<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000341-8</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Georg Gerland</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>3.8.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 c, Nr. 1</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0341" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000341-8"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116587938">Georg Gerland</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1884-08-03">3.8.1884</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/117255599">Bernhard ten Brink</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118718258">Eberhard Gothein</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116503505">Ernst Hartwig</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116634995">Ernst Laas</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11853601X">Jakob Friedrich Fries</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116798181">Johannes Gottschick</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/100837050">Karl August Barack</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119453223">Theodor Nöldeke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119331586">Hermann Ulrici</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 c, Nr. 1</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Georg Gerland</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>3.8.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 c, Nr. 1</bibl></head></front><body><anchor type="delimiter"/><dateline>Straßb<add>[urg]</add> 3/8 84.</dateline><salute>Lieber Herr College,</salute><p>Was werden Sie von mir denken, daß ich Ihnen erst heute für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2195"/>Ihren Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2195"/> danke, der mich so lebhaft erfreute, Ihnen erst heute <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2196"/>den <name>Fries</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2196"/><name/> schicke, der Ihnen doch so lange versprochen war! Mag mich das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2197"/>Datum meiner Antwort<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2197"/> in etwas entschuldigen. Gestern hab ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2198"/>geschlossen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2198"/> – <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2199"/>es war eine mühevolle Semesterzeit – <abbr>u.</abbr> gleich heute als am ersten Ferientage schreibe ich Ihnen und bitte zunächst, verzeihen Sie mir mein Säumnis. Es war nicht Bummelei. Ich hatte sehr viel zu tun.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2199"/></p><p>Daß es Ihnen in Halle gefallen würde, habe ich immer gehofft, <abbr>u.</abbr> war also nicht überrascht, aber sehr erfreut, als ich es von Ihnen nun bestätigt fand. Der alte <pb/> akademische Ton, in dem sich unser einer so wohl fühlt, herrscht in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2200"/>Halle ungleich mehr, als hier. Jetzt am Schluß Ihrer ersten „Campagne“ werden Sie selber nur erst ein richtiges Facit ziehen können; ich bin sehr begierig, wie es ausfällt.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2200"/> Ihre Zuhörerzahl war ja reichlich und hat hoffentlich ausgehalten; und so wünsch ich Ihnen auch für die kommenden Semester das Beste. Sehr begierig bin ich, ob wirklich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2201"/><name>Windelband</name> nach H<add>[alle]</add> berufen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2201"/> wird. Ich hoff’ es nicht; es wäre mir für Sie leid. Mit großem Interesse hab’ ich neulich die Rez<add>[ension]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2202"/><name>Gottschick</name>s über Ihren Kant II<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2202"/> gelesen; er ist diesmal ja alles Lobes voll.</p><p>Von hier ist mancherlei zu berichten, doch werden Sie schon längst au fait sein. So von den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2203"/>heftigen Bewegungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2203"/> in hies<add>[iger]</add> Studentenschaft <abbr>u.</abbr> dem Selbstmord des <abbr>stud. jur.</abbr> <name>Hettner</name>. Es ist noch bis jetzt viel böses Blut da <abbr>u.</abbr> <pb/> bin ich begierig, wie die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2204"/>Frequenz im nächsten Semester<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2204"/> wird. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2205"/>Unsere Einweihung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2205"/> besucht weder Kaiser noch Kronprinz, infolge von Nörgeleien des Statthalters, der sie nicht hier haben möchte, aus Raumgründen, wie man sagt. Wer weiß, was da alles mitspielt. Uns aber wird es auch schaden; <abbr>u.</abbr> wir brauchen jetzt gar sehr einen Aufschwung, keine Hinabdrückung. Die Philosophie übrigens befindet sich persönlich in ihren beiden Vertretern wohl. An Dozenten nehmen wir zu: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2206"/><abbr>Dr.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2207"/><name>Gothein</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2207"/><name/> aus Breslau<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2206"/> hat sich hier für neuere Geschichte habilitirt, ein Mann voller allgemeiner Gesichtspunkte <abbr>u.</abbr> Ideen, über deren Tatsächlichkeit ich mir kein Urteil erlaube. Ein sehr brillanter Redner, der gewiß Erfolge haben wird.</p><p>Heute Abend werd ich bei <name>Laas</name>, der nicht verreist, ebensowenig wie ich, in Gesellschaft sein. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2208"/><name>Hartwig</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2208"/><name/> <pb/> war vor 4 Wochen auf der Durchreise hier. Möge ihn die Kaltwasserkur nur recht gestärkt haben. Hier strömt natürlich alles fort, ins Gebirge – <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2209"/><name>Barack</name>s, <name>Nöldeke</name>s, <name>ten Brink</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2209"/> <abbr>u.