<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000466-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.2.1894 (1)</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0466" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000466-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1894-02-04">4.2.1894 (1)</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Althoff</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1246231751">August Döring</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11653012X">Benno Erdmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521853">Johannes Conrad</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118739603">Friedrich Paulsen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594893">Platon</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118788175">Johannes Rehmke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118933299">Carl Stumpf</name></note><note type="repository">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.2.1894 (1)</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</bibl></head></front><body><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-280"/><abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-280"/></salute><p>glaube ich die Mittheilung schuldig zu sein, daß ich es gewagt habe, S<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> Excellenz dem Herrn Minister einige Besprechungen meines <name>Kant</name>commentars zu übersenden, die ich <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren gestern ebenfalls zu schicken mir gestattet habe. <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren ersehen aus denselben, daß dieselben mit der Ihnen schon bekannten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-281"/>Recension von <abbr>Prof.</abbr> <name>Döring</name> in der National-Zeitung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-281"/> darin übereinstimmen, daß es <hi rend="underline">im </hi><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-282"/><hi rend="underline">Interesse</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-282"/><hi rend="underline"> der Wissenschaft</hi> liege, daß das Werk, von dem gerade die <hi rend="underline">schwierigsten und wichtigsten Partien</hi> noch ausstehen, <hi rend="underline">bald</hi> zur Vollendung gelange. Unter den jetzigen gespannten Verhältnissen, welche mich außerdem zu ganz andren Arbeiten nöthigen, fehlt mir aber dazu die notwendige Concentration des Geistes, welche nur in einer consolidirten Lage zu erreichen ist, während der jetzige <hi rend="underline">Zustand der Unsicherheit und Spannung</hi> mir und meiner Arbeit in jeder Hinsicht <hi rend="underline">nachtheilig</hi> ist. <pb/></p><p>Die Einwände, welche von <hi rend="underline">hier</hi> aus gegen die Wiederbesetzung des vakanten dritten Ordinariates der Philosophie erhoben werden, können den Eindruck machen, als ob es sich nur darum handelte, <hi rend="underline">gerade mich</hi> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-283"/>von diesem Ordinariate fernzuhalten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-283"/>. In Wahrheit aber handelt es sich dabei einzig und allein um die Absicht, <hi rend="underline">die Stelle überhaupt</hi> eingehen zu lassen, und die Universität Halle, die <hi rend="underline">zweitgrößte preußische</hi> Universität, <hi rend="underline">zu derselben Zeit</hi> ihres dritten philosophischen Ordinariates zu berauben, in der andere Universitäten, wie <hi rend="underline">Berlin</hi> und <hi rend="underline">Leipzig</hi>, ein <hi rend="underline">drittes Ordinariat der Philosophie</hi> geschaffen haben, weil zwei Philosophen dem Bedürfniß nicht mehr genügen, wie ja auch schon <hi rend="underline">Bonn und Breslau, München, Tübingen und Prag</hi> je 3 Ordinarien der Philosophie besitzen. Daß auch <hi rend="underline">hier</hi> in Halle ein wirkliches Bedürfniß vorliegt, dafür liegt – abgesehen davon, daß wir <hi rend="underline">in Wirklichkeit </hi><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-284"/><hi rend="underline">nur 1½ Philosophen</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-284"/><hi rend="underline"> haben</hi> – auch ein Beweis darin, daß <hi rend="underline">ich</hi> hier der einzige bin, welcher <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-285"/>die <hi rend="underline">griechische Philosophie</hi> vertritt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-285"/>, über welche ich auch in einiger Zeit etwas <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-286"/>zu publiciren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-286"/> gedenke. <pb/></p><p>Wenn aber die hiesigen Fachmänner darauf bestehen, <hi rend="underline">gerade mich</hi> von dem dritten Ordinariate hier fern halten zu wollen, warum machen sie dann nicht andere Vorschläge? Man könnte ja einen <hi rend="underline">andren preußischen Ordinarius</hi> hieher setzen, an dessen Stelle ich dann kommen könnte, etwa <hi rend="underline"><name>Rehmke</name> in Greifswald</hi>, oder <hi rend="underline"><name>Natorp</name> in Marburg.</hi> Aber die hiesigen Fachmänner werden <hi rend="underline">gegen Jeden</hi> Einwände erheben, weil sie ausgesprochenermaßen die Aufhebung der dritten Professur beabsichtigen – <hi rend="underline">zum Nachtheil der Universität, der Wissenschaft und der jüngeren Generation.</hi> Da sie es verstanden haben, die Majorität der Fakultät für diesen Plan zu gewinnen, so hoffen sie auch dadurch die Entschließung der hohen Regierung nach ihrem Belieben dirigiren zu können. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-287"/>Auf diese Weise wird die Autonomie der Fakultäten zu einem Hinderniß des Fortschrittes und zu einem Spielball in den Händen Einzelner, <hi rend="underline">deren geistige Bedeutung ihnen doch noch lange nicht das Recht gibt, Andre Mitstrebende zu unterdrücken.