<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000275-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Alois Riehl</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>22.5.1883</date>, <note>4 S., hs., Briefentwurf</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 h, Nr. 4</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0275" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000275-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1883-05-22">22.5.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118650130">Aristoteles</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116209674">Emil Arnoldt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11653012X">Benno Erdmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116634995">Ernst Laas</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116649437">Georg von Gizycki</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11905938X">Hermann Bonitz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118789902">Hermann Paul</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117078654">Hubert Janitschek</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118554735">David Hume</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117256285">Karl Steinhart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1073448665">Moritz Heinze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118739603">Friedrich Paulsen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118594893">Plato</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118595164">Plotin</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118524844">René Descartes</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118614258">Christoph Sigwart</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616242">Baruch de Spinoza</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11863562X">Wilhelm Wundt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118636383">Eduard Zeller</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 h, Nr. 4</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Alois Riehl</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>22.5.1883</date>, <note>4 S., hs., Briefentwurf</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 h, Nr. 4</bibl></head></front><body><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1690"/>Str<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1690"/><add>[aßburg]</add> 22.V.83.</dateline><p>Verehrtester Herr Professor!</p><p>Erst heute komme ich im Drange der Arbeit und des Lebens dazu, Ihnen für Ihre freundliche Aufnahme während meines <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1691"/>Aufenthaltes in Freiburg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1691"/> meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Der Umgang mit Ihnen war in mehrfacher Hinsicht sehr belehrend und werthvoll; und die schönen mit Ihnen verlebten Stunden werde ich zu den angenehmsten dieser Art zählen.</p><p>Ich nehme mir zugleich die Freiheit, Ihnen die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1692"/>Abhandlung über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1693"/><name>Arnoldt</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1693"/><name/>–<name>Erdmann</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1692"/><name/> zu senden, deren Entstehung und Resultat ich Ihnen mitzu<pb/>theilen Gelegenheit hatte. Ich lege noch einige Kleinigkeiten aus älterer Zeit bei. Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1694"/>Anzeige des <name>Laas</name>schen Werkes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1694"/> ist im Jahre 1880 erschienen, 1879 geschrieben, als ich die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1695"/>Fortsetzung Ihres Werkes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1695"/> noch nicht in den Händen hatte; sonst hätte ich am Schlusse der Anzeige nicht sagen können, daß das <name>Laas</name>sche Werk das Einzige sei, das den deutschen Positivismus vertrete, den Sie in dem systematischen Theil Ihres <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1696"/>großen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1696"/> Werkes nun auch in durchaus selbständig gedachter Weise darstellen.</p><p>Wenn ich von meinen eigenen bescheidenen Versuchen nach diesen beiden Standardwerken reden darf, so möchte ich zu sagen wagen, daß ich die <hi rend="underline">positive, die kritische Methode</hi> <pb/> auch auf die <hi rend="underline">Auslegung</hi> <name>Kant</name>s anzuwenden den Anfang gemacht habe. Daß diese Methode nicht unmittelbar systematische Arbeit ist, schließt sie noch <hi rend="underline">nicht</hi> von den Aufgaben aus, welche schließlich doch die <hi rend="underline">Philosophie</hi> zu bearbeiten hat, und auch die so leicht mißverständliche Bezeichnung der <name>Kant</name>„<hi rend="underline">philologie</hi>“ darf nicht anders ausgelegt werden als so: <name>Kant</name> muß mit derselben Treue und Gewissenhaftigkeit erklärt werden, wie etwa <name>Plato</name> und <name>Aristoteles</name> durch <name>Zeller</name> und <name>Bonitz</name>, durch deren exacte Methode <abbr>z. B.