<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000403-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Ernst Haeckel</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>27.12.1888</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus, EHA Jena, A 16733 (</bibl><ref type="link">https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_16733</ref><bibl type="pubPlace">)</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0403" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000403-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1888-12-27">27.12.1888</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118544381">Ernst Haeckel</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/130192384">Thomas Bach</name></note><note type="repository">)</note><note type="repository">Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus, EHA Jena, A 16733 (https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_16733)</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2682"/><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Ernst Haeckel</persName><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2682"/>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>27.12.1888</date><anchor type="delimiter"/>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus, EHA Jena, A 16733 (</bibl><ref type="link">https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_16733</ref><bibl type="pubPlace">)</bibl></head></front><body><dateline>Halle <hi rend="superscript">a</hi>/S 27.XII.88</dateline><salute>Hochzuverehrender Herr Professor!</salute><p>Ich nehme mir die Freiheit Ihnen anbei ein Exemplar meiner auf der Naturforscherversammlung in Köln <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2684"/>gehaltenen Rede<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2684"/> ergebenst zu übersenden. Freilich befinde ich mich da in einer eigenthümlichen Lage: ich stehe auf der Einen Seite ganz auf Ihrem Boden, ich könnte sagen auf Ihren Schultern, und leite doch andererseits aus Ihren Principien Folgerungen ab, welche Sie vielleicht gar nicht billigen. Allerdings läßt Ihre von mir <pb/> in der ersten Anmerkung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2685"/>(auf <abbr>S.</abbr> 25)<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2685"/> aus dem Jahre 1877 <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2686"/>citirte Stelle<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2686"/> hoffen, daß Sie meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2687"/>Auffassung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2687"/> nicht ferne stehen; aber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2688"/>Ihre neueren Auffassungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2688"/> lauten dem Gymnasium so wenig günstig, daß ich kaum hoffen kann, auf den ersten Anlauf hin Ihre Zustimmung zu gewinnen. Die Zunahme der dem Gymnasium <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2689"/>abgünstigen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2689"/> Stimmung in den Kreisen der Naturforscher liegt begründet in dem starren Festhalten der Gymnasien an einigen alten Einrichtungen, wie dem lat<add>[einischen]</add> Aufsatz und in der schroffen Ablehnung der berechtigten Forderungen der Naturforscher. <pb/> Aus meinen Ausführungen ersehen Sie, daß ich ebenfalls verlange, daß der Naturforschung und ihren Fortschritten Rechnung getragen werden soll (bes<add>[onders]</add> Vorrede VIII <abbr>ff.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 21, 45 <abbr>ff.</abbr>). Aber auf der anderen Seite halte ich am Gymnasialprincip als solchem fest. Ich leite dasselbe gerade zu aus dem biogenetischen Grundgesetz ab, und da wäre es mir nun ungemein werthvoll <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2690"/>zu erfahren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2690"/>: ob Sie</p><p>1) mit der <abbr>S.</abbr> 4 <abbr>ff.</abbr> gegebenen Ausführung <hi rend="underline">im Allgemeinen</hi> einverstanden sind, <abbr>d. h.</abbr> mit dem <hi rend="underline">Princip</hi>, daß die Erziehungsgeschichte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2691"/>des Einzelnen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2691"/> ein Auszug der Stammescivilisation sein soll, <pb/></p><p>2) wie Sie sich zu der daraus gezogenen <hi rend="underline">Folgerung</hi> stellen, daß eben darum das classische Alterthum einen notwendigen Durchgangspunkt der Erziehung bilden müsse.</p><p>Ich glaube kaum, daß Sie jenes Princip ganz abweisen werden; wenn Sie dasselbe aber anerkennen, dann werden Sie meine Folgerung, die Anwendung auf den classischen Unterricht, auch nicht ohne Weiteres zurückweisen.</p><p>Sie selbst wissen, welche enorme Wichtigkeit die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2692"/>Gymnasialfrage für<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2692"/> unsere ganze Cultur hat. Eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2693"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2694"/>Versöhnung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2693"/> der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2694"/>, wie ich sie in diesem Punkte anstrebe, wird gewiß in Ihnen keinen unbedingten Gegner finden.