<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000438-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Paul Natorp</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg</placeName>, <date>28.10.1892</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 1</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0438" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000438-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</persName><placeName>Marburg</placeName><date when="1892-10-28">28.10.1892</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/141940832">Edmund König</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117223344">Franz Staudinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 1</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-131"/><persName type="sent">Paul Natorp</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg</placeName>, <date>28.10.1892</date><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-131"/>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 1</bibl></head></front><body><dateline>Marburg 28. Oct<add>[ober]</add> 1892</dateline><salute>Hochgeehrter Herr College!</salute><p>Soeben erhalte ich von Stuttgart <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-132"/>Ihren zweiten Band<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-132"/>, und beeile mich Ihnen für das werthvolle Geschenk meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Was die Rezension betrifft, so würde ich ohnehin an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-133"/><name>König</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-133"/><name/> zuerst gedacht haben; <name>Staudinger</name> ist zur Zeit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-134"/>durch andere Dinge<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-134"/> zu sehr in Anspruch genommen.</p><p>Eine einigermassen entsprechende Gegengabe werde ich Ihnen für die nächste Zeit nicht bieten können, zumal nicht eine solche die Ihren Interessen besonders naheläge. Auf historischem Gebiet werden mich wohl noch auf lange hin die Alten vorzugsweise wo nicht ausschliesslich beschäftigen; <abbr>u.</abbr> meine systematischen Untersuchungen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-135"/>schreiten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-136"/>nur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-136"/> langsam fort<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-135"/>. Diese haben ja allerdings mit <name>Kant</name> genaue Berührung, zielen aber mehr auf freiste Um- oder Weiterbildung <abbr>u.</abbr> abstrahiren mehr <pb/> und mehr von der Frage ob <name>Kant</name> so oder so auszulegen sei. Mich interessirt weder bei <name>Kant</name> noch bei einem andern philos<add>[ophischen]</add> Autor so sehr die individuelle Art wie die einzelnen philos<add>[ophischen]</add> Gedankenlinien sich in seinem Kopf begegnen <abbr>u.</abbr> verflechten, natürlich auch einander in die Haare fahren, als <hi rend="underline">diese Gedankenlinien selbst</hi>, woher sie (logisch) kommen <abbr>u.</abbr> wohin sie (logisch) führen. Ich entnehme sie darum doch der Geschichte, arbeite sie analytisch aus ihr heraus, muss daher denn natürlich auch die individuelle Verflechtung in der sie begegnen, beachten <abbr>u.</abbr> soweit möglich zu entwirren suchen; aber das ist nicht mein Interesse an der Geschichte. Dass nun dies individualpsychologische Interesse an der Geschichte auch ein Recht hat, leugne ich gar nicht, wünschte vielmehr nur dass man auch der andern Methode zugestände, dass sie sowohl berechtigt als, namentlich in Rücksicht auf den Fortbau auf den historischen Grundlagen, unerlässlich, ja <hi rend="underline">dafür</hi> directer von Bedeutung ist als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-137"/>jene<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-137"/> Methode, die ich die individualpsychologische nannte. So mag die eine von der andern ihren Nutzen und ihr Recht haben, ohne dass sie miteinander in <pb/> Streit zu gerathen brauchen. Im Grunde arbeitet keiner wie der andre, <abbr>u.</abbr> sollte ein jeder redlich <hi rend="underline">seinen</hi> Weg verfolgen; nicht ohne Rücksicht auf den Andern, aber ohne ihn zu beirren oder sich durch ihn beirren zu lassen; das Ganze der Wissenschaft würde nur dabei gewinnen.</p><p>Dass ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-138"/>alte Geschichten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-138"/> nachtrage, nehmen Sie mit Recht nicht an; <abbr>u.</abbr> so möchte ich auch kein Wort weiter darüber verlieren.</p><p>In collegialer Hochachtung</p><signed>P. Natorp</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-132"><lem>Ihren zweiten Band</lem><note>von Vaihinger: Commentar zur Kritik der reinen Vernunft, 1892.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-133"><lem><name>König</name></lem><note>der vermutlich gemeinte <name>Edmund König</name> (1858–1939), Gymnasialprofessor in Sondershausen (Stadtverwaltung Sondershausen (<abbr>Hg.</abbr>): Helmut Köhler <abbr>u.</abbr> Hans Jürgen Nickel: Edmund König (1858–1938). Sondershausen: Starke 2016 (Persönlichkeiten in Sondershausen)), hat Vaihingers Werk nicht in der Zeitschrift Philosophische Monatshefte rezensiert.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-134"><lem>durch andere Dinge</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <abbr>z. B.</abbr> Franz Staudinger: Die sittliche Frage eine sociale Frage. In: Philosophische Monatshefte 29 (1893), <abbr>S.</abbr> 50–53 <abbr>u.</abbr> 197–219.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-136"><lem>nur</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-135"><lem>schreiten nur langsam fort</lem><note>erst 1910 erschien von Natorp: Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-137"><lem>jene</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>andere</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-138"><lem>alte Geschichten</lem><note>Anspielung auf den literarischen Schlagabtausch zwischen <name>Natorp</name> und Vaihinger über eine Rezension Vaihingers im Frühjahr 1883, die zum Ende der Tätigkeit Vahingers für die Zeitschrift Literarisches Centralblatt führte; <abbr>vgl.</abbr> Vaihingers Schreiben an Friedrich Zarncke von 17.4.–13.6.1883. Auf diese alte Fehde hatte Vaihinger offenbar in seinem nicht überlieferten Begleitschreiben zur Büchersendung an Natorp angespielt.</note></app></listApp></back></text></TEI>