<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000306-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Bartholomäus von Carneri</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>15.1.1884</date>, <note>7 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178310</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0306" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000306-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1884-01-15">15.1.1884</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116015780">Fritz Karl Julius August Schultze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118588095">Nikolaus von Kues</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119180936">Pierre-Daniel Huet</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116015780">Fritz Schultze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118636383">Eduard Zeller</name></note><note type="repository">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178310</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Bartholomäus von Carneri</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>15.1.1884</date>, <note>7 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178310</bibl></head></front><body><anchor type="delimiter"/><dateline>Str<add>[aßburg]</add> 15.I.84.</dateline><salute>Hochverehrter Herr!</salute><p>Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1944"/>müssen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1944"/> es meiner schauderhaften Arbeitsüberbürdung zu Gute halten, daß ich mich jetzt erst für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1945"/>Ihre letzte freundliche Sendung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1945"/> herzlichst bedanke. Ich bin so sehr in Anspruch genommen, daß meine Correspondenz vollständig darniederliegt. Zu aller anstrengenden wissenschaftlichen Thätigkeit kommen auch noch vielerlei gesellschaftliche Verpflichtungen. Dazu kam ganz unerwartet ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1946"/>größerer Artikel<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1946"/>, der zum 70 jährigen Geburtstag <name>Zeller</name>’s zu schreiben ist, zu dem wir Straßburger eine Festschrift erscheinen lassen. Dieser letztere Umstand hat mir mein Programm ganz besonders verrückt. <pb/> Mein Aufsatz behandelt die bekannte Stelle der 2. <abbr>Aufl.</abbr> der Kr<add>[itik]</add> d<add>[er]</add> r<add>[einen]</add> V<add>[ernunft]</add> „Widerlegung des Idealismus“. Ich habe bei dieser Arbeit mich in meiner Überzeugung bestärkt, daß <name>Kant</name>s Werk zwar das genialste, aber auch das widerspruchvollste Buch der gesamten philos<add>[ophischen]</add> Literatur ist. Das gilt auch für die von Ihnen in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1947"/>Ihrem Aufsatze<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1947"/> behandelte, ernste Frage über das An sich der Dinge. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1948"/>Wenn Sie mich fragen würden, ob <hi rend="underline">Ihre</hi> Auffassung oder <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1949"/>die <name>Schultze</name>sche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1949"/> richtig sei <abbr>d. h.</abbr> welche der beiden Auffassungen nun die <hi rend="underline"><name>Kant</name>i</hi>sche sei, so würde ich erst fragen: welchen <name>Kant</name> meinen Sie? den Dogmatiker oder den Skeptiker? den Mann mit dem Zopf oder den Mann mit dem Schwerte des Geistes?<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1948"/> In der von Ihnen besprochenen <pb/> Frage wohnten 2 Seelen in <name>Kant</name>s Brust. Es gibt ebenso viele Stellen für die <name>Schultze</name>sche, wie für Ihre Auffassung. <name>Kant</name> widerspricht sich in den wichtigsten Fragen, welche er behandelt hat, diametral. Seine „kritischen“ Werke sind, wie aus ihnen historisch ganz entgegengesetzte Richtungen entstanden sind (vom Atheismus eines <name>Fichte</name> bis zur frommen „neukantischen“ Theologie), so auch systematisch eine Rüstkammer für Alles: Das verrostete <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1950"/>Steinschloß steht neben dem modernen Zündnadelgewehr. Also auf <name>Kant</name>s Text kann sich auch <name>Schultze</name> berufen.</p><p>Aber daß er aus der <name>kant</name>ischen Rüstkammer die alten verrosteten Ideen in gröbster dogmatischer Form herausgesucht hat, statt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1950"/> <pb/> sich an den fortschrittlichen Geist in <name>Kant</name> zu halten, das beweist nur, daß Sch<add>[ultze]</add> ein sehr mittelmäßiger Kopf ist. Als solcher hat er von jeher bei allen ernsten Fachleuten gegolten. Er hat zudem die dogmatischen Seiten der <name>kant</name>ischen Lehre entsetzlich verwässert. Er hat auch in den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1951"/>sauren Wein, den er aus <name>Kant</name> bezog, noch Wasser gegossen.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1951"/></p><p>Stellen Sie somit die Frage nicht so, was <name>Kant</name> historisch gelehrt habe, sondern so: welche <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1952"/>Auffassung der wahrhaft wissenschaftlichen Seite <hi rend="underline"><name>Kant</name>s</hi> und damit auch einer ernsthaften <hi rend="underline">Philosophie</hi> entsprechen, so ist kein Zweifel, daß Ihre Auffassung alles für sich und die <name>Schultze</name>’sche alles gegen sich hat. Das Ansich der Dinge für <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1953"/>höher<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1953"/> und edler, denn die Erscheinung zu halten, ist ein alter Fehler der Philosophie.