<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000313-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>14.2.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0313" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000313-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1884-02-14">14.2.1884</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118644890">Friedrich Theodor Althoff</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Theodor Althoff</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>14.2.1884</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991</bibl></head></front><body><salute>Hochzuverehrender Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2001"/>Geheime Rath!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2001"/></salute><p>Das gütige und theilnehmende Wohlwollen, das <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren bei mehreren Gelegenheiten mir zu zeigen die Gewogenheit hatten, gibt mir den Muth zu dem schweren und gewagten Schritte, mich in meinen Angelegenheiten wiederum an <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren ganz ergebenst zu wenden. Es ist bei den jüngsten Besetzungsfragen in Preußen auch mein Name genannt worden, doch soll <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2002"/>theologischerseits gegen mich eine Art <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2003"/>Einsprache erhoben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2003"/> worden sein<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2002"/>. Wenn ich nun auch nicht entfernt daran denke, den höheren Rücksichten und weitergreifenden Erwägungen des Hohen Königl<add>[ichen]</add> Kultusministeriums meine persönlichen Wünsche entgegenzusetzen, so liegt es doch in meinem Interesse und im Interesse der Sache, daß ich ein Vorurtheil gegen mich, das nur auf einem Mißverständniß beruhen kann, nach Kräften zu berichtigen suche, schon um die Entstehung eines Präcedenzfalles zu vermeiden. <pb/></p><p>Jener Einspruch, welcher von theologischen Kreisen gegen mich erhoben worden zu sein scheint, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2004"/>kann nur aus Unkenntniß meiner Stellung in der Philosophie und meiner Person entstanden sein<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2004"/>. Gestatten mir <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren gütigst, mich über beide Punkte etwas eingehender ganz ergebenst zu äußern.</p><p>1. Meine Stellung in der Philosophie ist genau dieselbe, welche die weitaus überwiegende Majorität der deutschen Philosophen einnimmt. Es ist dies ein <name>Kant</name>ianismus, der zeitgemäß modificirt ist. Von diesem Standpunkte aus betrachtet man die Theologie keineswegs mit feindlichen Blicken, sondern stellt sich zu derselben auf einen freundlichen und friedlichen Fuß. Das Object der Theologie, die Religionswahrheiten und Glaubensartikel, betrachtet man als ein Gebiet, das dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2005"/>Wissen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2005"/> entrückt ist. Das menschliche Wissen – so meint man ferner – hat es mit der Welt der Erfahrung zu thun, und so auch die Philosophie, welche das menschliche Wissen zu einem Ganzen zusammenfassen soll. Sie beschäftigt sich zunächst mit ihrer eigenen Geschichte, einem der wichtigsten Gegenstände des philosophischen Unterrichts, sodann mit den Specialgebieten der Psychologie, Logik, Ethik (nebst Päda<pb/>gogik) und endlich mit der Erkenntnißtheorie, der Wissenschaft von den Bedingungen, dem Umfang und Inhalt, und den Grenzen des Wissens und Erkennens. Hierbei stößt die Philosophie auf Grenzen, wo das Erkennbare aufhört, und das Gebiet des für die Vernunft Unerkennbaren anfängt. Das ist das Gebiet des Glaubens, das Gebiet, in welchem das Gemüth seine tiefsten Bedürfnisse religiös befriedigt. Und nun betrachtet man es als Sache der Theologie, mit den ihr eigenthümlichen Mitteln in dieses Gebiet einzuführen. Von diesem Standpunkte aus, auf welchem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2006"/>dem Wissen gegeben ist, was des Wissens ist, und dem Glauben, was des Glaubens ist<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2006"/>, ist der Philosoph sehr wohl im Stande, mit dem Theologen auf freundlichem Fuß zu stehen.</p><p>Dieser Standpunkt nun ist unter den jüngeren Philosophen <hi rend="underline">durchgängig</hi> verbreitet, und man darf wohl sagen, <hi rend="underline">daß in dieser Hinsicht ein Unterschied zwischen den Einzelnen </hi><hi rend="underline double">nicht</hi><hi rend="underline"> gemacht werden kann.</hi></p><p>2. Da ich auf diesem Standpunkte, wie die Anderen, stehe, so ist es mir persönlich immer überall gelungen, mit den Theologen in bestem Einvernehmen zu stehen, sowohl mit den Lehrern als mit den Studirenden der Theologie, zumal ich selbst von Hause aus Theologe bin. Mit den Ersteren habe ich stets hier und anderwärts freundschaftlichst verkehrt, und von den Letzteren habe ich viele unter meinen Zu<pb/>hörern gehabt. Es ist ja auch schon Sache des collegialen Taktes, stets Rücksicht aufeinander zu nehmen und jede Collision zu vermeiden und vielmehr einander in die Hände zu arbeiten, da ja Theologen und Philosophen Mitglieder eines und derselben Universitas Literarum sind. Auf der Basis gegenseitiger Achtung und discreter Reserve ist meinen eigenen langjährigen Erfahrungen nach ein durchaus freundliches Verhältniß mit den Theologen, selbst mit denen strengster Richtung, leicht möglich. Als ich daher vor einem Jahr in Basel vorgeschlagen war, stellten sich an dieser in religiöser Beziehung sehr conservativen Universität die Theologen ganz freundlich zu der Sache.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2007"/>Ich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2007"/> darf vielleicht die Bemerkung hinzufügen, daß es auch <hi rend="underline">meiner ganzen politischen Überzeugung und Stellung</hi> total widersprechen würde, an einer Universität in einem Sinne zu wirken, welcher mit den fundamentalen Voraussetzungen unseres Staatslebens und mit den Intentionen der Regierung irgendwie im Widerstreit stünde. Dafür bürgt meine ganze bisherige Lebensführung, wie sie hier bekannt ist.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2008"/>Möchten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2008"/> <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren gütigst vergeben, daß ich es gewagt habe, Sie mit meinen Ausführungen zu belästigen. Aber es muß mir viel daran liegen, daß ein auf einem großen Mißverständniß beruhendes Vorurtheil nicht einen Schatten auf mich werfe.</p><p>Genehmigen Sie, hochzuverehrender Herr Geheime Rath, die Versicherung tiefster Verehrung von <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren ganz ergebenstem</p><signed>H. Vaihinger.</signed><dateline>Straßburg <hi rend="superscript">i</hi>/E, den 14. Febr<add>[uar]</add> 1884.</dateline></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-2001"><lem>Geheime Rath!</lem><note>danach 4 Zeilen frei gelassen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2003"><lem>Einsprache erhoben</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard Zeller vom 11.2.1884 sowie Benno Erdmann an Vaihinger vom 14.2.1884.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2002"><lem>theologischerseits gegen mich eine Art Einsprache erhoben worden sein</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2004"><lem>kann … sein</lem><note> mit Bleistift am linken <abbr>Rd.</abbr> angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2005"><lem>Wissen</lem><note>doppeltes s mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2006"><lem>dem … ist</lem><note> Anspielung auf Matthäus 22,21: </note><rdg>So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2007"><lem>Ich</lem><note>Absatz am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2008"><lem>Möchten</lem><note>Absatz am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app></listApp></back></text></TEI>