<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000407-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Heinrich von Treitschke</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>27.1.1889</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Treitschke, K 9, Nr. 25</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0407" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000407-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1889-01-27">27.1.1889</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118623761">Heinrich von Treitschke</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/117444154">Friedrich August Wolf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118538918">Gottfried Gervinus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Georg Wilhelm Friedrich Hegel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11854943X">Johann Friedrich Herbart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118549553">Johann Gottfried Herder</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118557211">Jean Paul</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118592912">Johann Heinrich Pestalozzi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11872780X">Theodor Lessing</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118607626">Friedrich Schiller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118596411">William Thierry Preyer</name></note><note type="repository">Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Treitschke, K 9, Nr. 25</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Heinrich von Treitschke</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>27.1.1889</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Treitschke, K 9, Nr. 25</bibl></head></front><body><dateline>Halle <hi rend="superscript">a</hi>/<hi rend="subscript">S.</hi></dateline><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2721"/>27.I.89<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2721"/></dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2722"/>Hochzuverehrender Herr Geheimer Regierungsrath und Professor!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2722"/></salute><p>Indem ich mir die große Freiheit nehme Ihnen anbei <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2723"/>meine Kölner Rede<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2723"/> gegen <name>Preyer</name> ganz ergebenst zu überreichen, finde ich mich dazu ermuthigt durch den Umstand, daß Sie, hochverehrter Herr, in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2724"/>Ihrer vielbesprochenen Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2724"/> vom Jahre 1883: „Einige Bemerkungen über unser Gymnasialwesen“ dieselbe Position einnehmen, welche ich in meiner Rede zu vertheidigen und zu stärken versucht habe. Ja, indem ich aber <pb/> Ihre Abhandlung mehrmals <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2725"/>durchlas<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2725"/>, finde ich zu meiner Freude, daß ich Sie in mehrfacher Hinsicht als Autorität für meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2726"/>Auffassung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2726"/> hätte anführen können.</p><p>Mein Grundgedanke ist: unsere Kultur ist etwas historisch Entstandenes. Ist nun die Aufgabe der höheren Bildung, den jungen Menschen auf die Höhe dieser unserer Kultur voll und ganz zu erheben, so muß er die Entstehungsgeschichte, den Werdegang jener Kultur in sich selbst wiederholen und erleben, und auf diese Weise die Kulturgeschichte in seiner Erziehungsgeschichte recapituliren.</p><p>Wie ich im Einzelnen nachweisen konnte, ist dieser Gedanke von den bedeutendsten Geistern Deutschlands aufgestellt worden: einem <hi rend="underline"><name>Lessing</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Herder</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Schiller</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Goethe</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Jean Paul</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Hegel</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Herbart</name></hi>, <hi rend="underline"><name>Gervinus</name></hi> und vielen Anderen, auch <hi rend="underline"><name>Pestalozzi</name></hi> <abbr>u.</abbr> <hi rend="underline"><name>F. A. Wolf</name></hi>. <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2727"/>Auch in Ihrer Abhandlung habe ich nun ähnliche Gedanken finden dürfen:<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2727"/> so parallelisiren Sie <abbr>S.</abbr> <hi rend="underline">168</hi> ausdrücklich die Kulturgeschichte der Völker und die Erziehungsgeschichte des Einzelnen; so verlangen Sie <hi rend="underline">173</hi>, daß der Knabe die Heldenperiode der antiken Herren „in handgreiflicher Wirklicheit <hi rend="underline">wiederhole</hi>“, und <abbr>S.</abbr> 180 <abbr>u.</abbr> 185, daß die Jugend im Alterthum „heimisch“ werde. Erst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2728"/>dadurch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2728"/> werde der Mensch sich bewußt, daß er ein „historisches Wesen“ sei (179, 181, 185) erst dadurch sei er im Stande, an der Cultur der Gegenwart theilzunehmen, wenn er die „geschichtlichen Wurzeln“ unserer Kultur kenne.</p><p>Diesen Gedanken, daß der heranwachsende Einzelmensch den kulturgeschichtlichen Werdegang der Menschheit in seiner Erziehung wiederholen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2729"/>müsse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2729"/>, um auf die volle Höhe der heutigen Kultur gehoben zu werden – diesen Gedanken wollte ich <name>Preyer</name> gegenüber geltend machen. Aber die meisten Naturforscher <pb/> haben ja wenig historischen Sinn, bei <name>Preyer</name> fehlt er vollständig, und so hielt ich es für zweckmäßig, an ein naturwissenschaftliches Gesetz anzuknüpfen, durch welches der Gedanke der historischen Entwicklung dem Naturforscher plausibel gemacht werden kann: ja ich stellte mich ganz auf den Standpunkt der Naturwissenschaft, um <name>Preyer</name> auf seinem eigenen Boden zu bekämpfen. Da ich also <hi rend="underline">gegen</hi> einen Naturforscher <hi rend="underline">vor</hi> Naturforschern redete, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2730"/>musste<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2730"/> ich auch selbst <hi rend="underline">als</hi> Naturforscher sprechen. Auf diese Weise habe ich versucht, das historische Princip den Naturforschern wieder nahe zu legen, worin ich ja Ihrer Zustimmung sicher sein darf, wenn Sie auch persönlich jenen naturwissenschaftlichen Weg nicht einschlagen wollen.</p><p>In dieser Hoffnung und zugleich mit dem Ausdruck tiefer Verehrung <abbr>Ew.</abbr> Hochwolgeboren ergebenster</p><signed>H. Vaihinger.</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-2721"><lem>27.I.89</lem><rdg>9</rdg><note> womöglich verbessert aus </note><rdg>7</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2722"><lem>Hochzuverehrender … Professor!</lem><note> danach 2 Zeilen frei gelassen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2723"><lem>meine Kölner Rede</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Naturforschung und Schule. Eine Zurückweisung der Angriffe Preyers auf das Gymnasium vom Standpunkte der Entwicklungslehre. Ein Vortrag in der dritten allgemeinen Sitzung der 61. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Köln am 22. September 1888 gehalten. Köln/Leipzig: Albert Ahn 1889; <abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu Vaihinger an Friedrich Theodor Althoff vom 20.12.1888.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2724"><lem>Ihrer vielbesprochenen Abhandlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> von Treitschke: Einige Bemerkungen über unser Gymnasialwesen. In: Preußische Jahrbücher 51 (1883), Heft 2, <abbr>S.</abbr> 158–190.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2725"><lem>durchlas</lem><rdg>durchlaß</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2726"><lem>Auffassung</lem><note>doppeltes </note><rdg>s</rdg><note> mit </note><rdg>ß</rdg><note> geschrieben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2727"><lem>Auch in … finden dürfen:</lem><note> am <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>?</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2728"><lem>dadurch</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2729"><lem>müsse</lem><note>doppeltes </note><rdg>s</rdg><note> mit </note><rdg>ß</rdg><note> geschrieben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2730"><lem>musste</lem><note>doppeltes </note><rdg>s</rdg><note> mit </note><rdg>ß</rdg><note> geschrieben</note></app></listApp></back></text></TEI>