<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000410-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Ernst Dümmler</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.3.1889</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, NL Dümmler</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0410" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000410-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1889-03-04">4.3.1889</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116238909">Ernst Dümmler</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Althoff</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116549718">August Krohn</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11653012X">Benno Erdmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118933299">Carl Stumpf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118614436">Georg Simmel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116666781">Gustav Glogau</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118617583">Heymann Steinthal</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117057436">Theodor Lipps</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118671707">Paul Deussen</name></note><note type="repository">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, NL Dümmler</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Ernst Dümmler</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.3.1889</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, NL Dümmler</bibl></head></front><body><dateline>Halle <hi rend="superscript">a</hi>/S.</dateline><dateline>4. März 1889.</dateline><salute>Hochzuverehrender Herr Geh. Reg. Rath!</salute><p>Empfangen Sie, verehrtester Herr Geheimer Regierungsrath, den herzlichsten Dank für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2745"/>Ihre Mittheilungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2745"/>, die ich als streng vertrauliche behandeln werde. Dieselben sind für mich um so werthvoller, als ja jetzt der traurige Fall eingetreten ist, den Ihr Brief voraussagte. Man hat hier allgemein den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2746"/>Tod <name>Krohn</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2746"/> mit großem Bedauern vernommen; jedermann erkennt seine seltene Begabung, sein ideales Streben, seine geistvollen Veröffentlichungen an. <pb/></p><p>Natürlich würde ich es als ein großes Glück und als eine hohe Ehre betrachten, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2747"/>Nachfolger <name>Krohn</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2747"/> zu werden. Da ich für die Stelle, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2748"/>welche <name>Glogau</name> jetzt hat<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2748"/>, schon vor 5 Jahren primo loco <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2749"/>vorgeschlagen war<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2749"/>, läge es ja nahe, daß die Facultät an mich denkt. Directe Beziehungen habe ich aber nicht dahin; <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2750"/><name>Glogau</name> kenne ich nur oberflächlich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2750"/>.</p><p>Daß Herr Geh. Rath <name>Althoff</name> mir so wenig günstig gesinnt ist, ist mir ja natürlich sehr unangenehm; es ist mir aber sehr werthvoll, daß ich sein Urtheil über mich kenne, damit ich mir keine falschen Hoffnungen mache. Seinen Vorwurf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2751"/>mangelnder Productivität<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2751"/> muß ich ja allerdings anerkennen; niemand bedauert mehr als ich selbst, daß ich nicht noch mehr Arbeitskraft besitze. Ich habe in meine Vorlesungen sehr viel Kraft und Arbeit hineingesteckt, und dieselben enthalten daher manche werthvolle <pb/> Resultate selbständiger Forschung. Die Art und Weise, wie die Vorlesungen ausgearbeitet werden, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2752"/>sind<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2752"/> aber bei den Einzelnen sehr verschieden. Der Eine begnügt sich damit, die Resultate der Wissenschaft ohne Weiteres hinzunehmen und zu reproduciren, der Andere erarbeitet sich jene Resultate selbständig auf eigenem Wege. Jener hat natürlich mehr Zeit zu andern Arbeiten übrig, als dieser. – Warum wird denn dann derselbe Vorwurf nicht auch <hi rend="underline"><name>Stumpf</name></hi> gemacht, der fast <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2753"/>ebenso lange hier<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2753"/> ist, und ebenfalls seitdem nichts veröffentlicht hat? Derselbe arbeitet eben auch langsam; der langsame Arbeiter ist darum noch nicht der schlechtere.</p><p>Was die beiden genannten Concurrenten betrifft, so ist <hi rend="underline"><name>Lipps</name></hi> (den ich im Herbst von Köln aus <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2754"/>in Bonn<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2754"/> besuchte) jedenfalls als ein durchaus tüchtiger, sachlicher und auf der Höhe der Wissenschaft stehender Gelehrter anzuerkennen, der mir aber als Dozent gewiß nicht überlegen ist. <name>Natorp</name> ist ein sehr gelehrter <pb/> Mann, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2755"/>neigt aber zu Abstrusitäten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2755"/> und hat jüngst ein ganz unverständliches Buch geschrieben (<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2756"/>„Einleitung in Psychologie“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2756"/>). Eine „hervorragende Lehrkraft“ ist er so wenig, daß seine Mißerfolge als Dozent unter den Fachcollegen überall bekannt sind. Er weiß in einzelnen Gebieten gewiß mehr als ich, das will ich nicht abstreiten.