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1952"/> Wenn wir diesen Begriff überhaupt verwenden wollen, muß er kritisch, nicht mystisch angewendet werden. In mystischer Weise wendet ihn Sch<add>[ultze]</add> an, Sie in kritischer. Die <name>Schultze</name>’sche Auffassung, der gemeine Wald- und Wiesen-<name>Kant</name>ianismus, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1954"/>ist nichts als Heuchelei; das ist eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1955"/>docta <abbr>resp.</abbr> ficta ignorantia<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1954"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1955"/>: man <hi rend="underline">thut</hi>, als wisse man nichts vom „Jenseits“ und wolle auch nichts davon wissen, und schlägt doch dabei factisch die Augen fromm auf zum Himmel. Nichts als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1956"/>Skepticismus nach der Weise des alten <name>Huet</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1956"/><name/>!</p><p>Ihre Auffassung ist kritisch: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1957"/>man läßt das An sich in Ruhe und wird auch dann von ihm ein Ruhe gelassen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1957"/>; und wenn man <pb/> darüber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1958"/>nachdenkt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1958"/>, so hält man es nicht für etwas Edleres als die Erscheinung, sondern eher für etwas Niedrigeres. Vor allem aber möge man Gott, Unsterblichkeit <abbr>u. s. w.</abbr> aus dem Spiele lassen. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1959"/>Die Philos<add>[ophie]</add> fängt erst an wo der „Glaube“ an jene Fictionen aufhört.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1959"/></p><p>Aber <name>Kant</name> hat mit diesen Vorstellungen nur halb gebrochen. Der Schlüssel zu seinem Widerspruche liegt in seiner universellen Vermittlungstendenz: er wollte alle Gegensätze überwinden und kam so selbst aus den inneren Gegensätzen nicht heraus. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1960"/>Nichtsdestoweniger ist er mir eine ehrwürdige und erhabene Gestalt: auch in seinen Irrthümern ist er groß und wir bewundern, in seinem <pb/> Geiste, das Ringen der entgegengesetzten Mächte: Er ist groß genug, daß er auch Anhänger nach der Art von <name>Schultze</name> ertragen kann, ohne an seiner Größe zu verlieren. –<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1960"/></p><p>Und nun lassen Sie mich Ihnen, verehrtester Herr, herzlichst die Hand drücken und seien Sie innig gegrüßt von Ihrem ergebensten</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1944"><lem>müssen</lem><note>doppeltes s hier und im folgenden mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1945"><lem>Ihre letzte freundliche Sendung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 20.12.1883</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1946"><lem>größerer Artikel</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus. In: Strassburger Abhandlungen zur Philosophie. Eduard Zeller zu seinem siebenzigsten Geburtstage. Freiburg <abbr>i. Br.</abbr>/Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1884, S. 85–164.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1947"><lem>Ihrem Aufsatze</lem><note>Das Ansich der Dinge, <abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 20.12.1883.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1949"><lem>die <name>Schultze</name>sche</lem><note><abbr>d. h.</abbr> die von <name>Fritz Schultze</name> vertretene (1846–1908, seit 1876 <abbr>o. Prof.</abbr> am Polytechnikum Dresden; Eisler, Philosophen-Lexikon 1912), gegen die sich <name>Carneri</name> in seinem Aufsatz wendet.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1948"><lem>Wenn … Geistes?</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1950"><lem>Steinschloß … statt</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1951"><lem>sauren Wein, den er aus <name>Kant</name> bezog, noch Wasser gegossen.</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1953"><lem>höher</lem><note>am Kopf der <abbr>S.</abbr> Nummerierung des neuen Bogens: </note><rdg>2</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1952"><lem>Auffassung … Philosophie.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1954"><lem>ist … ignorantia</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1955"><lem>docta <abbr>resp.</abbr> ficta ignorantia</lem><note><abbr>lat.</abbr> belehrte Unwissenheit (<name>Nikolaus von Kues</name>) <abbr>bzw.</abbr> fiktive Unwissenscheit</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1956"><lem>Skepticismus nach der Weise des alten <name>Huet</name></lem><note><abbr>d. i.</abbr> der französische Geistliche <name>Pierre-Daniel Huet</name> (1630–1721), <abbr>vgl.</abbr> <abbr>z. B.</abbr> Karl Sigmund Barach: Pierre Daniel Huet als Philosoph. Ein Beitrag zur Geschichte der geistigen Bewegung im siebzehnten Jahrhundert. Wien <abbr>u.</abbr> Leipzig: L. C. Zamarski &amp; C. Dittmarsch 1862, 6. <abbr>Kap.</abbr>: Skepticismus und Offenbarungsglaube.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1957"><lem>man … gelassen</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1958"><lem>nachdenkt</lem><note>Wortteil </note><rdg>nach-</rdg><note> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1959"><lem>Die … aufhört.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1960"><lem>Nichtsdestoweniger … verlieren.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app></listApp></back></text></TEI>