<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000331-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Hermann Siebeck</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Gießen</placeName>, <date>10.5.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 a</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0331" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000331-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11733829X">Hermann Siebeck</persName><placeName>Gießen</placeName><date when="1884-05-10">10.5.1884</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116236493">Adolf Bolliger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117195596">August Stadler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118509616">George Berkeley</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521411">Hermann Cohen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11733829X">Hermann Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 a</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Hermann Siebeck</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Gießen</placeName>, <date>10.5.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 a</bibl></head></front><body><dateline>Giessen <abbr>d.</abbr> 10.5.84.</dateline><salute>Verehrter Herr Kollege,</salute><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2114"/>Meine Frau<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2114"/>, wie auch ich, dankt Ihnen herzlich für das freundliche Andenken, mit dem Sie sie erfreut haben, auch für unsere Kinder ist dasselbe eine angenehme Veranlassung zur Erinnerung an den bei ihnen im besten Gedächtniß stehenden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2115"/>Besuchgenosse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2115"/>. Ganz besonders aber danke ich Ihnen für Ihre höchst interessante <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2116"/>Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2116"/>, die ich mit zunehmender Spannung in einem Zuge durchgearbeitet habe. In der Exposition des Sachlichen wüßte ich in der Hauptsache nichts, was gegen die bündigen Nachweise in derselben vorzubringen wäre; nur Ihre Auffassung der beiden Fäden als von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2117"/><name>Kant</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2117"/><name/> selbst unbemerkt gebliebener Widersprüche macht mir Bedenken. Es war mir bisher schon klar geworden, daß K<add>[ant]</add> den Schwerpunkt seines Werkes darin setzt, zu zeigen, daß er nicht <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2118"/>trotz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2118"/> sondern <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2119"/>gerade<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2119"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2120"/>wegen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2120"/> seines transcendentalen Idealismus zugleich empirischer Realist zu sein berechtigt und genöthigt sei; ich bin ganz entschieden der Meinung, daß <abbr>z. B.</abbr> die Stellen, die Sie aus 1. <abbr>Aufl.</abbr> <abbr>S.</abbr> 375–77 (<abbr>S.</abbr> 50 <abbr>f.</abbr> Ihrer Abhandlung) zunächst weggelassen, um sie nachher (<abbr>S.</abbr> 53) nachträglich als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2121"/>dem Übrigen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2121"/> widersprechende Bestandtheile dem Leser vor Augen zu stellen, – daß diese, nach K<add>[ant]</add>’s bewusster An- und Absicht, dem Sinn der ganzen Stelle nicht nur nicht widersprechen (obwohl sich K<add>[ant]</add>, wie gesagt, dieses <hi rend="underline">Scheines</hi> des Widerspr<add>[uches]</add> jedenfalls wohl bewußt war), sondern ihn erst completiren und zu dem machen, was er sein soll. Wäre der Sachverhalt wirklich so, wie Sie ihn <abbr>S.</abbr> 50–53 auffassen, so hätte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2122"/><name>Bolliger</name> mit seinem Urtheile<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2122"/> über K<add>[ant]</add>’s Befähigung Recht. Das Problem für die Erklärung der Kr<add>[itik]</add> d<add>[er]</add> r<add>[einen]</add> V<add>[ernunft]</add> liegt für mich darin, den Grundgedanken zu treffen, von dem aus K<add>[ant]</add> mit festem Blick diesen anscheinenden Widerspruch nicht nur als solchen (mit Bewußtsein) schuf sondern auch wieder beseitigte. Sollte nicht in den Interpretationen der Kr<add>[itik]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2123"/><abbr>etc.</abbr><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2123"/> von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2124"/><name>Cohen</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2124"/><name/> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2125"/><name>Stadler</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2125"/><name/> etwas zur Lösung <hi rend="underline">dieses</hi> Problems geschehen sein? Die beiden Stellen, die Sie am Fuß von Seite 47 vergleichen, widersprechen <pb/> sich <abbr>m. E.