<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000349-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Graz</placeName>, <date>2.10.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 22</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0349" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000349-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName><placeName>Graz</placeName><date when="1884-10-02">2.10.1884</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116389036">Caesar Ernst Albrecht Krause</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1024788598">Friedrich Heinrich Jacobi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118533401">Kuno Fischer</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 22</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Graz</placeName>, <date>2.10.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 22</bibl></head></front><body><dateline>Gratz 2. Octob<add>[er]</add> 1884.</dateline><salute>Hochverehrter Herr!</salute><p>Entschuldigen Sie die Verspätung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2259"/>meiner Antwort<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2259"/>. Eine Verschlimmerung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2260"/>meines Übels<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2260"/>, wie ich sie alljährlich ein paar Mal durchmachen muß und mich immer zwingt, alles für mich ohnehin sehr mühsame Schreiben auf das unerläßlichste Quantum zu beschränken, ist allein daran Schuld.</p><p>Es thut mir sehr leid, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2261"/>Sie geärgert<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2261"/> zu haben. Hätte ich das vorausgesehen, ich würde die Besprechung gewiß unterlassen haben. Daß ich Sie geärgert habe, ersehe ich daraus, daß Sie mir Unrecht thun. Wie können Sie sagen „in meiner Überzeugung liege die stille Voraussetzung: <pb/> <name>Kant</name> ist ein großer Philosoph, <hi rend="underline">also</hi> <hi rend="underline">kann</hi> er sich nicht widersprechen“? – Da ich doch nicht nur das Vorhandensein von Anhaltspunkten zu verschiedener Deutung zugebe, sondern dies als „eine mehr als dunkle Seite am Wirken dieses Riesengeistes“ (<abbr>S.</abbr> 151) bezeichne. Macht ein Bibelgläubiger, mit dem Sie mich vergleichen, ähnliche Concessionen? Und wenn Sie gar sagen: „Kann nicht deshalb doch die Auffassung, welche Sie selbst von dem Zusammenhang der Dinge haben, bestehen, selbst wenn <name>Kant</name> sich widersprochen hat?“ – so stellen Sie mich einfach auf Eine Linie mit dem <name>Pastor Krause</name> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2262"/>in <name>Kuno Fischer</name>’s neuester Schrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2262"/>. Das kann unmöglich Ihr Ernst sein. Nach meiner Überzeugung liegt es sehr im Interesse der Wissenschaft, dass <name>Kant</name>’s wahre <pb/> Anschauung klargelegt und festgehalten werde, damit die modernen Metaphysiker wenigstens nicht auf ihn sich berufen können. Die leben ja nur von ihm.</p><p>Die Widersprüche, die Sie in Ihrem Briefe hervorheben, gebe ich alle zu; aber zugeben kann ich nicht, daß <name>Kant</name> gezwungen, logisch gezwungen war, die Consequenz zu ziehen, zu der Sie gelangen. Was Sie von <name>Kant</name>’s Verhältniß zu <name>Jacobi</name> sagen, schwächt Ihre ganze Argumentation ab. Man <hi rend="underline">kann</hi> auch von <name>Kant</name> zu <name>Fichte</name> gelangen; aber man muß nicht und darin liegt’s. Ebensowenig kann ich zugeben, wie Sie in Ihrem Briefe wollen, daß <name>Kant</name> nicht dem naiven Materialismus verfalle, wenn er eine von der Vorstellung unabhängige Außenwelt <hi rend="underline">im</hi> <hi rend="underline">Raum</hi> annimmt. Nur der Materialis<pb/>mus kann den Raum von der Vorstellung trennen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2263"/>und da <name>Kant</name> nie Materialist gewesen ist<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2263"/>, so kann er diese und ähnliche Worte nicht so verstanden haben. Würde mir bewiesen, daß er diese Worte materialistisch verstanden habe, dann fände auch ich einen fundamentalen Widerspruch, der das Ganze zerstört, würde mir aber auch <name>Kant</name> aufhören der große Philosoph zu sein, als der er immer mir gegolten hat. Da Sie im besagten Falle den Materialismus nicht zugeben, so liegt vielleicht der eigentliche Dissens zwischen mir und Ihnen in einem Punkte, der mir entgangen ist.</p><p>Sobald das Octoberheft des „Kosmos“ erscheint, sende ich Ihnen eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2264"/>kleine Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2264"/>. Bis dahin seien Sie mir herzlich gegrüßt und bleiben Sie gut Ihrem aufrichtig ergebenen</p><signed>B. Carneri</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2259"><lem>meiner Antwort</lem><note>Schreiben Vaihingers, auf das sich die Antwort Carneris bezieht, nicht überliefert; <abbr>vgl.</abbr> die Briefzitate im folgenden.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2260"><lem>meines Übels</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 16.11.1878</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2261"><lem>Sie geärgert</lem><note>meint: mit Carneris Besprechung über Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus, <abbr>vgl.</abbr> die vorangegangene Korrespondenz.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2262"><lem>in <name>Kuno Fischer</name>’s neuester Schrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Kuno Fischer: Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für Herrn Pastor Krause in Hamburg. Stuttgart: Cotta 1884 (Teil der literarischen Fehde um die Deutung <name>Kant</name>s Opus postumum).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2263"><lem>und … ist</lem><note> mit Bleistift unterstrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2264"><lem>kleine Abhandlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri: Zum Problem des Schönen. In: Kosmos 8 (1884), 15. <abbr>Bd.</abbr> von Juli–Dezember, <abbr>S.</abbr> 241–251 (Heft ausgegeben am 20.10.1884).</note></app></listApp></back></text></TEI>