<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000232-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Zarncke</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>20.1.1883</date>, <note>7 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Zarncke, NL 249/1/V/42</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0232" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000232-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1883-01-20">20.1.1883</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11913702X">Friedrich Zarncke</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118601261">Albrecht Ritschl</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/102029032">Carl von Gareis</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116414545">Ernst Bratuscheck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11667461X">Max Heinze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11733829X">Hermann Siebeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116798181">Johannes Gottschick</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11863562X">Wilhelm Wundt</name></note><note type="repository">Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Zarncke, NL 249/1/V/42</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Friedrich Zarncke</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>20.1.1883</date>,<anchor type="delimiter"/> <note>7 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Zarncke, NL 249/1/V/42</bibl></head></front><body><dateline>Straßburg 20.I.83.</dateline><salute>Hochzuverehrender Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1278"/>Professor!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1278"/></salute><p>Ihre freundlichen Gesinnungen gegen mich ermuthigen mich zu einer Bitte, durch deren Erfüllung Sie mich sehr beglücken würden. Wie Sie wahrscheinlich schon wissen, ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1279"/>Professor <name>Bratuscheck</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1279"/><name/> in Gießen gestorben. Meine ergebenste Bitte geht dahin, Sie möchten die große Güte haben, Ihre einflußreiche Stimme daselbst geltend zu machen. Wenn ich es wage, um diese Stelle zu concurriren, so glaube ich darauf hinweisen zu dürfen, daß ich <pb/> schon mehrfach in Vorschlag gekommen bin, zweimal als Extraordinarius (<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1280"/>in Würzburg und in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1281"/>Halle<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1280"/>),<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1281"/> und zweimal als Ordinarius (<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1282"/>in Königsberg und in Graz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1282"/>).</p><p>Sollten Sie, hochverehrter Herr Professor, in der Lage sein, meiner ganz ergebensten Bitte Berücksichtigung zu schenken, so würde ich mir erlauben, darauf aufmerksam zu machen, daß ich nunmehr eine 6 jährige academische Wirksamkeit hinter mir habe. Leider besteht hier in Straßburg eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1283"/>principielle Abneigung gegen Ernennung der Privatdocenten zu Extraordinarien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1283"/>: bloße Titular-Extraordinariate gibt es überhaupt nicht; und ebensowenig ist es Usus, ältere <pb/> Privatdocenten wie in Preußen mit einem mäßigen Gehalt zu Extraordinarien zu ernennen, wenn nicht eine etatmäßige Stelle dazu frei ist. Die philos<add>[ophische]</add> Facultät hat im vergangenen Sommer, um mir endlich eine feste Stellung zu verschaffen, die Gründung eines Extraordinariats für Philosophie beantragt, allein die Geldnoth hier (bes<add>[onders]</add> infolge der 3 Millionen welche <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1284"/>die Tabaksmanufactur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1284"/> verschlungen hat) ist so groß, daß an allen Ecken und Enden gespart werden muß; daher der Herr Curator, der mir sonst sehr günstig gesinnt ist, aber auch in diesem Punkte der allgemeinen Ordre, zu sparen, folgen mußte. <pb/></p><p>So weit ich bis jetzt die Situation in Gießen übersehe, dürfte sich mir eine allerdings nicht unbeträchtliche Schwierigkeit erheben: in die theolog<add>[ische]</add> Facultät wurde vor einem halben Jahre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1285"/>Herr <name>Gottschick</name> aus Magdeburg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1285"/> berufen, welcher der Einzige gewesen ist, der sich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1286"/>über meine <name>Kant</name>arbeit mißfällig geäußert<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1286"/> hat. Die Erklärung davon ist folgende: <name>Gottschick</name> gehört wie die ganze Gießener theologische Facultät zur liberalen <name>Ritschl</name>’schen Schule, welche auf <name>Kant</name>ischer Grundlage ruht. Bei Einigen dieser <name>Kant</name>ischen Theologen, denen ich selbst, als <name>Kant</name>ianer im weiteren Sinne, durchaus nahe stehe, <pb/> geht jedoch dieser Anschluß an <name>Kant</name> so weit, daß eine <name>Kant</name>ische Orthodoxie sich herausgebildet hat, welche sich dann seltsamerweise mit theologischem Liberalismus sich verbindet. Da ich nun an <name>Kant</name> objective, jedoch nur immanente Kritik übe, so ist im Lager dieser <name>Kant</name>ischen Orthodoxen eine ungünstige Strömung gegen mich. Jedoch geht nur <name>Gottschick</name> so weit, in der Orthodoxie; die übrigen Mitglieder der Facultät haben wohl eine freiere Auffassung und würden wohl die Überzeugung generiren können, daß für liberale Theologie ein <name>Kant</name>ianer, wenn er auch nicht auf <name>Kant</name>s Worte schwört, nur willkommen sein kann. Ich weiß zwar nicht, wie die theolog<add>[ische]</add> Facultät sich zur philos<add>[ophischen]</add> <pb/> Facultät in Gießen stellt. Aber beim Mangel eines philos<add>[ophischen]</add> Fachmannes – <name>Bratuscheck</name> war der Einzige – wird man wohl geneigt sein, auch theologische Urtheile zu hören; und <name>Gottschick</name> gerade <hi rend="underline">gilt</hi> als ein <name>Kant</name>kenner, ist es aber meiner Ansicht nach keineswegs im streng objectiv wissenschaftlichen Sinne.