</p><p>Übrigens werde ich jetzt auf alle Fälle die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2757"/><name>Kant</name>arbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2757"/> wieder aufnehmen, um das angefangene Werk fortzusetzen und zur Vollendung zu bringen. Da ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2758"/>die Hauptvorlesungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2758"/> fertig habe, wird mir dies möglich sein.</p><p>Haben Sie, verehrter Herr Geh. Rath, nochmals den herzlichsten Dank für alle Ihre Mittheilungen, welche mir sämtliche sehr interessant waren, und für das mir damit aufs Neue bewiesene gütige Wohlwollen, das ich mir auch fernerhin zu bewahren bitte.</p><p>Indem ich mich Ihnen, sowie Ihrer verehrten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2759"/>Frau Gemalin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2759"/> bestens empfehle, bin ich Ihr dankbar ergebenster</p><signed>H. Vaihinger.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2745"><lem>Ihre Mittheilungen</lem><note>nicht überliefert, zum Inhalt <abbr>s. u.</abbr></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2746"><lem>Tod <name>Krohn</name>s</lem><note><name>August Krohn</name> (1840–1889), 1875 in Halle für Philosophie habilitiert, 1881 <abbr>ao. Prof.</abbr>, 1884 <abbr>o. Prof.</abbr> Kiel, war am 27.3.1889 während einer Urlaubsreise gestorben (<ref type="link">https://www.catalogus-professorum-halensis.de/krohnaugust.html</ref> (20.8.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2747"><lem>Nachfolger <name>Krohn</name>s</lem><note>weder Vaihinger noch <abbr>z. B.</abbr> <name>Georg Simmel</name> kamen auf die Kieler Nachfolgeliste, wie <name>Gustav Glogau</name> am 14.5.1889 an <name>Heymann Steinthal</name> berichtete: </note><rdg>Wir haben [David] Peipers [</rdg><note>1838–1912, <abbr>Prof.</abbr> in Göttingen</note><rdg>], Natorp, Deussen pari passu, und Tönnies an zweiter Stelle dem Minister genannt</rdg><note> (Ingrid Belke (<abbr>Hg.</abbr>): Moritz Lazarus und Heymann Steinthal. Die Begründer der Völkerpsychologie in ihren Briefen <abbr>Bd.</abbr> 2,1. Tübingen: Mohr (Siebeck) 1983, <abbr>S.</abbr> 275). Berufen wurde <name>Paul Deussen</name> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2748"><lem>welche <name>Glogau</name> jetzt hat</lem><note>in Kiel als Nachfolger für <name>Benno Erdmann</name>, der nach Breslau versetzt wurde, bevor er 1890 nach Halle kam, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Bartholomäus von Carneri vom 11.5.1884.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2749"><lem>vorgeschlagen war</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Briefwechsel Vaihingers mit Eduard Zeller von Februar und März 1884.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2750"><lem><name>Glogau</name> kenne ich nur oberflächlich</lem><note>von mindestens einer Begegnung im Frühjahr 1879 in Straßburg her, <abbr>vgl.</abbr> <name>Gustav Glogau</name> an <name>Heymann Steinthal</name> vom 13.5.1879 aus Zürich (abgedruckt in: Ingrid Belke (<abbr>Hg.</abbr>): Moritz Lazarus und Heymann Steinthal. Die Begründer der Völkerpsychologie in ihren Briefen Bd. II/1. Mit einer Einleitung. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1983, <abbr>S.</abbr> 84).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2751"><lem>mangelnder Productivität</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <name>Althoff</name>s Anmerkungen auf Vaihinger an Althoff vom 7.1.1888.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2752"><lem>sind</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2753"><lem>ebenso lange hier</lem><note><name>Carl Stumpf</name> lehrte 1884–1889 in Halle (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2754"><lem>in Bonn</lem><note><name>Theodor Lipps</name> (1851–1914), 1874 in Bonn promoviert, 1877 dort habilitiert, 1884 zum Professor ernannt, ging 1890 nach Breslau, 1894 nach München (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2755"><lem>neigt aber zu Abstrusitäten</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Schreiben Vaihingers an Friedrich Zarncke von April–Juni 1883.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2756"><lem>„Einleitung in Psychologie“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Natorp: Einleitung in die Psychologie nach kritischer Methode. Freiburg i. B.: Mohr (Siebeck) 1888.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2757"><lem><name>Kant</name>arbeit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 2 <abbr>Bde.</abbr> 1881/1882 <abbr>u.</abbr> 1892.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2758"><lem>die Hauptvorlesungen</lem><note>Vaihinger las im SS 1889 in Halle: Psychologie, privatim. Über das empirische Verhältniß von Leib und Seele, publice.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2759"><lem>Frau Gemalin</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Dümmler vom 20.12.1888</note></app></listApp></back></text></TEI>