<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000327-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Wilhelm Bolin</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Helsingfors (Helsinki)</placeName>, <date>29.3.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 d</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0327" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000327-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119057832">Wilhelm Bolin</persName><placeName>Helsingfors (Helsinki)</placeName><date when="1884-03-29">29.3.1884</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118619055">David Friedrich Strauß</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118599259">Hermann Samuel Reimarus</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616242">Baruch de Spinoza</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119057832">Wilhelm Bolin</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 d</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Wilhelm Bolin</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Helsingfors (Helsinki)</placeName>, <date>29.3.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 d</bibl></head></front><body><dateline>Helsingfors, März 29, 1884.</dateline><salute>Hochgeehrter Herr Doktor.</salute><p>Vor genau einer Woche erhielt ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2077"/>Ihren freundlichen Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2077"/> und die darin angekündigte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2078"/>Sendung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2078"/>. Für beides sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank, ebenso für Ihre gütige Aufforderung, die Ergebnisse meiner philosophischen Kathederthätigkeit schriftstellerisch nutzbar zu machen. Wohl giebt es da Studien und Aufzeichnungen die Menge. Aber ich bin mittlerweile der Sache selbst so entfremdet, dass ich mir förmlich Gewalt anthun müsste um auf diesem Gebiet wieder heimisch zu werden. Was mir s<add>[einer]</add> Z<add>[eit]</add> als eine lockende Aufgabe vorschwebte, ist indessen durch Sie zur Ausführung gelangt. Als ich noch akademisch thätig war, hatte ich mir vorgenommen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2079"/>zum <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2080"/>Säkulargedächtnis<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2080"/> der Krit<add>[ik]</add> d<add>[er]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2081"/>reinen Vernunft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2081"/> ein grösseres Werk „<name>Kant</name> u<add>[nd]</add> das Grundproblem d<add>[er]</add> Philosophie“ zu schreiben.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2079"/> <pb/> Das Wesentliche davon ist nun durch Sie geschehen und zwar in einer Weise, zu der ich Ihnen von Herzen Glück wünsche. Möchte Ihnen das Fortführen und das Abschliessen Ihres hochverdienten Unternehmens baldigst gelingen. Wenn ich meinestheils von dieser Aufgabe zurückgetreten, so liegt das sowohl an den Umständen, die mich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2082"/>anderweitig in Anspruch genommen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2082"/> und wo ich die vollste Befriedigung finde, als auch an dem persönlichen Widerwillen, den mir gewisse Erscheinungen in der neuern Philosophie eingeflösst, und die ich, nach der Art, wie ich damals die Aufgabe hatte lösen wollen, nicht gut hätte umgehen können. Ich will Ihnen, der mir ein so wohlwollendes Entgegenkommen gezeigt, nicht verhehlen, dass besagter Widerwille vornehmlich durch den wissenschaftelnden Hexensabbath verursacht worden, den der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2083"/>Urheber<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2083"/> der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2084"/>sogenannten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2084"/> Philosophie d<add>[es]</add> Unbewussten ein volles Jahrzehnt hindurch aufrecht zu halten vermochte. Es bedarf einer weitaus polemischer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2085"/>beanlagten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2085"/> Natur als meine Wenigkeit um sich mit diesem Kram abzugeben. Mir wurde das Treiben einfach unerträglich, und da ich zudem, je <pb/> länger je mehr, der dramatischen Poesie und entsprechenden Studien zugeführt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2086"/>ward<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2086"/>, die für mich den Zauberwerth einer ersten Liebe haben, sehe ich mich nunmehr ausser Stande an der Philosophie schöpferisch mit Hand anzulegen. Ob dies ein Unrecht gegen meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2087"/>Beanlagung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2087"/> ist, wüsste ich nicht zu sagen; sicher aber fühle ich mich frei von jeglicher Reue über mein gegenwärtiges Verhältniss zur Philosophie, das lediglich dasjenige eines vielleicht nicht ganz urtheilslosen Beschauers geworden. Aber mit dieser Parteilosigkeit hat sich eine gewisse Skepsis bei mir eingestellt, wodurch mein Interesse für viele Fragen der Philosophie äusserst begrenzt worden. Einstweilen begnüge ich mich mit meiner literarischen Thätigkeit und mit dem Nutzen, den ich zunächst hierorts stiften