<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000468-9</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Moriz Carrière</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>10.2.1894</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Familienarchiv Carrière-Liebig, O 12, Nr. 134</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0468" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000468-9"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1894-02-10">10.2.1894</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119355841">Moriz Carrière</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118933299">Carl Stumpf</name><name>Hermann Ebbbinghaus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11645895X">Justus Carrière</name><name>Karl Wilhelm von Hofmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118861816">Remigius Stölzle</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117057436">Theodor Lipps</name></note><note type="repository">Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Familienarchiv Carrière-Liebig, O 12, Nr. 134</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Moriz Carrière</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>10.2.1894</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Familienarchiv Carrière-Liebig, O 12, Nr. 134</bibl></head></front><body><dateline>Halle <hi rend="superscript">a</hi>/S.</dateline><dateline>10.II.94.</dateline><salute>Hochzuverehrender Herr Professor!</salute><p>Wir sind hier in Preußen Alle recht gespannt darauf zu erfahren, wer denn wohl der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-297"/>Nachfolger von <name>Stumpf</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-297"/><name/> werden soll? Wir alle hoffen und wünschen, daß es doch ein Norddeutscher sein möchte, damit bei uns eine Lücke entsteht. Dieser Wunsch ist bei uns um so lebhafter, als ja Würzburg definitiv an einen Ultramontanen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-298"/>an <name>Stölzle</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-298"/>, gefallen zu sein scheint, so daß dadurch keine Bewegung bei uns statt<pb/>findet. Und da nun <name>Stumpf</name> nach Preußen kommt, so ist der Wunsch allgemein, es möchte einer aus Norddeutschland nach München berufen werden. Wir haben hier in Preußen einige Extraordinarien, außer mir noch bes<add>[onders]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-299"/><name>Ebbinghaus</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-299"/><name/> in Berlin, welche auf diese Weise direct oder indirect vorwärts zu kommen hoffen. Denn wenn eine Lücke bei uns entstünde, so würden wir doch dabei gewinnen. <name>Ebbinghaus</name> ist auch schon 7 Jahre Extraordinarius, ich gar 11 Jahre, da wünscht man endlich unter ein festes Dach und Fach zu kommen. <pb/> Schade, daß <name>Stumpf</name> für mein Forschen keinen echten Sinn hat; er ist so ganz Psychologe, daß ihm mein Geleis nicht zusagt; sonst würde er vielleicht an mich denken.</p><p>In diesem Semester lese ich auch unter Anderem über die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-300"/>„Grundlagen der Aesthetik“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-300"/>; da bin ich recht froh, an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-301"/>Ihrer Aesthetik<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-301"/> ein unerschöpfliches Reich von Ideen und Thatsachen zu besitzen, welche mir und meinen Studenten zu Gute kommen. Ihre Verbindung von Idealismus und Realismus scheint mir den rechten Mittelweg einzuschlagen zwischen Speculation und Empirie. Außerdem bin <pb/> ich mit einer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-302"/>Arbeit über Logik<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-302"/> sowie mit einem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-303"/>Beitrag zur griechischen Philosophie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-303"/> beschäftigt.</p><p>Ich glaube, ich habe Ihnen schon geschrieben, daß ich jüngst den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-304"/>Herrn Minister<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-304"/> v<add>[on]</add> <name>Hofmann</name> in Berlin aufgesucht habe, um ihm <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-305"/>mein Beileid<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-305"/> auszusprechen. Es hat mich sehr interessirt, ihn so wohl zu finden. Gerne würde ich auch Sie wieder einmal sehen und mit Ihnen über allerlei sprechen, was mich bewegt. Ich finde, daß man mit den Jahren und Erfahrungen immer mehr zunimmt an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-306"/>metaphysischem und religiösem Bedürfniß<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-306"/>.</p><p>In alter Verehrung Ihr herzlich ergebener</p><signed>H. Vaihinger.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-297"><lem>Nachfolger von <name>Stumpf</name></lem><note><name>Carl Stumpf</name>, seit 1889 <abbr>o. Prof.</abbr> in München (zuvor 1873 in Würzburg, 1879 in Prag, 1884 in Halle), wurde 1893 nach Berlin berufen. Sein Nachfolger wurde <name>Theodor Lipps</name> (1851–1914), zuvor in Breslau, <abbr>geb.</abbr> in Wailhalben bei Pirmasens (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-298"><lem>an <name>Stölzle</name></lem><note><name>Remigius Stölzle</name> (1856–1921), 1886 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Würzburg, 1894 <abbr>o. Prof.</abbr> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-299"><lem><name>Ebbinghaus</name></lem><note>Hermann Ebbinghaus (1850–1909), Psychologe, 1880 in Berlin habilitiert, 1886 dort ao. Prof., 1894 o. Prof. in Breslau, 1905 in Halle (NDB).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-300"><lem>„Grundlagen der Aesthetik“</lem><note>Vaihinger hatte für das <abbr>WS</abbr> 1893/1894 <abbr>u. a.</abbr> angeboten: Grundbegriffe der Ästhetik (Vorlesungsverzeichnis Halle-Wittenberg).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-301"><lem>Ihrer Aesthetik</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carrière: Aesthetik. Die Idee des Schönen und ihre Verwirklichung durch Natur, Geist und Kunst. Leipzig : Brockhaus 1859. 3 <abbr>Aufl.</abbr> bis 1885.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-302"><lem>Arbeit über Logik</lem><note>nicht ermittelt; nicht erschienen (<abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard von Hartmann vom 8.9.1893).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-303"><lem>Beitrag zur griechischen Philosophie</lem><note>nicht ermittelt; nicht erschienen (<abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Althoff vom 4.2.1894 [1]).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-304"><lem>Herrn Minister</lem><note><name>Karl Wilhelm von Hofmann</name> (1827–1910), war 1879–1880 Staatssekretär (Minister) des Reichamts des Innern gewesen (<ref type="link">https://www.lagis-hessen.de/pnd/11908127X</ref> (21.8.2024)). <name>Justus Carrière</name> war sein Schwiegersohn (<ref type="link">https://digitalisate-he.arcinsys.de/hstad/o_12/findbuch.pdf</ref> (21.8.2024), <abbr>S.</abbr> XVI).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-305"><lem>mein Beileid</lem><note>zum Tode <name>Justus Carrière</name>s, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Moriz Carrière vom 17.7.1893.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-306"><lem>metaphysischem und religiösem Bedürfniß</lem><note>Anspielung auf Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2. <abbr>Bd.</abbr> (1844). Ergänzungen zum ersten Buch. Zweite Hälfte, Kapitel 17: Ueber das metaphysische Bedürfniß des Menschen.</note></app></listApp></back></text></TEI>