<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000394-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Carl du Prel</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Silz (Tirol)</placeName>, <date>2.8.1888</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 6 p, Nr. 12</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0394" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000394-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118973061">Carl du Prel</persName><placeName>Silz (Tirol)</placeName><date when="1888-08-02">2.8.1888</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11653012X">Benno Erdmann</name><name>Charlotte Amalie von Knobloch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11624870X">Karl Heinrich Ludwig Pölitz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118861816">Remigius Stölzle</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 6 p, Nr. 12</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Carl du Prel</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Silz (Tirol)</placeName>, <date>2.8.1888</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 6 p, Nr. 12</bibl></head></front><body><dateline>Silz</dateline><dateline>Oberinnthal</dateline><dateline>Tirol 2.VIII.88.</dateline><salute>Verehrter <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2616"/>Freund!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2616"/></salute><p>Besten Dank für den 2<hi rend="superscript"><hi rend="underline">ten</hi></hi> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2617"/>Artikel von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2618"/><name>B. Erdmann</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2617"/><name/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2618"/>, den ich nach Erhalt des 1<hi rend="superscript"><hi rend="underline">ten</hi></hi>, den Sie mir in Aussicht stellen, zurücksenden werde.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2619"/>Duo si legunt idem, non est idem.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2619"/> Vom mystischen Inhalt der <name>Kant</name>’schen Vorlesungen spricht <name>Erdmann</name> gar nicht, mich aber interessirt gerade nur dieser, weil die induktiv gefundenen Eckpunkte meiner Mystik ganz übereinstimmen mit den Positionen bei <name>Pölitz</name>.</p><p>Es ist wohl möglich, daß ich auf diese „Vorlesungen“ erst durch Sie aufmerksam gemacht wurde; ich habe nur e<add>[ine]</add> dunkle Erinnerung an eine früher gefundene Notiz aus e<add>[inem]</add> älteren Werk.</p><p>Mein Grundsatz ist, daß man möglichst wenig lesen sollte, weil die zu stark gefütterte Henne nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2620"/>etwa<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2620"/> mehr Eier legt, sondern gar keine. Zu eigenen Ideen kommt man gar nicht, wenn man nicht in der Aufnahme fremder haushälterisch ist. Leider muß ich gleichwohl schrecklich viel lesen; aber die <name>Kant</name>literatur kenne ich nur theilweise. Darum entgingen mir die paar Erwähnungen <pb/> des Buches von <name>Pölitz</name>, und in so ferne hat <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2621"/><name>Stölzle</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2621"/><name/> ganz recht. Ich habe aber auch nur gesagt, daß ich „den meisten Lesern“ etwas Neues mittheilen werde – und das ist gewiß der Fall. Sogar einem <name>B. Erdmann</name> dürfte wenigstens die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2622"/>Übereinstimmung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2622"/> <name>Kant</name>’s mit der modernen Mystik neu sein. Denn wer studirt denn Mystik?</p><p>Also <hi rend="underline">Sie</hi> haben <name>Pölitz</name> zuerst wieder entdeckt! Ich werde das in der Vorrede mit Bezug auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2623"/>Commentar I, 22<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2623"/> erwähnen.</p><p>Alle diejenigen Gelehrten, die sich auf den Streit, ob die „Träume“ oder der Brief an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2624"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2625"/><name>Fräulein</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2624"/><name> </name><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2626"/><name>Knobloch</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2626"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2625"/> älter ist, überhaupt eingelassen haben, scheinen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2627"/><name>Pölitz</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2627"/> <hi rend="underline">nicht</hi> zu kennen; denn dieser macht den Streit gegenstandslos, da (selbst nach <name>Erdmann</name>) die „Vorlesungen“ später fallen, als der Brief und die Träume.