<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000372-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg an der Drau (Maribor)</placeName>, <date>6.1.1886</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 27</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0372" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000372-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName><placeName>Marburg an der Drau (Maribor)</placeName><date when="1886-01-06">6.1.1886</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118973061">Carl du Prel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116634995">Ernst Laas</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11615764X">Benno Kerry</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/126391017">Lazar von Hellenbach</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1056144874">William Eglinton</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 27</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Marburg an der Drau (Maribor)</placeName>, <date>6.1.1886</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 27</bibl></head></front><body><dateline>Marburg a<add>[n der]</add> D<add>[rau]</add> 6. Jänner 1886</dateline><salute>Hochverehrter Herr!</salute><p>Nehmen Sie mit meinem besten Dank die herzlichste <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2468"/>Erwiderung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2468"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2469"/>Ihrer liebenswürdigen Glückwünsche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2469"/> freundlich auf und verargen Sie mir’s nicht, daß ich in diesem Stück von einer, ich gebe es zu, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2470"/>abscheulichen Pflichtvergessenheit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2470"/> bin. Ich komme, weiß Gott, weil ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2471"/>gar zu schwer schreibe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2471"/>, zu schwer dazu.</p><p>Fleißig bin ich, so fleißig ich sein kann, und bin eben mit einer langen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2472"/>Einleitung zu meinen Essay’s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2472"/> fertig <pb/> geworden, in welcher ich den Spiritismus auf das zurückführe, was er unter allen Umständen sein kann. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2473"/>Mit <name>Du Prel</name> ist nichts <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2474"/>zu<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2474"/> machen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2473"/>, und es ist jammerschade, denn er ist nicht nur ebenso unterrichtet als geistvoll, er ist als Schriftsteller rein bestrebend. Allein das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2475"/>metaphysische Bedürfnis<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2475"/> ist stärker als er. Das letzte Mal war er so freundlich mich in Wien aufzusuchen. Ich wußte nicht, daß er <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2476"/><name>Hellenbach</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2476"/><name/> kenne, den ich sehr gut kenne, <abbr>u.</abbr> als er seinen Namen nannte, erklärte ich mit meiner gewohnten Aufrichtigkeit rundheraus: <name>Hellenbach</name> ist ein Schwindler. Er fuhr über dieses Wort rein zusammen, <abbr>u.</abbr> ich sah, daß ich ihn sehr unangenehm berührt hatte. Aber ich konnte nicht helfen. Er schickt mir alles, ich lese alles, was er <pb/> mir schickt, und das Wichtigste unter dem von ihm selbst Erlebten charakterisiert ihn und seine Beobachtungsweise vollständig. Lesen Sie: Ein Problem für Taschenspieler, Heft XXXIX der Deutschen Bücherei, Breslau, Schottländer, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2477"/><abbr>S.</abbr> 12 Absatz 5 bis <abbr>S.</abbr> 15. Das Wort „zufällig“ <abbr>S.</abbr> 13 <abbr>Z.</abbr> 12 v<add>[on]</add> o<add>[ben]</add> sagt alles.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2477"/> Nur sein Vertrauen in <name>Hellenbach</name> hindert ihn zu vermuthen, daß die Sache ganz zwischen diesem <abbr>u.</abbr> <name>Eglinton</name> abgekartet war. Sie hatten mehrere Stunden dazu Zeit, <abbr>u.</abbr> um das zu vollbringen, braucht man gar kein Taschenspieler zu sein, sobald Einem nur gestattet wird, das Buch, das man eben haben will „zufällig herabzuholen.