</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-287"/></p><p>Was die Beurtheilung meiner eigenen Leistungen betrifft, so kann ich mich getrost auf das Urtheil aller <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-288"/><hi rend="underline">sachverständigen</hi> Fachmänner berufen: unter den Berliner Ordinarien auch noch auf <hi rend="underline"><name>Paulsen</name>, welcher ebenfalls über <name>Kant</name> gearbeitet hat.</hi> Herr Professor <hi rend="underline"><name>Stumpf</name></hi> aber hatte in diesem Gebiet <hi rend="underline">nicht</hi> gearbeitet und ist <hi rend="underline">als persönlicher Freund von <abbr>Prof.</abbr> <name>B. Erdmann</name></hi> in dieser Angelegenheit <hi rend="underline">Partei.</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-288"/></p><p>Ich möchte <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren inständig bitten, die Angelegenheit nochmals zu prüfen. Würde mir das Ordinariat übertragen, so könnte ich <hi rend="underline">hier</hi> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-289"/>mit dem <hi rend="underline">Minimalgehalt</hi> auskommen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-289"/>; von dem zur Fügung stehenden Gehalte – 5700 Mark – könnten also noch etwa 2500 Mark abgezweigt werden zu anderen Zwecken, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-290"/>etwa zur Besoldung eines Extraordinarius der Philosophie.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-290"/></p><p>Indem ich mich dem <hi rend="underline">wohlwollenden Schutze</hi> von <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren dringend anempfehle, und um baldige Beendigung dieses peinlichen Interregnums bitte, zeichne ich in tiefster Ehrerbietung <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-291"/>ganz ergebenster<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-291"/></p><signed>Prof D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r</hi></hi> H. Vaihinger</signed><dateline>Halle a/Saale</dateline><dateline>den 4. Febr<add>[uar]</add> 1894.</dateline></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-280"><lem><abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren</lem><note>über der Anrede Bleistiftnotiz von Althoffs <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg><hi rend="underline">Vaihinger:</hi> drittes philosoph. Ordinariat, pro domo. ∅. | Mit Suchier sprechen.</rdg><note> Nach Anrede 3 Zeilen frei gelassen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-281"><lem>Recension von <abbr>Prof.</abbr> <name>Döring</name> in der National-Zeitung</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-282"><lem><hi rend="underline">Interesse</hi></lem><note>doppeltes s hier und im folgenden mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-283"><lem>von diesem Ordinariate fernzuhalten</lem><note><abbr>vgl.</abbr> bereits <name>Johannes Conrad</name> (1839–1915, Nationalökoom, seit 1872 <abbr>Prof.</abbr> in Halle, 1885/1886 Rektor: <ref type="link">https://www.catalogus-professorum-halensis.de/conradjohannes.html</ref> (21.8.2024)) an <name>Althoff</name> vom 10.7.1892: </note><rdg>Haym und Erdmann wollen die Neubesetzung […] nicht beantragen, und wohl die meisten Mitglieder der Fac. stimmen dem zu, da wenig Neigung ist, Vaihinger zum Ordinarius zu machen und man sich scheut ihm jemand auf die Nase zu setzen</rdg><note> (zitiert nach Regina Meÿer <abbr>u.</abbr> Günther Schenk (<abbr>Hg.</abbr>): Neukantianisch orientierte Philosophen. Bruno Bauch. Fritz Medicus, Alois Riehl und Hans Vaihinger. Halle: Schenk 2001, <abbr>S.</abbr> 196).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-284"><lem><hi rend="underline">nur 1½ Philosophen</hi></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Friedrich Theodor Althoff vom 23.10.1892</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-285"><lem>die <hi rend="underline">griechische Philosophie</hi> vertritt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihingers Lehrveranstaltungen im <abbr>SS</abbr> 1887: Geschichte der griechischen Philosophie; Lektüre und Erklärung von <name>Platon</name>s Theätet. Im <abbr>WS</abbr> 1887/1888: Lektüre und Erklärung von <name>Platon</name>s Theätet. Im <abbr>WS</abbr> 1889/1890: Erklärung von <name>Platon</name>s Theätet. Im <abbr>WS</abbr> 1891/1892: Geschichte der Philosophie, I. Theil: Geschichte der griechischen Philosophie. Im <abbr>SS</abbr> 1892: Erklärung von <name>Platon</name>s Theätet. Im <abbr>SS</abbr> 1893: Geschichte der griechischen Philosophie; Philosophische Uebungen über ausgewählte Capitel der <name>Platon</name>ischen Dialoge (Phädrus, Republik, Theaetet <abbr>u. s. w.</abbr>). Im <abbr>WS</abbr> 1893/1894: <name>Platon</name>ische Uebungen (Vorlesungsverzeichnisse Halle-Wittenberg).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-286"><lem>zu publiciren</lem><note>Vaihinger hat nicht über griechische Philosophie veröffentlicht.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-287"><lem>Auf … <hi rend="underline">unterdrücken.</hi></lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-288"><lem><hi rend="underline">sachverständigen</hi> … <hi rend="underline">Partei.</hi></lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-289"><lem>mit dem <hi rend="underline">Minimalgehalt</hi> auskommen</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-290"><lem>etwa zur Besoldung eines Extraordinarius der Philosophie.</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen, daneben: </note><rdg>!</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-291"><lem>ganz ergebenster</lem><note>mit Devotionsstrich an den Fuß der <abbr>S.</abbr> gesetzt</note></app></listApp></back></text></TEI>