<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000406-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Wilhelm Lang</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>14.1.1889</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. hist. oct. 156,299</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0406" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000406-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1889-01-14">14.1.1889</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11669470X">Wilhelm Lang</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118523813">Charles Darwin</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11854943X">Johann Friedrich Herbart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118549553">Johann Gottfried Herder</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118592912">Johann Heinrich Pestalozzi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11872780X">Theodor Lessing</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118607626">Friedrich Schiller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11669470X">Wilhelm Lang</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118596411">William Thierry Preyer</name></note><note type="repository">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. hist. oct. 156,299</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Wilhelm Lang</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>14.1.1889</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. hist. oct. 156,299</bibl></head></front><body><dateline>Halle <hi rend="superscript">a</hi>/S.</dateline><dateline>14.I.89.</dateline><salute>Hochgeehrter Herr!</salute><p>Indem ich Ihnen anbei ein Recensionsexemplar meine Kölner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2712"/>Rede gegen <name>Preyer</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2712"/><name/> zugehen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2713"/>lasse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2713"/>, bitte ich Sie zugleich, eine <hi rend="underline">möglichst eingehende</hi> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2714"/>Besprechung derselben im „Schwäbischen Merkur“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2714"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2715"/>veranlassen zu wollen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2715"/>.</p><p>Sie werden gewiß auch für Erhaltung der klassischen Bildung sein, ist doch Württemberg von jeher das Land gewesen, in welchem die klassische Bildung sehr hoch geschätzt worden ist. <pb/></p><p>Der Gedankengang meiner Rede wird Ihnen zunächst vielleicht Befremden erregen: wollen Sie aber nicht übersehen, daß ich <hi rend="underline">vor</hi> Naturforschern <hi rend="underline">gegen</hi> einen Naturforscher <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2716"/>vortrug<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2716"/> und daher die naturwissenschaftliche Begründung <hi rend="underline">voranstellte</hi>. Der Kern der Beweisführung ist aber unabhängig von dieser naturwissenschaftlichen Grundlage, denn die Idee der Wiederholung der menschheitlichen Kulturentwicklung durch das Individuum findet sich ja bei <hi rend="underline"><name>Lessing</name></hi> und <hi rend="underline"><name>Herder</name></hi>, bei <hi rend="underline"><name>Schiller</name></hi> und <hi rend="underline"><name>Goethe</name></hi>, bei <hi rend="underline"><name>Pestalozzi</name></hi> und <hi rend="underline"><name>Herbart</name></hi> und vielen Andren, wie ich Seite 9 <abbr>ff.</abbr> nachgewiesen habe. <pb/></p><p>Die Begründung dieses Gedankens auf den <name>Darwin</name>ismus werden Sie vielleicht nicht billigen, doch freute es mich, in der Vorrede IV darauf hinweisen zu können, daß es ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2717"/><hi rend="underline">Schwäbischer Theologe</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2717"/> gewesen ist, welcher zuerst die Vereinbarkeit des <name>Darwin</name>ismus selbst mit dem christlichen Idealismus nachgewiesen hat, und so werden Sie die darwinistische Bestätigung vielleicht auch willkommen heißen.</p><p>Jedenfalls müssen jetzt alle Freunde der klassischen Bildung zusammenstehen, um dem drohenden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2718"/>Äußeren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2718"/> mit vereinten Kräften zu begegnen. Insbesondre müssen die Süddeutschen ihre Stimme erheben gegen das bilderstürmerische Wüthen, das theilweise hier in <pb/> Preußen gegen das Gymnasium tobt, und das doch nach dem Satz <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2719"/>gutta cavat lapidem<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2719"/> auch auf die Regierung einwirkt. Wenn aber hier in Preußen das Gymnasium beschädigt wird, so leidet ganz Deutschland darunter. Der norddeutsche Charakter neigt leicht zur Maaßlosigkeit, entweder schroff für den einseitigen starren Althumanismus oder schroff für den Realismus. Wir Süddeutsche haben mehr eine harmonische Natur, und so müssen wir auch hierin vermittelnd wirken, wie das auch die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2720"/><hi rend="underline">Heidelberger Erklärung</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2720"/> that. In diesem Sinne konnte ich auch <abbr>S.</abbr> VII–IX die württembergischen Gymnasien als Vorbilder erwähnen.</p><p>Mit hochachtungsvollem Gruß Ihr ergebener</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2712"><lem>Rede gegen <name>Preyer</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Naturforschung und Schule. Eine Zurückweisung der Angriffe Preyers auf das Gymnasium vom Standpunkte der Entwicklungslehre. Ein Vortrag in der dritten allgemeinen Sitzung der 61. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Köln am 22. September 1888 gehalten. Köln/Leipzig: Albert Ahn 1889.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2713"><lem>lasse</lem><note>doppeltes s mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2714"><lem>Besprechung derselben im „Schwäbischen Merkur“</lem><note>nicht ermittelt, <abbr>vgl.</abbr> das Digitalisat des Zeitungsjahrgangs: <ref type="link">http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/kxp776859692-1889</ref> (30.9.2022). In <abbr>Nr.</abbr> 71 vom 23.3.1889, Sonntagsbeilage, in der Übersicht </note><rdg>Württembergische Literatur im Jahre 1888</rdg><note> wird Vaihingers Schrift lediglich erwähnt, Abschnitt </note><rdg>VIII. Archäologie, Pädagogik und Filologie [!].</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2715"><lem>veranlassen zu wollen</lem><note><name>Wilhelm Lang</name> (1832–1915) war 1860–1904 Redakteur der Zeitung Schwäbischer Merkur (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2716"><lem>vortrug</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2717"><lem><hi rend="underline">Schwäbischer Theologe</hi></lem><note>darüber mit Bleistift von anderer <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>R. Schmid</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2718"><lem>Äußeren</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2719"><lem>gutta cavat lapidem</lem><note>der Tropfen höhlt den Stein; <abbr>lat.</abbr> Sprichwort.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2720"><lem><hi rend="underline">Heidelberger Erklärung</hi></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Gustav Uhlig: Die Heidelberger Erklärung in Betreff der humanistischen Gymnasien Deutschlands nebst den bis zum Dezember 1888 eingelaufenen Unterschriften und einem Vorworte. Heidelberg: C. Winter 1888. Auf <abbr>S.</abbr> 16 ist Vaihinger als Teil des Lehrkörpers der Universität Halle als Unterzeichner aufgeführt.</note></app></listApp></back></text></TEI>