kann. Übrigens muss ich noch hinzufügen, dass meine Entfernung von philosophischer Schriftstellerei auch noch durch die Ungunst gefördert wurde, die ich seitens <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2088"/>nöthiger Verlagsaussichten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2088"/> gefunden. Vielleicht sagte ich Ihnen schon in meinem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2089"/>vorigen Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2089"/>, und solchenfalls entschuldigen Sie gütigst diese <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2090"/>wie auch etwa sonstige<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2090"/> Wiederholung, dass ich noch vor dem totalen Übertritt zur <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2091"/>Schönliteratur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2091"/> zwei Versuche gemacht, meine <pb/> Beziehungen zur Philosophie durch entsprechende Schriften ferner aufrecht zu halten. Zum <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2092"/><name>Spinoza</name>-Jubiläum<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2092"/> hatte ich eine Umarbeitung seines Tract<add>[atus]</add> theo<add>[logico-]</add>polit<add>[icus]</add> (etwas in der Art von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2093"/><name>Strauss</name>ens Wiedergabe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2093"/> des Werkes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2094"/>von<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2094"/> <name>Reimarus</name>) nebst allgemeiner Charakteristik vorbereitet. Ich bekam Körbe von allen Seiten, wo ich mich hinwandte; nur von <hi rend="underline">einem</hi> Verleger das Angebot des geschäftl<add>[ichen]</add> Betriebs, falls ich die Druckkosten tragen wollte. Genauso erging es mir mit einer kritischen Darstellung des Pessimismus, die ich nicht mehr zu Ende führen mochte als ich einsah, dass es der Liebe Müh umsonst war. Es liegt dieser Misserfolg zum Theil wohl auch an meiner riesigen Entfernung von dem buchhändlerischen Betriebe der Philosophie. Sicherlich ist mir aber alle Lust vergangen, es noch ferner mit derlei zu versuchen. Desto lebhafter wünsche ich Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen allen Erfolg. Zu den Letzteren gehört wohl auch <name>Alois Riehl</name>, dessen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2095"/>hochbedeutendes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2095"/> Werk ich bisher noch keine Zeit gefunden zu lesen. Sollten Sie Zeit und Vergnügen finden darüber und betreffs Ihrer eigenen Thätigkeit sich brieflich ferner zu äussern, werden Sie damit in hohem Grade erfreuen Ihren aufrichtig ergebenen</p><signed>Wilh. Bolin</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2077"><lem>Ihren freundlichen Brief</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2078"><lem>Sendung</lem><note>dem Zusammenhang nach von Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Zum hundertjährigen Jubiläum derselben. <abbr>Bd.</abbr> 1. Stuttgart: W. Spemann 1881/1882.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2080"><lem>Säkulargedächtnis</lem><rdg>Sekulargedächtnis</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2081"><lem>reinen Vernunft</lem><rdg>rn. Vrnf.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2079"><lem>zum … schreiben.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2082"><lem>anderweitig in Anspruch genommen</lem><note><name>Wilhelm Bolin</name> (1835–1924), 1864 an der Universität Helsingfors promoviert, seit 1865 dort Dozent der Philosophie, 1869 oder 1870 <abbr>ao. Prof.</abbr> (wechselnde Angaben), nach Rücktritt vom Lehramt 1873–1912 Bibliothekar an der Bibliothek der Universität, veröffentlichte literaturwissenschaftliche Studien und leitete 1883–1887 unter Einsatz eigener finanzieller Mittel das Schwedische Theater Helsingfors (<abbr>WBIS</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2083"><lem>Urheber</lem><note><abbr>d. i.</abbr> <name>Eduard von Hartmann</name></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2084"><lem>sogenannten</lem><rdg>sogn.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2085"><lem>beanlagten</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2086"><lem>ward</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2087"><lem>Beanlagung</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2088"><lem>nöthiger Verlagsaussichten</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2089"><lem>vorigen Brief</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2090"><lem>wie auch etwa sonstige</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2091"><lem>Schönliteratur</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2092"><lem><name>Spinoza</name>-Jubiläum</lem><note>wahrscheinlich ist das Jahr 1877 gemeint (200. Todestag)</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2093"><lem><name>Strauss</name>ens Wiedergabe</lem><note><abbr>vgl.</abbr> David Friedrich Strauß: Hermann Samuel Reimarus und seine Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Leipzig: Brockhaus 1862.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2094"><lem>von</lem><rdg>vom</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2095"><lem>hochbedeutendes</lem><rdg>hochbedeutnes</rdg></app></listApp></back></text></TEI>