätzen zu akademischen Vorlesungen. Marburg: Elwert 1904; sowie <abbr>ders.</abbr>: Allgemeine Psychologie nach kritischer Methode. <abbr>Bd.</abbr> 1 [mehr nicht erschienen] Objekt und Methode der Psychologie. Tübingen: Mohr (Siebeck) 1912.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-672"><lem>alten „räucherigen Schwarte“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Wilhelm Dilthey: Leben Schleiermachers. Berlin: Georg Reimer 1870, <abbr>S.</abbr> 83–84: </note><rdg>Noch in Landsberg klagt er, „er nage noch immer an der räucherigen Schwarte der Kantschen Philosophie –“ [Fußnote: An Dohna, handschriftlich] damals schon sechsundzwanzig Jahre alt.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-673"><lem>in das Programm Ihrer Zeitschrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Natorp: Zur Frage der logischen Methode. Mit Beziehung auf Edm. Husserls „Prolegomena zur reinen Logik“. In: Kant-Studien 6 (1901), <abbr>S.</abbr> 270–283; <abbr>ders.</abbr>: Kant und die Marburger Schule. In: Kant-Studien 17 (1912), <abbr>S.</abbr> 193–221; Recht und Sittlichkeit. Ein Beitrag zur kategorialen Begründung der praktischen Philosophie. Mit besonderem Bezug auf Hermann Cohens „Ethik des reinen Willens“ und Rudolf Stammlers „Theorie der Rechtswissenschaft“. In: Kant-Studien 18 (1913), <abbr>S.</abbr> 1–79; Bruno Bauchs „Immanuel Kant“ und die Fortbildung des Systems des Kritischen Idealismus. In: Kant-Studien 22 (1918), <abbr>S.</abbr> 426–459.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-674"><lem>Neuausgabe</lem><note>fast sämtliche Projekte dieser Art (die <name>Cassirer</name>/<name>Cohen</name>sche Gegenausgabe ausgenommen) wurden verlegerisch mit Erscheinen der Berliner Akademie-Ausgabe der Werke Kants, <abbr>hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> <name>Wilhelm Dilthey</name> ab 1900 obsolet, Vaihingers eigene Vorhaben eingeschlossen (<abbr>vgl.</abbr> Michael Bernays an Vaihinger vom 1.3.1880).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-675"><lem>Verkauf des Verlags an <name>Salinger</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Helmut Holzhey: Ursprung und Einheit. Die Geschichte der „Marburger Schule“ als Auseinandersetzung um die Logik des Denkens. Basel/Stuttgart: Schwabe 1986 (Cohen und Natorp <abbr>Bd.</abbr> 1), <abbr>S.</abbr> 31, <abbr>Anm.</abbr> 124: </note><rdg>Die „Philosophischen Monatshefte“ erschienen ab Jg. XXVIII (1892) im Philosophisch-Historischen Verlag von Dr. R. Salinger, Berlin, an den sie im Herbst 1891 übergegangen waren; bereits Jg. XXX (1894), der letzte Band der Zeitschrift, kam aber bei Georg Reimer, Berlin heraus, der schon das „Archiv für Geschichte der Philosophie“ verlegte und ab 1895 auch das neukonzipierte „Archiv für Philosophie“ mit seinen zwei Abteilungen übernahm. Der Verleger Georg Weiss hatte die Zeitschrift Philosophische Monatshefte offenbar nicht kampflos an Richard Salinger abgegeben, es scheint zu einem Gerichtsprozess gekommen zu sein.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-676"><lem>desgleichen</lem><rdg>dgl.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-677"><lem>terminologischen Wörterbuchs</lem><note>erst 1930 erschien: Kant-Lexikon. Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften, Briefen und handschriftlichem Nachlaß. <abbr>Hg.</abbr> unter Mitwirkung der Kantgesellschaft v. Rudolf Eisler. Berlin: E. S. Mittler &amp; Sohn/Pan-Verlag.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-678"><lem>Bonitz Ind. Aristot.</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Hermann Bonitz: Index Aristotelicus. Berlin: Georg Reimer 1870.</note></app></listApp></back></text></TEI>