</abbr> <hi rend="underline">nicht</hi>; in der links ist Vorstellung im „transcendentalen“ Sinn genommen; rechts dagegen im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2126"/>(angebl<add>[ich]</add>)<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2126"/> <name>Berkeley</name>schen (= „bloße Einbildung“); links ist die synthetische Thätigkeit der transc<add>[endentalen]</add> Appercept<add>[ion]</add> schon miteingeschlossen, rechts ist (wie es bei <name>Berkeley</name> der Fall war) von derselben keine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2127"/>Rede.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2127"/></p><p>Was ich also behaupte, ist dieses: K<add>[ant]</add> begeht nicht wider Wissen und Willen einen Widerspruch sondern er hält und setzt die anscheinend widersprechenden Glieder mit Bewußtsein für zu vereinigende, und dadurch kann man über die frühen (vor<name>kant</name>ischen) Gegensätze und Standpunkte hinaus. Daneben gebe ich zu, daß die dadurch in K<add>[ant]</add> hervorgerufene Gedankenbewegung in ihm selbst nie vollständig zur Ruhe gekommen ist und (wie Sie sehr überzeugend weiterhin ausführen) ihn später mehr gegen den <name>Fichte</name>’schen Standpunkt hingetrieben hat. Derartiges passirt eben in jedem philosophischen System.</p><p>Es freut mich sehr, von Ihrem guten Erfolge in dem neuen Wirkungskreise zu lesen. Möge das alte, ebenso höfliche wie gemüthliche Halle Ihnen bald ebenso lieb werden, wie es <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2128"/>mir jederzeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2128"/> gewesen und geblieben ist. Mit dem neuen Semester hier i<add>[n]</add> G<add>[ießen]</add> bin ich zufrieden; im Hauptcolleg (Psychol<add>[ogie]</add>) habe ich etwa 60 Zuhörer. <pb/> Die kleineren specielleren Sachen, an die die Leute hier in der Philosophie gar nicht gewöhnt waren, sind ebenfalls mit leidlicher Betheiligung zu Stande gekommen, zu welchem allem man hier augenblicklich noch mit etwas Verwunderung dreinschaut. Wenn übrigens alle Wegberufungen von hier, die für den Augenblick wenigstens <hi rend="underline">möglich</hi> erscheinen, sich im Lauf dieses Semesters realisiren sollten, so dürfte das Aussehen der Universität zu <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2129"/>Michaelis<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2129"/> sich erheblich verändern.</p><p>Die Meinigen, wie auch ich, befinden sich wohl und lassen Sie herzlich grüßen. Ich schließe mich dem an und verbleibe Ihr freundschaftlich ergebener</p><signed>H. Siebeck.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2114"><lem>Meine Frau</lem><note>Name nicht ermittelt, in den biographischen Findmitteln nicht nachgewiesen.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2115"><lem>Besuchgenosse</lem><note>Zeitpunkt des Besuches nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2116"><lem>Abhandlung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus. In: Strassburger Abhandlungen zur Philosophie. Eduard Zeller zu seinem siebenzigsten Geburtstage. Freiburg i. Br./Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1884, <abbr>S.</abbr> 85–164.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2117"><lem><name>Kant</name></lem><rdg>K.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2118"><lem>trotz</lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2119"><lem>gerade</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2120"><lem>wegen</lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2121"><lem>dem Übrigen</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2122"><lem><name>Bolliger</name> mit seinem Urtheile</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Adolf Bolliger: Anti-Kant oder Elemente der Logik, der Physik und der Ethik. <abbr>Bd.</abbr> 1. Basel: Schneider 1882.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2123"><lem><abbr>etc.</abbr></lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2124"><lem><name>Cohen</name></lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2125"><lem><name>Stadler</name></lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2126"><lem>(angebl.)</lem><note> Einfügung unter der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2127"><lem>Rede.</lem><note>danach von Vaihingers <abbr>Hd.</abbr> eingefügt: </note><rdg>Kant hat diesen Widerspruch m. E. nicht mit Bewußtsein von Anfang an aufgestellt, wie S[iebeck] meint. Wohl aber mag er <hi rend="underline">zum Bewußtsein</hi> desselben (resp. seiner Lösung) im Laufe der Zeit gekommen sein.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2128"><lem>mir jederzeit</lem><note><name>Siebeck</name> hatte sich 1867 in Halle habilitiert, zuvor dort im Schuldienst (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2129"><lem>Michaelis</lem><note>29. September; traditioneller Beginn des <abbr>WS</abbr>.</note></app></listApp></back></text></TEI>