<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000258-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wien</placeName>, <date>20.4.1883</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 12</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0258" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000258-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName><placeName>Wien</placeName><date when="1883-04-20">20.4.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118544381">Ernst Haeckel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116634995">Ernst Laas</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116764694">Friedrich Goltz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116015780">Fritz Karl Julius August Schultze</name><name>streichen!</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610465">Arthur Schopenhauer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116015780">Fritz Schultze</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 12</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wien</placeName>, <date>20.4.1883</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 12</bibl></head></front><body><dateline>Wien, 20. April 1883.</dateline><salute>Hochverehrter Herr!</salute><p>Heute erst, und auch heute nur in flüchtigster Weise kann ich Ihnen für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1578"/>Ihre zwei Briefe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1578"/> danken. Seien Sie überzeugt, daß an dieser Saumseligkeit nur die rasende Hetze Schuld ist, in der ich lebe. Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1579"/>Schulgesetz-Novelle<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1579"/> nimmt uns alle vollauf in Anspruch. Es kann sein, daß es sich bei der entscheidenden Abstimmung (dritte Lesung) nur um 2–3 Stimmen handelt; die Sache steht auf der Schneide. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber nicht ganz unmöglich, daß wir durchdringen, und das wäre nicht nur eine Niederlage der Regierung, sondern der nun am Ruder befindlichen Partei. Indirect arbeite ich da auch für Sie, denn ein Regierungswechsel ist die erste Bedingung zu Ihrer <pb/> Ernennung.</p><p>Damit Sie die Rede, die ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1580"/>vorigen Dienstag<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1580"/> gehalten habe, genau wie ich sie gehalten habe lesen, sende ich Ihnen das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1581"/>stenographische Protokoll<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1581"/>. In den Zeitungen – sie erschien nahezu ganz <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1582"/>in den Abendblättern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1582"/> des selben <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1583"/>Tages<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1583"/> und bei solcher Schnelligkeit kann man nicht mehr fordern – ist manches gekürzt und etwas anders gegeben. Seien Sie so gütig, sie den Herren Professoren <name>Schmidt</name> <abbr>u.</abbr> <name>Goltz</name> bei Gelegenheit mitzutheilen, und sie mir ja nicht zurückzuschicken.</p><p>Ihr Urtheil über meine Aufsätze ist mir unendlich werthvoll und ermuthigend. Wie gerne würde ich mich eingehender darüber aussprechen, aber ich muß schon an’s Schließen denken. Daß ich kein <name>Schopenhauer</name>ianer bin, hätte ich unserem Finanz- und Sprachminister diesmal auch gesagt, aber es hätte mich zu weit geführt.</p><p><name>Laas</name> kenne und bewundere ich, nur <pb/> geht er mir in seinen Schlußfolgerungen zu weit. So sehr haben wir die Zukunft der Menschheit nicht in der Hand, um in so bestimmter Form ihr Ziele zu setzen. Ich glaube, daß dies bei <name>Laas</name> daherrührt, daß er die Frage der Willensfreiheit nicht in den Vordergrund stellt und das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1584"/>Vorhandensein eines Verdienstes<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1584"/> im eigentlichen Sinne nicht entschieden bestreitet. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1585"/>Ihre Besprechung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1585"/>, die ich schon aus dem Kosmos kannte <abbr>u.</abbr> für deren Zusendung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1586"/>ich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1586"/> Ihnen darum nicht weniger danke, ist vortrefflich. Wie enttäuscht war ich dagegen von <name>Fritz Schultze</name>’s zwei dicken, hin <abbr>u.</abbr> wieder rein berückenden, aber doch schließlich nur auf Täuschung angelegten Bänden: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1587"/>Philosophie der Naturwissenschaft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1587"/>!</p><p>Ihre Angelegenheit verliere ich gewiß nicht aus den Augen; allein solang die Situation sich nicht ändert, bin ich ohnmächtig. Bleiben Sie nur gesund! Über das Glück, das zum Glücklichsein nothwendig ist, haben Sie ein nur zu wahres Wort gesprochen. Wie viel hätte Ihnen noch zu sagen Ihr aufrichtig ergebener</p><signed>B. Carneri</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1578"><lem>Ihre zwei Briefe</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Carneri vom 4.3. <abbr>u.</abbr> 8.4.1883</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1579"><lem>Schulgesetz-Novelle</lem><note><abbr>vgl</abbr>. <abbr>o. A.</abbr>: Das Volksschulgesetz im Abgeordnetenhause des österreichischen Reichsrathes während der Apriltage 1883. Amberg: Habbel 1883.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1580"><lem>vorigen Dienstag</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1581"><lem>stenographische Protokoll</lem><note>in der Generealdebatte über die Schulgesetznovelle in der 297. Sitzung vom 17.4.1883, <abbr>S.</abbr> 10207–10211 in: Stenographische Protokolle über die Sitzungen des Hauses der Abgeordneten des österreichischen Reichsrathes. IX. Session. X. <abbr>Bd.</abbr> 290. bis 314. Sitzung (<abbr>S.</abbr> 9933 bis 10936). Wien: Hof und Staatsdruckerei 1883.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1582"><lem>in den Abendblättern</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <abbr>z. B.</abbr> Die Presse (Wien), <abbr>Nr.</abbr> 104 vom 17.4.1883, Abendblatt, <abbr>S.</abbr> 2; Neue Freie Presse, <abbr>Nr.</abbr> 6694 vom 17.4.1883, Abendblatt, <abbr>S.</abbr> 2 (via <ref type="link">https://anno.onb.ac.at</ref> (7.8.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1583"><lem>Tages</lem><rdg>Tage</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1584"><lem>Vorhandensein eines Verdienstes</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 2.6. <abbr>u.</abbr> 11.9.1885 sowie vom 6.1.1886.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1585"><lem>Ihre Besprechung</lem><note>gestattet die Zuschreibung des mit *** gezeichneten Artikels: Der Positivismus in Deutschland: Ernst Laas [Besprechung von Laas: Idealismus und Positivismus. Eine kritische Auseinandersetzung. 2 Teile 1879 <abbr>u.</abbr> 1882]. In: Kosmos 6 (1882/183), Band 12 von Oktober 1882–März 1883, <abbr>S.</abbr> 364–369, an Vaihinger. Heft ausgegeben am 25.2.1883.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1586"><lem>ich</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1587"><lem>Philosophie der Naturwissenschaft</lem><note>über die beiden <abbr>Bde.</abbr> von <name>Schultze</name>s Werk erschienen Rezensionen in Kosmos 5 (1881/1882), 10. <abbr>Bd.</abbr> von Oktober 1881–März 1882, <abbr>S.</abbr> 236–237 (Heft ausgegeben am 10.12.1881) sowie in Kosmos 6 (1882), 11. <abbr>Bd.</abbr> von April–September, <abbr>S.</abbr> 151–153 (Heft ausgegeben 5.5.1882), jeweils ungezeichnet. <name>Carneri</name> setzte sich ausführlich mit <name>Schultze</name> auseinander in: Das Ansich der Dinge. In: Kosmos 7 (1883), 13. <abbr>Bd.</abbr> von April–Dezember, <abbr>S.</abbr> 561–573. <abbr>Vgl.</abbr> darüber auch Carneri an <name>Ernst Haeckel</name> vom 22.7.1883 und vom 19.1.1884 (Bartholomäus von Carneri’s Briefwechsel mit Ernst Haeckel und Friedrich Jodl. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Margarete Jodl. Leipzig: K. F. Koehler 1922, <abbr>S.</abbr> 27 <abbr>u.</abbr> 32–33).</note></app></listApp></back></text></TEI>