</p><p>Sollten Sie also, hochverehrter Herr Professor, Gelegenheit haben, diese Sachlage einem Mitgliede der Gießener philosophischen oder gar theologischen Facultät <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1287"/>darlegen zu können<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1287"/>, so wäre ich Ihnen zum tiefsten Danke verpflichtet, wenn Sie mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1288"/>Ihre Fürsprache<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1288"/> gewähren wollten. <pb/></p><p>Über meine philosophische Stellung werden Ihre Herren Collegen <name>Wundt</name> und <name>Heinze</name> wohl etwaige Auskunft zu geben die Güte haben.</p><p>Indem ich mir, hochverehrter Herr Professor, die Freiheit nicht zu verübeln bitte, mit der ich es wagte, Ihnen meine Bitte offen vorzutragen, empfehle ich mich Ihrem gütigen Wohlwollen aufs angelegentlichste.</p><p>In aufrichtiger Verehrung <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren ganz ergebenster</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1278"><lem>Professor!</lem><note>danach 2 Zeilen frei gelassen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1279"><lem>Professor <name>Bratuscheck</name></lem><note><name>Ernst Bratuschek</name> (die Schreibung Bratuscheck ist ebenfalls gebucht) verstarb am 15.1.1883. Zu seinem Nachfolger wurde <name>Hermann Siebeck</name> berufen, vgl. Vaihinger an Eduard Zeller vom 28.1.1883 sowie an Zarncke vom 14.3.1883.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1280"><lem>in Würzburg und in Halle</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard Zeller vom 10.6.1882 und vom 13.11.1882.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1281"><lem>Halle),</lem><rdg>Halle,)</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1282"><lem>in Königsberg und in Graz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard Zeller vom 10.6.1882, an Zarncke vom 17.4.1883 sowie an Zeller vom 13.11.1882 und an Bartholomäus von Carneri vom 17.11.1882.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1283"><lem>principielle Abneigung gegen Ernennung der Privatdocenten zu Extraordinarien</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard Zeller vom 10.6.1882</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1284"><lem>die Tabaksmanufactur</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Eduard Zeller vom 13.11.1882</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1285"><lem>Herr <name>Gottschick</name> aus Magdeburg</lem><note><name>Johannes Gottschick</name> (1847–1907), evangelischer Theologe, Schüler von <name>Albrecht Ritschl</name> (1822–1889). Nach dem Studium 1870–1882 als Gymnasiallehrer in Halle, Wernigerode, Torgau und Magdeburg tätig. 1882 <abbr>Prof.</abbr> in Gießen, 1892 in Tübingen (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1286"><lem>über meine <name>Kant</name>arbeit mißfällig geäußert</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Rezension <name>Gottschick</name>s über Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, Bd. 1 (1881) von Johannes Gottschick in: Theologische Literaturzeitung 9 (1884), S. 20–22.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1287"><lem>darlegen zu können</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Zarncke vom 28.1.1883; Näheres nicht ermittelt.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1288"><lem>Ihre Fürsprache</lem><note>nicht ermittelt. <abbr>Vgl.</abbr> das in der Bremer Briefsammlung Vaihingers (Aut.</note><rdg> </rdg><note>XXII, 1</note><rdg> </rdg><note>b) überlieferte Schreiben des Gießener Juristen <name>Carl von Gareis</name> (1844–1923; 1884–1888 Kanzler der Universität Gießen, <ref type="link">https://www.lagis-hessen.de/pnd/102029032</ref> (6.8.2024)) an einen nicht genannten Adressaten, der sich offenbar für Vaihinger ausgesprochen hatte: </note><rdg>Hochgeehrter Herr College! Auf Herrn Dr. Vaihinger ist die Commission, welche an der philosoph[ischen] Facultät zur Vorbereitung der philosophischen Frage ernannt ward, aufmerksam gemacht und vertritt namentlich ein Mitglied derselben diese Candidatur sehr energisch. Vaihinger ist | übrigens von sehr vielen Seiten hier empfohlen, so daß eine weitere Mittheilung nicht erforderlich ist. Aber es ist hier absolut nicht vorauszusagen, wie die Beschlüsse im Senat ausfallen. Wenn eine Candidatur von der einen Hälfte der Herrn Collegen aufgeworfen wird, so kann es – im Vertrauen gesagt – kommen, wie bei der Rectorswahl im vorigen Juli: dabei stimmte <hi rend="underline">genau</hi> die Hälfte der Collegen in <hi rend="underline">allen</hi> Wahlgängen | für mich, die andere Hälfte für Stade; für letzteren entschied schließlich das Loos und so wurde Stade Rector, nicht ich! – Ich nehme an, daß es Ihrer ganzen verehrten Familie recht wohl geht und bitte mich Ihrer Frau Gemahlin vielmals zu empfehlen. Mit hochachtungsvollstem Gruße Ihr ergebenster Gareis. Giesen [!] 7.2.83.</rdg></app></listApp></back></text></TEI>