<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000267-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Bartholomäus von Carneri</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>2.5.1883</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178309</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0267" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000267-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1883-05-02">2.5.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118608746">Erich Schmidt</name><name>streichen!</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118627724">Johannes Volkelt</name></note><note type="repository">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178309</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Bartholomäus von Carneri</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>2.5.1883</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178309</bibl></head></front><body><anchor type="delimiter"/><dateline>Straßburg 2.V.83.</dateline><salute>Hochverehrter Herr!</salute><p>Wegen der beim Beginne eines Semesters sich häufenden Arbeit habe ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1635"/>in<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1635"/> den letzten Tagen die oesterr<add>[eichischen]</add> Zeitungen nicht mehr in extenso verfolgt, ich habe aber gelesen, was der Ausgang des großen Kampfes um die Schule war: Man sieht wieder in diesem Falle, wie die an sich vernünftige Institution des Parlaments gelegentlich auch zum größten Fluche gereichen kann. Es war ein wahrer Riesenkampf. Mit höchstem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1636"/>Interesse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1636"/> haben wir hier <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1637"/>Ihre Rede<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1637"/> gelesen, welche Sie mir zuzusenden <pb/> die Güte hatten. Sie war entschieden ein Muster an Klarheit, Schärfe und Wucht. Auch Professor <name>Schmidt</name> war sehr entzückt von ihr.</p><p>Überall erfüllt der Gang der öffentlichen Angelegenheiten, bes<add>[onders]</add> in den Parlamenten den Freund der Wahrheit und Gerechtigkeit mit tiefster Trauer. Ich nehme keine Zeitung in die Hand, ohne mich zu fragen, welche Gemeinheit werde ich wieder zu lesen bekommen? Und das gilt ebenso von unserem kleinen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1638"/>elsaß lothringischen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1638"/> Landesausschusse als vom deutschen, französischen Parlament. <pb/></p><p>Ich möchte noch nicht glauben, daß der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1639"/>Sturz des jetzigen Ministeriums<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1639"/> eine nothwendige Bedingung meiner Berufung nach Graz ist; wenigstens entnehme ich das den übrigen mir zugegangenen Nachrichten nicht. Auch scheint ja der Cultusminister <hi rend="underline">persönlich</hi> nicht allem Deutschen abhold, und außerdem scheint er doch eine Art Schaukelsystem zu verfolgen. Warum sollte da die Schaukel nicht auch einmal zu mir herüber kommen? Vielleicht hat er jetzt, nach dem conservativen Siege, auch einmal eine liberalere Anwandlung. Halten Sie das nicht für möglich? Möchten Sie mir diese <pb/> Hoffnung nicht rauben, sie wäre nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1640"/>durch eine entgegengesetzte Nachricht zu<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1640"/> zerstören. <name>Conrad</name> hat ja auch seinerzeit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1641"/><name>Erich Schmidt</name> berufen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1641"/>, warum sollte er mich nicht berufen?</p><p>Ich war auch jüngst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1642"/>in Basel vorgeschlagen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1642"/>; und erst <hi rend="underline">nach</hi> mir <name>Volkelt</name> in Jena. Nun wurde aber <name>Volkelt</name> hinberufen, <hi rend="underline">weil er schon Extraordinarius ist.</hi> Warum ich es noch nicht bin, habe ich Ihnen wohl <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1643"/>früher mitgetheilt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1643"/>.</p><p>Edle Welt! Ihr Grundsatz ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1644"/>„Wer da hat, dem wird gegeben, und wer da nicht hat, dem wird auch das Wenige, das er hat, genommen.“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1644"/></p><p>In herzlicher Verehrung Ihr ergebenster</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1645"/>H. Vaihinger.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1645"/></signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1635"><lem>in</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1636"><lem>Interesse</lem><note>doppeltes s mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1637"><lem>Ihre Rede</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 20.4.1883</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1638"><lem>elsaß lothringischen</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1639"><lem>Sturz des jetzigen Ministeriums</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 20.4.1883</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1640"><lem>durch eine entgegengesetzte Nachricht zu</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1641"><lem><name>Erich Schmidt</name> berufen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Entwurf zu Vaihinger an Bartholomäus von Carneri vom 11.12.1882. Die Rede ist von dem Germanisten und Literaturhistoriker <name>Erich Schmidt</name> (1853–1913), nach Studium in Graz, Jena und Straßburg 1874 in Straßburg promoviert, 1875 in Würzburg habilitiert. 1877–1880 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Straßburg, 1880 <abbr>ao. Prof.</abbr> Wien, 1881 <abbr>o. Prof.</abbr> 1885 Direktor des neu begründeten Goethe-Archivs in Weimar, 1887 <abbr>o. Prof.</abbr> in Berlin (Dekan 1899/1900, Rektor 1909/1910; <abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1642"><lem>in Basel vorgeschlagen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Schreiben Hermann Siebecks an Vaihinger sowie Vaihinger an Eduard Zeller vom 28.1. <abbr>u.</abbr> 16.3.1883 sowie Vaihinger an Friedrich Zarncke vom 17.4. <abbr>u.</abbr> 6.5.1883.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1643"><lem>früher mitgetheilt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Carneri vom 1.12.1882</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1644"><lem>„Wer … genommen.“</lem><note> nach Matthäus 25,29: </note><rdg>Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1645"><lem>H. Vaihinger.</lem><note>gegenüber am linken Rand von Vaihingers <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>In Eile.</rdg></app></listApp></back></text></TEI>