</p><p>In aufrichtiger Hochachtung Ihr ganz ergebenster</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2695"/>H. Vaihinger.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2695"/></signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2684"><lem>gehaltenen Rede</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Naturforschung und Schule. Eine Zurückweisung der Angriffe Preyers auf das Gymnasium vom Standpunkte der Entwicklungslehre. Ein Vortrag in der dritten allgemeinen Sitzung der 61. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Köln am 22. September 1888 gehalten. Köln/Leipzig: Albert Ahn 1889 (<ref type="link">https://archive.org/details/bub_gb_Bqc_AAAAYAAJ</ref> (20.8.2024)). <abbr>Vgl.</abbr> Vaihinger an Ernst Dümmler und an Eduard Zeller vom 20.12.1888; auch an Althoff.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2685"><lem>(auf <abbr>S.</abbr> 25)</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>citirte Stelle</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2686"><lem>citirte Stelle</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Naturforschung und Schule (1889), <abbr>S.</abbr> 25, <abbr>Anm.</abbr> 1: </note><rdg>[…] Die Naturforscherversammlung hat sich schon mehrfach mit pädagogischen Fragen beschäftigt und hat auch seit einigen Jahren eine eigene „Sektion für naturwissenschaftlichen Unterricht“ eingerichtet; in einer Sitzung dieser Sektion auf der Versammlung in Berlin im Jahre 1886 sprach sich auch Häckel ähnlich wie Preyer aus (siehe „Tageblatt“ der 59. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin, Berlin, L. Schumacher 1886, S. 333): „Über die allgemeinen Ziele der Unterrichtsreform“. Vorsichtiger und richtiger hatte sich Häckel auf der 50. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu München 1877 geäussert in seinem Vortrage: „Über die heutige Entwicklungslehre im Verhältnisse zur Gesamtwissenschaft“ (siehe Amtlicher Bericht, München, Straub, S. 19; Wiederabgedruckt in den „Populären Vorträgen aus dem Gebiete der Entwicklungslehre“ (II. Heft, Bonn 1879, S. 112): „Wenn früher die klassische Bildung zu einseitig bevorzugt wurde, so geschieht dies neuerdings nur zu oft mit der exakten Bildung. Beide Übergriffe führt die Entwicklungslehre auf ihr rechtes Mass zurück, indem sie als einendes Band zwischen exakte und klassische, zwischen Natur- und Geisteswissenschaft tritt. Überall lehrt sie den lebendigen Fluss der zusammenhängenden, einheitlichen und ununterbrochenen Entwicklung.“</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2687"><lem>Auffassung</lem><note>doppeltes s hier und im Folgenden mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2688"><lem>Ihre neueren Auffassungen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Tageblatt der 59. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte zu Berlin vom 18.–24. September 1886. Berlin: L. Schumacher 1886, <abbr>S.</abbr> 333: </note><rdg>Sektion für naturwissenschaftlichen Unterricht. Schlusssitzung, Donnerstag, 23. September. […] 1. Herr Häckel (Jena): Ueber die allgemeinen Ziele der Unterrichtsreform. Als Hauptziel aller Bestrebungen zur Unterrichtsreform stellt der Redner es hin, die Naturwissenschaft zur allgemeinen Grundlage der höheren Bildung zu gestalten, entsprechend der gänzlich veränderten Stellung dieser Wissenschaft in den letzten Dezennien. Die Einheitsschule ist zu verwerfen, da hier nicht die allseitige naturwissenschaftliche Ausbildung der Realgymnasien die Grundlage bilden, sondern die einseitig formalistische Bildung der klassischen Gymnasien das Uebergewicht haben würde. Beide Gymnasien, das reale sowohl wie das klassische, haben derzeit noch grosse Mängel und bedürfen dringend der Reform. Eine Arbeitstheilung ist für beide Gymnasien von Nutzen, anzustreben ist vollständige Gleichberechtigung in der Weise, dass das Maturitätszeugniss beider in gleicher Weise zu allen Fakultätsstudien berechtigt. Redner schlägt vor, einen Antrag vorzubereiten, dass in einer allgemeinen Sitzung der nächstjährigen Naturforscherversammlung ein Vortrag über das Thema der Unterrichtsreform auf die Tagesordnung gesetzt werde, und ferner eine Kommission zu wählen, um eine bezügliche Petition an das Unterrichtsministerium resp. den Landtag vorzubereiten.</rdg><note> Mit anschließender Diskussion.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2689"><lem>abgünstigen</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2690"><lem>zu erfahren</lem><note>es sind keine Schreiben Haeckels an Vaihinger ermittelt.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2691"><lem>des Einzelnen</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2692"><lem>Gymnasialfrage für</lem><note>mit Rotstift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2693"><lem>Versöhnung</lem><note>verschrieben, darüber von anderer <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift, verdeutlichend: </note><rdg>Versöhnung</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2694"><lem>Versöhnung der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften</lem><note>mit Rotstift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2695"><lem>H. Vaihinger.</lem><note>links daneben von anderer <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>Prof. der Philosophie | H. Vaihinger</rdg></app></listApp></back></text></TEI>