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1697"/><name>Steinhart</name>s enthusiastische Behandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1697"/> abgelöst wurde. Dieselbe Forderung gilt auch für <name>Cartesius</name> und <name>Spinoza</name> <abbr>u. s. w.</abbr> und ist auch bei diesen schon mehr im Schwang als bei <name>Kant</name>. Daß diese Methode nicht blos geduldet, <pb/> auch nicht blos berechtigt, sondern jetzt <hi rend="underline">nothwendig gefordert</hi> sei, dies erkennen <abbr>z. B.</abbr> <name>Zeller</name>, <name>Wundt</name> und <name>Sigwart</name> rückhaltslos an. Daß sie auf wichtige, nicht blos nebensächliche Resultate führt (<abbr>z. B.</abbr> Causalitätsfrage, Verhältnis zu <name>Hume</name>, Methode <name>Kant</name>s) glaube ich allerdings evident gezeigt zu haben. Gewissenhafte Treue und ein unsäglich mühevoller Fleiß im Einzelnen schließt auch den Blick fürs Ganze keineswegs aus: und der Historiker ist noch nicht ohne Weiteres zu aller systematischen Production verdorben.</p><p>Bitte empfehlen Sie mich Ihren Herrn Collegen, die ich kennen lernte, insbes<add>[ondere]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1698"/>Herrn Professor <name>Paul</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1698"/><name/>.</p><p>In herzlicher inniger Verehrung Ihr dankbar ergebenster</p><signed>H Vaihinger.</signed><postscript><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1699"/><name>Janitschek</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1699"/><name/> hat einen Buben.</p></postscript></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1690"><lem>Str</lem><note>links daneben von Vaihingers <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>Riehl</rdg><note>, darunter mit Kugelschreiber von anderer <abbr>Hd.</abbr> (zur Verzeichnung an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen): </note><rdg>[<hi rend="underline">An</hi> Riehl]</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1691"><lem>Aufenthaltes in Freiburg</lem><note>nicht näher ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1693"><lem><name>Arnoldt</name></lem><rdg>Arnold</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1692"><lem>Abhandlung über <name>Arnoldt</name><name/>–<name>Erdmann</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Die Erdmann-Arnoldt’sche Kontroverse über Kant’s Prolegomena. In: Philosophische Monatshefte 16 (1880), S. 44–71, dazu ein Nachtrag. In: Dass., S. 209.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1694"><lem>Anzeige des <name>Laas</name>schen Werkes</lem><note>nicht zweifelsfrei ermittelt; womöglich in einer Tageszeitung. Die für 1880 ermittelten Besprechungen des ersten Teils von Ernst Laas: Idealismus und Positivismus (1879) in Zeitschriften, für die Vaihinger regelmäßiger rezensierte, stammen sämtliche nicht von Vaihinger: Literarisches Centralblatt (<name>Georg von Gizycki</name>), Vierteljahrschrift für wissenschaftliche Philosophie (<name>Moritz Heinze</name>), Deutsche Litteraturzeitung (<name>Alois Riehl</name> selbst). In Philosophische Monatshefte erschien 1880 keine Besprechung des Werkes. Die einzige Rezension über <name>Laas</name>’ Werk, die Vaihinger zugeschrieben werden kann (gezeichnet ***): Der Positivismus in Deutschland: Ernst Laas [Besprechung von Laas: Idealismus und Positivismus. Eine kritische Auseinandersetzung. 2 Teile 1879 <abbr>u.</abbr> 1882]. In: Kosmos 6 (1882/1883), Band 12 von Oktober 1882–März 1883, <abbr>S.</abbr> 364–369 (Heft ausgegeben am 25.2.1883), <abbr>vgl.</abbr> Bartholomäus von Carneri an Vaihinger vom 20.4.1883. – In: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 76 (1880) erschien nach <abbr>S.</abbr> 192 zu Ende des 1. Heftes folgende doppelseitige Verlagsanzeige (das Zeichen | markiert hier Absatz): </note><rdg>Verlag der Weidmannschen Buchhandlung in Berlin. | Idealismus und Positivismus. | Eine kritische Auseinandersetzung | von | Ernst Laas. | Erster, allgemeiner und grundlegender Theil. | (IV u. 275 S.) gr. 8. geh. 1879. 