“ – Da kann man nicht mehr Kritik üben, ohne zu beleidigen. Und zu hei<pb/>len <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2478"/>ist derlei nicht. Mich rührt’s zudem bei <name>Du Prel</name>; was ihn, meiner Überzeugung nach, dazu drängt, ist der Wunsch, Weib und Kind nach dem Tode wiederzufinden. Auf’s <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2479"/>Entsagenkönnen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2479"/> kommt’s an.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2478"/></p><p>Gleichzeitig mit diesem Schreiben sende ich an D<hi rend="superscript">r</hi>. <name>Kerry</name> meinen kleinen Beitrag – mehr kann ich nicht – <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2480"/>zum <name>Laas</name>-Monument<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2480"/>. Mich hat selten ein Tod so tief erschüttert weil ich noch im Juni einige Zeilen von ihm erhielt mit dem merkwürdigen Satz: „Daß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2481"/>Verdienst<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2481"/> und Lohn (ähnlich wie Gerechtigkeit) auf Umwegen aus Rücksicht auf die socialen Folgen begründet werden müssen, ist mir einleuchtend.“ Er sprach auch von der Absicht diese Begründung zu versuchen, wobei ihm der Begriff Effort vorschwebte, und schließt, geistvoll wie immer, auf sein Leiden anspielend: „bin seit Monaten in meiner Arbeitskraft gehemmt, so daß ich nichts in Aussicht stellen kann. „Anstrengung“ würde sogar das Übel vergrößern.“ Meine Auseinandersetzungen betreffend das Verdienst hatten ihn natürlich nicht befriedigt.</p><p>Doch es ist Zeit, daß ich schließe. Meinen besten Dank wiederholend Ihr unwandelbar ergebener</p><signed>B. Carneri</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-2468"><lem>Erwiderung</lem><rdg>Erwiederung</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2469"><lem>Ihrer liebenswürdigen Glückwünsche</lem><note>dem Datum nach zum Neuen Jahr, Schreiben Vaihingers nicht überliefert.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2470"><lem>abscheulichen Pflichtvergessenheit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 5.1.1885</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2471"><lem>gar zu schwer schreibe</lem><note>behinderungsbedingt, <abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 16.11.1878 <abbr>u.</abbr> 2.11.1884.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2472"><lem>Einleitung zu meinen Essay’s</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri: Entwicklung und Glückseligkeit. Ethische Essays. Stuttgart: Schweizerbart 1886, <abbr>S.</abbr> 1–21.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2474"><lem>zu</lem><note>ab hier ganze <abbr>S.</abbr> am linken Rd. mit Blaustift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2473"><lem>Mit <name>Du Prel</name> ist nichts zu machen</lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2475"><lem>metaphysische Bedürfnis</lem><note>Auch Anspielung auf Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2. <abbr>Bd.</abbr> (1844). Ergänzungen zum ersten Buch. Zweite Hälfte, Kapitel 17: Ueber das metaphysische Bedürfniß des Menschen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2476"><lem><name>Hellenbach</name></lem><note><name>Lazar von Hellenbach</name> (1827–1887), philosophischer Schriftsteller, Politiker und Okkultist in Wien, widmete sich der Verteidigung spiritistischer Medien, wie <abbr>z. B.</abbr> <name>William Eglinton</name> (1857–1933), gegen Betrugsvorwürfe (<abbr>WBIS</abbr>, <abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2477"><lem>S. … alles.</lem><note> mit Blaustift unterstrichen; die gesamte <abbr>S.</abbr> ist am linken Rd. mit Blaustift angestrichen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2479"><lem>Entsagenkönnen</lem><note><name>Carneri</name>s Ehefrau war 1869 verstorben (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2478"><lem>ist … an</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Blaustift angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2480"><lem>zum <name>Laas</name>-Monument</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Georg Gerland an Vaihinger vom 4.11.1885 sowie Ernst Laas’ Literarischer Nachlaß: I. Idealistische und positivistische Ethik. II. Oekonomische Mängel unseres nationalen Bildungswesens. III. Gymnasium und Realschule. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>u.</abbr> eingeleitet von Benno Kerry. Wien: Verlag der „Deutschen Worte“ (E. Pernerstorfer) 1887. – Beitrag <name>Carneri</name>s, bei dem es sich auch um einen unterstützenden Geldbetrag für den Druck gehandelt haben könnte, nicht ermittelt.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2481"><lem>Verdienst</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 2.6.1885</note></app></listApp></back></text></TEI>