<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000465-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Eduard von Hartmann</persName>, <placeName type="sent">Friedrichroda</placeName>, <date>8.9.1893</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Nachlass Eduard von Hartmann</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0465" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000465-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Friedrichroda</placeName><date when="1893-09-08">8.9.1893</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name>Karl Richard Vaihinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610465">Arthur Schopenhauer</name></note><note type="repository">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Nachlass Eduard von Hartmann</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Eduard von Hartmann</persName>, <placeName type="sent">Friedrichroda</placeName>, <date>8.9.1893</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Nachlass Eduard von Hartmann</bibl></head></front><body><dateline>Friedrichroda <hi rend="superscript">i</hi>/Thür<add>[ingen]</add></dateline><dateline>8. Sept<add>[ember]</add> 93.</dateline><salute>Hochverehrter Herr!</salute><p>Sie haben mich durch die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-273"/>Zusendung Ihrer neuen <name>Kant</name>schrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-273"/> ebenso sehr geehrt als erfreut. Obgleich ich sonst die Sommerfrische nicht durch Studium entweihe, am allerwenigsten durch Beschäftigung mit einem Gegenstand, der mich schon so viel in Anspruch nimmt, so habe ich doch dem Drang nicht widerstehen können, Ihre neue Schrift kennen zu lernen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-274"/>einerseits<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-274"/> unterstützt durch mehrere Tage schlechtes Wetter, welche wiederum <pb/> ein schlagender <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-275"/>Beweis für die unzweckmäßige Einrichtung unserer Welt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-275"/> sind, da man doch das Anrecht auf gutes Wetter durch monatelanges Warten auf die Sommerfrische erworben hat – andrerseits gehindert durch das Schreien eines <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-276"/>einjährigen Jungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-276"/>, an dessen Dasein ich nicht ganz unschuldig bin, der aber für das Studium seines Vaters noch nicht das geringste Verständnis besitzt.</p><p>Aber der Reiz des Gegenstandes hat doch alle Hindernisse überwunden, und meine Beharrlichkeit habe ich nicht zu bereuen – habe ich doch in Ihrer Schrift eine sehr interessante Lectüre kennen gelernt, über die ich mich um so mehr freue, als ich in wesentlichen Punkten mit Ihnen übereinstimme. Was Sie <hi rend="underline">gegen</hi> <pb/> <name>Kant</name> vorbringen, kann ich fast Alles unterschreiben, wenn ich auch, im Ganzen genommen, sein Verdienst höher schätze und seinem erkenntnistheoretischen Agnosticismus mehr Werth zuschreibe. Aber Ihre Einwände gegen seine einzelnen Positionen halte ich fast alle für durchaus berechtigt, und freue mich über die schlagende Art und Weise, mit der Sie auch dieses Mal wieder Ihre Ansichten ausdrücken. Auch was Sie <hi rend="underline">über</hi> <name>Kant</name> sagen, hat mich überall gepackt; was Sie über die doppelte Affection und die doppelte Causalität sagen, wird mir Gelegenheit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-277"/>geben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-277"/>, über diesen wichtigsten Punkt aufs Neue nachzudenken; bis auf weiteres kann ich mich noch nicht davon lossagen, daß <name>Kant</name> ein Mittelding zwischen Ding <pb/> an sich und Erscheinung und dem entsprechend auch die empirische Affection im Ernste, aber allerdings nur an einzelnen Stellen gelehrt habe. So wird meinem Commentar und Ihrem Werke viel Gewinn erwachsen. Voraussichtlich werde ich auch Gelegenheit haben, über dasselbe <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-278"/>in dem „Jahresbericht“ im „Archiv“ zu referiren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-278"/>; einstweilen stecke ich in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-279"/>logischen und aesthetischen Studien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-279"/>.</p><p>Mit dem herzlichen Dank für Ihre freundliche Gabe Ihr aufrichtig ergebener</p><signed>H. Vaihinger.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-273"><lem>Zusendung Ihrer neuen <name>Kant</name>schrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Eduard von Hartmann an Vaihinger vom 12.12.1892</note></app><app type="philological" corresp="#ED-274"><lem>einerseits</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-275"><lem>Beweis für die unzweckmäßige Einrichtung unserer Welt</lem><note>Anspielung auf den Pessimismus <name>Schopenhauer</name>/<name>von Hartmann</name>’scher Prägung.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-276"><lem>einjährigen Jungen</lem><note><name>Richard Vaihinger</name>, <abbr>geb.</abbr> 25.8.1892 (<abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Althoff, Geburtsanzeige vom 25.8.1892).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-277"><lem>geben</lem><note>mittels Radierung verbessert aus: </note><rdg>haben</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-278"><lem>in dem „Jahresbericht“ im „Archiv“ zu referiren</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Bericht über die Kantiana für die Jahre 1892 bis 1894. In: Archiv für Geschichte der Philosophie 8 (1895), <abbr>S.</abbr> 419–440, zu <name>von Hartmann</name> <abbr>S.</abbr> 434–438.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-279"><lem>logischen und aesthetischen Studien</lem><note>nicht ermittelt, vermutlich zur Vorbereitung von Lehrveranstaltungen (<abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Moriz Carrière vom 10.2.1894).</note></app></listApp></back></text></TEI>