6 Mark. | Von der Voraussetzung ausgehend, dass die Geschichte der Philosophie keinen fundamentaleren Gegensatz aufzuweisen hat, als den zwischen Platons und seiner antiken und modernen Nachfolger sogenanntem Idealismus und dem Widerspiel desselben – für welches wohl am besten der Terminus Positivismus verwerthet werden kann – verfolgt der Autor diesen Gegensatz in die hervorragendsten und wissenschaftlich wichtigsten Verzweigungen und Fortbildungen: mögen sie die spiritualistische, absolutistische oder rationalistische Seite des Platonismus betreffen. Die Absicht ist, die Standpunkte sowohl prinzipiell und im Allgemeinen, wie auf dem Gebiete der Ethik und Wissenschaftstheorie sich auseinandersetzen zu lassen. Der Verfasser ist überzeugt: Einerseits, dass, je mehr man die zu Gunsten des Platonismus vorgebrachten Argumente und die hinter diesen treibenden Gefühle und Bedürfnisse auseinanderlegt und prüft, derselbe immer deutlicher als ein zwar psychologisch sehr wohl begreifliches und dem menschlichen Gemüthe auch jetzt noch in hohem Grade [Seitenwechsel] sympathisches Gebilde hervortritt, dass er in seinen typischen Hauptzügen aber schlechterdings der wissenschaftlichen Begründbarkeit ermangelt, ja mit Rücksicht auf gewisse praktische Folgen, die durch ihn zur Erscheinung gekommen sind, sogar als culturgefährlich bezeichnet werden muss. Andererseits, dass kein wissenschaftlich stichhaltiger Grund aufgefunden werden kann, der nöthigte, den sensualistischen und relativistischen Boden des Positivismus zu verlassen, dass insonderheit keines der dem gebildeten Menschengeiste werthvollen und unentbehrlichen Ideale gefährdet wird, wenn man die platonisch-romantische Flucht in ein vorgeblich „höheres“, unerfahrbares Sein von sich fern hält. | Die Arbeit ist auf drei Bände angelegt. Während dem zweiten und dritten die Aufgabe zugetheilt ist, die kritische Auseinandersetzung zwischen den beiderseitigen Prinzipien in das Gebiet der [gesperrt:] Ethik und Wissenschaftslehre [Sperrung Ende] zu verfolgen, behandelt der vorliegende erste Band unter Anknüpfung an Platons Theaetet und die in diesem Dialog an den sensualistischen, heraklitisirenden und relativistischen Lehren, welche daselbst unter dem Namen des Protagoras gehen, geübte Kritik [gesperrt:] die allgemeinen und prinzipiellen Charakterzüge des Gegensatzes. [Sperrung Ende] Unter den Platonikern – auch die es nur partiell sind, wurden berücksichtigt – kommen in erster Linie Aristoteles und Kant zur Besprechung; nächst ihnen Descartes, Leibnitz [!], Fichte, Schelling, Hegel, Herbart, Cousin, Hamilton u. A. Die philologisch-historischen Fragen, welche auf dem Wege liegen, wie z. B. die, inwieweit die Lehren, welche Platon bekämpft, wirklich protagoreischen Ursprungs seien, werden nur soweit erörtert, als es der philosophischen Aufgabe dienlich zu sein schien.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1695"><lem>Fortsetzung Ihres Werkes</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Riehl: Der philosophische Kriticismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft. 2 <abbr>Bde.</abbr> (in 3 Teilen) Leipzig: Wilhelm Engelmann 1876, 1879 <abbr>u.</abbr> 1887. <abbr>Bd.</abbr> 1: Geschichte und Methode des philosophischen Kriticismus. <abbr>Bd.</abbr> 2,1: Die sinnnlichen und logischen Grundlagen der Erkenntniss. <abbr>Bd.</abbr> 2,2: Zur Wissenschaftstheorie und Metaphysik.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1696"><lem>großen</lem><rdg>großes</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1697"><lem><name>Steinhart</name>s enthusiastische Behandlung</lem><note>die Rede ist von dem klassischen Philologen <name>Karl Steinhart</name> (1801–1872), zunächst im Schuldienst, seit 1866 ordentlicher Honorarprofessor an der Universität Halle-Wittenberg (<ref type="link">https://www.catalogus-professorum-halensis.de/steinhartkarl.html</ref> (7.8.2024)). <name>Plotin</name>forscher, <abbr>vgl.</abbr> <abbr>ADB</abbr>: </note><rdg>Seine Studien hatten sich anfangs besonders der neuplatonischen Philosophie zugewendet […]. Später wandte er sich mehr Platon selbst zu: 1843 erschienen die „Prolegomena ad Philebum“ und dann von 1850–1866 die Einleitungen zu den sämmtlichen platonischen Dialogen, welche der Uebersetzung von Hieronymus Müller […] beigegeben sind</rdg><note> (Richard Hoche in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), <abbr>S.</abbr> 711–712).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1698"><lem>Herrn Professor <name>Paul</name></lem><note>den Sprachwissenschaftler <name>Hermann Paul</name> (1846–1921), 1874 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Freiburg, 1877–1893 <abbr>o. Prof.</abbr>, danach in München (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1699"><lem><name>Janitschek</name></lem><note>der Kunsthistoriker <name>Hubert Janitschek</name>, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Bartholomäus von Carneri vom 1.12.1882. Kinder nicht ermittelt.</note></app></listApp></back></text></TEI>