<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000278-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Zarncke</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>1.6.1883</date>, <note>4 S., hs.</note>,<bibl type="pubPlace"> Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Zarncke, NL 249/1/V/27</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0278" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000278-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1883-06-01">1.6.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11913702X">Friedrich Zarncke</persName></correspAction><note type="mentioned"><name>August Krohner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11913702X">Friedrich Zarncke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118586548">Paul Natorp</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Zarncke, NL 249/1/V/27</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Zarncke</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>1.6.1883</date>, <note>4 S., hs.</note>,<bibl type="pubPlace"> Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Zarncke, NL 249/1/V/27</bibl></head></front><body><dateline>Straßburg 1.VI.83.</dateline><salute>Hochzuverehrender Herr Professor!</salute><p>Verschiedene Dinge nahmen meine Zeit im vergangenen Monat sehr in Anspruch und so komme ich erst heute dazu, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1706"/>Ihren Brief vom 25. April<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1706"/> zu beantworten.</p><p>Ich werde mich von einem so bedeutenden und hochgeehrten Manne, wie Sie es sind, gerne <hi rend="underline">belehren</hi> lassen: aber die <hi rend="underline">Beschuldigungen</hi> Ihres letzten Briefes bin ich mir im Innersten bewußt, nicht verdient zu haben. Ich mag einer an und für sich <hi rend="underline">vielleicht</hi> geringfügigen Sache eine zu große Wichtigkeit und Tragweite beigelegt und Sie mit meinen Briefen in der Sache zu sehr in Anspruch <pb/> genommen haben – aber <hi rend="underline">principiell</hi> halte ich meinen Standpunkt als einen, dem von Ihnen eingenommen immerhin gleichberechtigten, durchaus aufrecht. Ich bin der Ansicht, daß Anonymität in den richtigen Händen ein Schutz der wissenschaftlichen Wahrheit ist und daß ich in diesem Falle zu einer Namensnennung nicht verpflichtet war. Ich bedaure, meine Erwiderung nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1707"/>mit den Worten geschlossen zu haben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1707"/>: „Da es im Interesse des sachlichen Zweckes einer wissenschaftlichen Kritik nicht wünschenswerth ist, daß diese Art – in einer objectiven Kritik einen persönlichen Angriff zu sehen und gar Namensnennung zu verlangen – in allgemeinen Gebrauch kommt, <hi rend="underline">so halte auch ich mich für verbunden</hi>, dagegen zu protestiren.“ <pb/></p><p>Ich kann mir nun sehr gut vorstellen, daß man diesen meinen Standpunkt nicht theilt, daß man ihn als einen unrichtigen <hi rend="underline">verwirft</hi>, aber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1708"/>nicht – – daß<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1708"/> man ihn <hi rend="underline">verwerflich</hi> finde.</p><p>Ein Freund von mir, der Sie hochachtet und den Sie hochachten, ist ganz meiner Ansicht.</p><p>Um aber dem Recensirten doch Gelegenheit zu geben, sich in einer wissenschaftlichen Specialschrift nicht blos gegen die Recension, sondern gegen den Recensenten zu vertheidigen, wollte ich das <hi rend="underline">opus operatum</hi> thun, demselben meinen Namen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1709"/>privatim mitzutheilen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1709"/>. Aber ich wollte nicht durch öffentliche Namensnennung früherem Recensierten Gelegenheit zu Revindicationen und Revanchen geben: denn ich bin mir bewußt, im Interesse der Wissen<pb/>schaft und Wahrheit Lob und Tadel ausgesprochen und nach bestem Wissen und Gewissen gerecht ausgetheilt zu haben: meine Recensionen begannen eine fruchtbare Wirksamkeit auszuüben und fanden in Fachkreisen große Beachtung. Eine Palinodie wie die von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1710"/>A. K. in N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">o</hi></hi> 20<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1710"/> d<add>[es]</add> J<add>[ahres]</add> gegen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1711"/>meine Recension in N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">o</hi></hi> 47 vom Jahre 1881<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1711"/>, (welche der Recensirte selbst in seiner Vorrede zu seinem neuen Werk als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1712"/>„liebenswürdig“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1712"/> anerkannte) kann ich nicht im Interesse der Sache und des Blattes gegründet finden.