</p><p>Wenn Sie alle mystischen Thatsachen physiologisch erklären wollen, müssen Sie mindestens ¾ der in meinen Schriften notirten streichen, auch die mehrfachen Fälle von somnambulem zeitlichen Fernsehen, die die „Psych<add>[ologische]</add> Ges<add>[ellschaft]</add>“ in München constatirt hat. Es thut mir überhaupt leid, daß Sie unseren Experimenten nicht beiwohnen konnten. Das Wort Sensualismus brauchen <pb/> Sie nicht preiszugeben. Mir ist die ganze Mystik Naturwissenschaft, aber unbekannte. Wenn Sie die „Psych<add>[ologische]</add> Ges<add>[ellschaft]</add>“ nicht für competent halten, so sollten Sie wenigstens die von Professoren geschriebene revue de l’hypnotisme lesen. Übrigens habe ich vor ein paar Tagen eine Idee ausgeführt, wie die Phänomene von ihrer Unberechenbarkeit zu befreien sind, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2628"/><abbr>d. h.</abbr><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2628"/> die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2629"/>Mystik zur Experimentalwissenschaft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2629"/> gemacht werden kann. Ich habe bisher nur 1 Experiment im Sinne obiger Idee angestellt, dieses aber ist gelungen, und wurde dabei Fernsehen constatirt.</p><p>Zugeben werden Sie, daß wenn die spiritistischen Phänomene wahr sind, die Lösung des Menschenräthsels gewaltig weiterkommen würde. Daß sie aber wahr sind, davon könnten Sie sich unter günstigen Umständen in einer einzigen Sitzung überzeugen. Als ich in einem Kreise von Bekannten eine Geisterhand in der meinigen hielt, und dann eine ganze Gestalt neben mir auftauchte und sich selber das Gesicht beleuchtete, während das Medium 8 Schritte davon entfernt saß und auf beiden Seiten gehalten war, auch von seinem Platze aus zu mir sprach, war ich überzeugt – und Sie wären es auch gewesen.</p><p>Mit besten Grüßen</p><signed>du Prel</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-2616"><lem>Freund!</lem><note>danach 3 Zeilen frei gelassen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2617"><lem>Artikel von <name>B. Erdmann</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> du Prel an Vaihinger vom 20.7.1888</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2618"><lem><name>B. Erdmann</name><name/></lem><rdg>Erdmann</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2619"><lem>Duo si legunt idem, non est idem.</lem><note><abbr>lat.</abbr> wenn zwei das gleiche lesen, ist es nicht dasselbe;nach dem <abbr>lat.</abbr> Sprichwort: duo cum faciunt idem non est idem.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2620"><lem>etwa</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2621"><lem><name>Stölzle</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> du Prel an Vaihinger vom 20.7.1888</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2622"><lem>Übereinstimmung</lem><rdg>Übereinstim̅g.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2623"><lem>Commentar I, 22</lem><note>gemeint ist eine Stellenangabe nach Vaihinger: Commentar zur Kritik der reinen Vernunft <abbr>Bd.</abbr> 1 1881/1882 in du Prels Ausgabe nach <name>Pölitz</name>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2624"><lem><name>Fräulein</name></lem><rdg>Frl.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2626"><lem><name>Knobloch</name></lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>eingelassen</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2625"><lem>Frl. Knobloch</lem><note> <name>Charlotte Amalie von Knobloch</name> (1740–1804), <abbr>vgl.</abbr> Menzer, Paul/Burger, Rose (<abbr>Hg.</abbr>): Kant’s Briefwechsel. <abbr>Bd.</abbr> 4 Anmerkungen und Register (= Kant’s gesammelte Schriften, <abbr>hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> der Preußischen Akademie der Wissenschaften, <abbr>Bd.</abbr> 13). Berlin/Leipzig: De Gruyter 1922, <abbr>S.</abbr> 17; <abbr>vgl.</abbr> zur Datierung des gemeinten Briefs <abbr>ebd.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 20–21.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2627"><lem><name>Pölitz</name></lem><rdg>Poelitz</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2628"><lem><abbr>d. h.</abbr></lem><rdg>dh.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2629"><lem>Mystik zur Experimentalwissenschaft</lem><note><abbr>vgl.</abbr> über dieses Projekt Tomas Kaiser: Zwischen Philosophie und Spiritismus: (Bildwissenschaftliche) Quellen zum Leben und Werk des Carl du Prel, 2006 (<ref type="link">http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:luen4-opus-110843</ref> (19.8.2024)), <abbr>S.</abbr> 92–93.</note></app></listApp></back></text></TEI>