</abbr> ich weiß nicht wer sonst noch alle nach <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2210"/>Herrenalb<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2210"/>. Was haben Sie für Pläne? Ich vermute, Sie kommen auch nach dem Süden, für die Ferien.</p><p>Bei mir im Hause geht es i<add>[m]</add> g<add>[anzen]</add> gut; eine meiner Töchter ist zu einer Luft-Kur in den hohen Schwarzwald. Heiß ist es hier genug; ich will in den Ferien mächtig arbeiten; im September ziehen die Seminare um!</p><p>Nun leben Sie wohl. Möge es Ihnen gut gehen, das wünscht von Herzen Ihr ergebenster</p><signed>G. Gerland</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2195"><lem>Ihren Brief</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2196"><lem>den <name>Fries</name></lem><note>gemeintes Werk von <name>Jakob Friedrich Fries</name> nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2197"><lem>Datum meiner Antwort</lem><note>in Straßburg ging das Sommersemester 1884 vom 21.4. bis 9.8.1884, <abbr>vgl.</abbr> das Vorlesungsverzeichnis (<ref type="link">https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3217046h</ref> (9.8.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2198"><lem>geschlossen</lem><note>doppeltes s mit ß geschrieben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2199"><lem>es … tun.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2200"><lem>Halle … ausfällt.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2201"><lem>Windelband nach H. berufen</lem><note> als Nachfolger für <name>Ulrici</name>, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard Zeller vom 27.6.1884. Ein Ruf erging nicht.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2202"><lem><name>Gottschick</name>s über Ihren Kant II</lem><note>der 1. <abbr>Bd.</abbr> von Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft erschien in zwei Teilen 1881/1882, der 2. <abbr>Bd.</abbr> erschien erst 1892. <abbr>Vgl.</abbr> die Rezension von <name>Johannes Gottschick</name> in: Theologische Literaturzeitung 9 (1884), <abbr>S.</abbr> 20–22.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2203"><lem>heftigen Bewegungen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Notiz in Neue Freie Presse, <abbr>Nr.</abbr> 7122 vom 25.6.1884, Abendblatt: </note><rdg>Am 19. d. wurde – wie man uns aus Straßburg meldet – daselbst unter außerordentlicher Theilnahme der akademischen Kreise der Rechtscandidat Hettner, ein Sohn des vor einigen Monaten verstorbenen Literarhistorikers Hermann Hettner in Dresden, zu Grabe getragen. Hettner hat seinem Leben selbst durch Erschießen ein Ende gemacht, nachdem er wegen Ablehnung einer Herausforderung durch das Corps „Palatia“ von diesem in Verruf gesteckt worden war. Abermals hat also der Duellwahnsinn, der wie eine schreckliche Krankheit auf den deutschen Universitäten grassirt, ein blühendes Menschenleben zerstört. Wenn es dabei noch um große Dinge ginge! Aber gewöhnlich ist es die albernste Lappalie, welche eine krankhaft ehrgeizige Jugend zu dem blutigen Spiele um Tod und Leben reizt und Jeden, der diesem Terrorismus sich nicht fügt, in die schändlichste Acht erklärt.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2204"><lem>Frequenz im nächsten Semester</lem><note>im <abbr>WS</abbr> 1884/1885 waren in der philosophischen Fakultät der Universität Straßburg 161 Studenten eingeschrieben, in der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fakultät 191, in der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fakultät 181, in der theologischen 90, in der rechts- und staatswissenschaftlichen 182, in der medizinischen 204; gegenüber (in der selben Reihenfolge) 172, 174, 89, 201, 191 im <abbr>SS</abbr> 1884; <abbr>vgl.</abbr> die statistischen Anhänge zu den jeweiligen Personalverzeichnissen (erreichbar via <ref type="link">https://gallica.bnf.fr</ref> (9.8.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2205"><lem>Unsere Einweihung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Die Einweihung der Neubauten der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg. 26.–28. October 1884. Officieller Festbericht. Straßburg: J. H. Ed. Heitz 1884.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2207"><lem><name>Gothein</name></lem><rdg>Gotthein</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2206"><lem><abbr>Dr.</abbr> <name>Gothein</name><name/> aus Breslau</lem><note><name>Eberhard Gothein</name> (1853–1923), 1877 in Breslau promoviert, 1878 in Breslau habilitiert, 1884 nach Straßburg umhabilitiert, 1885 <abbr>o. Prof.</abbr> für Nationalökonomie an der Technischen Hochschule Karlsruhe, 1890 in Bonn, 1904 in Heidelberg (<abbr>NDB</abbr>; <ref type="link">https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/PERSON/kgl_biographien/118718258/biografie</ref> (9.8.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2208"><lem><name>Hartwig</name></lem><note><name>Ernst Hartwig</name> (1851–1923), Astronom, nach Studium in Erlangen, Leipzig, Göttingen und München an der Universitäts-Sternwarte in Straßburg angestellt. 1880 promoviert, 1882/1883 Leiter der deutschen Venus-Expedition nach Bahia Blanca. 1884 in Dorpat, 1886 Direktor der zu errichtenden Sternwarte Bamberg (eröffnet 1889; <abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2209"><lem><name>Barack</name>s, <name>Nöldeke</name>s, <name>ten Brink</name>s</lem><note>die Familien des Straßburger Universitätsdirektors <name>Karl August Barrack</name> (1827–1900, <abbr>NDB</abbr>), des Orientalisten <name>Theodor Nöldeke</name> (1836–1930, <abbr>NDB</abbr>) sowie des Professors für englische Philologie <name>Bernhard ten Brink</name> (1841–1892, <ref type="link">https://professorenkatalog.online.uni-marburg.de/de/pkat/gsrec/details?current=1&amp;q=brink</ref> (9.8.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2210"><lem>Herrenalb</lem><note>Kurort im nördlichen Schwarzwald</note></app></listApp></back></text></TEI>