</p><p>Das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1713"/>wörtliche Concept meines Briefes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1713"/> an Herrn D<hi rend="superscript">r</hi> <name>Natorp</name>, den ich <hi rend="underline">nach</hi> Erscheinen der Erwiderung am 29.IV. abgesendet <hi rend="underline">habe</hi>, bitte ich zu meinen Briefen als Vervollständigung legen zu wollen.</p><p>Ich sende zugleich an die Expedition den Rest der Recensenda zurück, mit Ausnahme derjenigen, welche ich schon mit Notizen <abbr>u. s. w.</abbr> versehen habe: diese lasse ich auf mein Conto schreiben.</p><p>Genehmigen Sie den Ausdruck vollkommener Verehrung von Ihrem aufrichtig ergebensten</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1706"><lem>Ihren Brief vom 25. April</lem><note>nicht überliefert; im Zusammenhang der Auseinandersetzung zwischen <name>Friedrich Zarncke</name> und Vaihinger über eine Rezension eines Werkes von <name>Natorp</name>, <abbr>vgl.</abbr> die vorangegangenen Schreiben Vaihingers an Zarncke.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1707"><lem>mit den Worten geschlossen zu haben</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Natorp und Vaihinger in: Literarisches Centralblatt, <abbr>Nr.</abbr> 18 vom 28.4.1883, <abbr>Sp.</abbr> 627–638: </note><rdg>Erwiderung. | Der laufende Jahrg. Nr. 10 des Bl. enthält eine Besprechung meines Buches über Descartes’ Erkenntnistheorie, welche, durch den Gebrauch von Ausdrücken wie „unwürdig“, „Anmaßlichkeit“, die Grenzen sachlicher Erörterung überschreitet und den Charakter des persönlichen Angriffs annimmt. Da es im Interesse des sachlichen Zweckes einer wissenschaftlichen Polemik nicht wünschenswerth ist, daß diese Art des Angriffes in allgemeinem Gebrauch komme, so halte ich mich für verbunden, dagegen zu protestieren. Die wissenschaftliche Prüfung der Einwendungen des Referenten bleibt einer anderen Gelegenheit vorbehalten. | Marburg. Dr. P. Natorp. – Daß die Besprechung des Natorp’schen Werkes irgendwie die Grenzen rein wissenschaftlicher Diskussion überschritten habe, kann Ref. nicht anerkennen. Wenn die Dogmatisierung des Kantischen kritischen Gottesbegriffes „unwürdig“, also der Würde Kant’s nicht angemessen genannt worden ist, so liegt darin nichts Persönliches. Wenn ausdrücklich eine Methode (also nicht eine Person) als „anmaßlich“ bezeichnet worden ist, welche mit offen zur Schau getragener | Geringschätzung des exacten philologisch-historischen Verfahrens nicht „eine einfache Wiedergabe“, sondern eine „Umdeutung“ (Worte Natorp’s) zum Ziele hat, durch welche das Resultat der bisherigen auf kritischer Grundlage angestellten Untersuchungen „über den Haufen geworfen werden“ soll, so liegt auch darin wiederum gar nichts Persönliches. Nur übergroße Empfindlichkeit gegen sachliche Einwände kann einen persönlichen Angriff in einer Recension sehen, welche damit beginnt, den „Scharfsinn“ des Verf.’s in anerkennender Weise zu loben, und welche damit schließt, denselben ein „philosophisches Talent“ zu nennen. | Straßburg. Dr. H. Vaihinger.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1708"><lem>nicht – – daß</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1709"><lem>privatim mitzutheilen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Zarncke vom 25.4.1883</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1710"><lem>A. K. in N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">o</hi></hi> 20</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Beginn von A. K. (<abbr>d. i.</abbr> vermutlich <name>August Krohner</name>): Bergmann, Dr. Jul., Prof., die Grundprobleme der Logik. Berlin, 1882. Mittler &amp; Sohn. (IX, 196 S. 8.) M. 4. In: Literarisches Centralblatt, <abbr>Nr.</abbr> 20 vom 12.5.1883, <abbr>Sp.</abbr> 684–685: </note><rdg>Den Arbeiten des Professor Bergmann hat man vorgeworfen, daß sie dem Geiste der gegenwärtigen Wissenschaft fremd seien.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1711"><lem>meine Recension in N<hi rend="superscript"><hi rend="underline">o</hi></hi> 47 vom Jahre 1881</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Beginn von Vaihinger (ungezeichnet): Bergmann, Dr. Jul., Prof., Sein u. Erkennen. Eine fundamental-philosophische Untersuchung. Berlin, 1880. Mittler &amp; Sohn. (IV, 191 S. gr. 8.) M. 4. In: Literarisches Centralblatt, <abbr>Nr.</abbr> 47 vom 19.11.1881, <abbr>Sp.</abbr> 1601–1690: </note><rdg>Trüge dieses Buch nicht die Jahreszahl 1880 und wäre nicht ein einziges Mal (S. 69) Mill erwähnt, so könnte diese Abhandlung ebenso gut oder viel eher aus dem Anfang des Jahrhunderts stammen, als aus der unmittelbaren Gegenwart.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1712"><lem>„liebenswürdig“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die ausführliche Auseinandersetzung mit Vaihingers Rezension in: Julius Bergmann: Die Grundprobleme der Logik. Berlin: Mittler und Sohn 1882, <abbr>S.</abbr> III–VIII, Zitat auf <abbr>S.</abbr> VIII.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1713"><lem>wörtliche Concept meines Briefes</lem><note>nicht überliefert</note></app></listApp></back></text></TEI>