<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000213-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Bartholomäus von Carneri</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>17.11.1882</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178303</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0213" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000213-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Straßburg</placeName><date when="1882-11-17">17.11.1882</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118580213">Alexius von Meinong</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116048727">Benno Ritter von David</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116634995">Ernst Laas</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116764694">Friedrich Goltz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/14372987X">Josef von Fiedler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118580213">Alexius Meinong</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118600826">Alois Riehl</name><name>streichen!</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118633635">Wilhelm Windelband</name></note><note type="repository">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178303</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Bartholomäus von Carneri</persName>, <placeName type="sent">Straßburg</placeName>, <date>17.11.1882</date><anchor type="delimiter"/>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178303</bibl></head></front><body><dateline>Straßburg <hi rend="superscript">i</hi>/E 17. Nov<add>[ember]</add> 1882</dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1095"/>Hochzuverehrender Herr!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1095"/></salute><p>Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1096"/>Professor <name>Goltz</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1096"/><name/>, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1097"/>dessen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1097"/> physiologischen Experimenten ich beiwohne, hat mir Ihren freundlichen Gruß bestellt. Dies ermuthigt mich zu der Bitte, Sie möchten mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1098"/>Ihren neuen Aufsatz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1098"/> im Kosmos „über das Bewußtsein als Zusammenfassung zum Ganzen“ gütigst übersenden, falls Sie noch Separatabzüge desselben besitzen. Meine Verhältnisse erlauben es mir nicht, mir den Kosmos zu halten und so möge Ihnen meine Bitte nicht unbescheiden erscheinen. Herr <abbr>Prof.</abbr> <name>Goltz</name> hat sich sehr anerkennend über Ihren Aufsatz ausgesprochen, und mich auf dessen Lectüre begierig gemacht. <pb/></p><p>Mit dieser Bitte verbinde ich eine andre, weit größere. Wie Ihnen bekannt ist, ist in Graz durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1099"/>Wegberufung des Herrn <abbr>Prof.</abbr> <name>Riehl</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1099"/><name/> eine Professur freigeworden, welche durch Berufung des Herrn D<hi rend="superscript">r</hi> v <name>Meinong</name> zum Extraordinarius <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1100"/><hi rend="underline">nicht</hi> ersetzt worden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1100"/> ist. Es ist seitens meiner Freunde, auch Herrn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1101"/>Professor <name>Schmidt</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1101"/><name/> viel dafür geschehen, daß ich für die erledigte Stellung in Vorschlag komme, und Herr Professor <name>Riehl</name> selbst hat sich in edelster Weise für mich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1102"/>energisch verwendet<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1102"/>. Doch ist die Sache noch im Schweben und ein definitiver Facultätsbeschluß ist noch nicht erfolgt. Sollten Sie ein Mitglied der Facultät näher kennen, so würde ich mir die ganz ergebenste Bitte erlauben, Sie möchten die besondre Güte haben, sich zu meinen Gunsten zu verwenden; denn es kommt, wenn der Facultätsbeschluß überhaupt Erfolg haben soll, für mich wesentlich darauf an, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1103"/>als <hi rend="underline">Erster</hi> in Vorschlag<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1103"/> zu kommen. Dann würde <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1104"/>sich die<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1104"/> Regirung eher entschließen, einen Ausländer zu berufen, was ja unter den gegenwärtigen <pb/> politischen Verhältnissen mit besondren Schwierigkeiten verbunden ist. Doch würde man die maßgebenden Persönlichkeiten, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1105"/>Ritter von <hi rend="underline"><name>David</name></hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1105"/><hi rend="underline"><name/></hi>, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1106"/><hi rend="underline"><name>Fiedler</name></hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1106"/><hi rend="underline"><name/></hi>, und Minister <hi rend="underline">v. <name>Conrad</name></hi> eher dazu bringen können, wenn ich in erster Linie vorgeschlagen wäre.</p><p>Mit wahrer Begeisterung erfasse ich den Gedanken, in Oesterreich wirken zu können, das mir ohnedieß als Süddeutschem verwandt ist. Hier in Straßburg liegt meine Kraft brach, da wir zwei tüchtige Kräfte haben in <name>Laas</name> und <name>Windelband</name>. Und im übrigen Deutschland ist eine mächtige Concurrenz, bei welcher nicht immer das Beste im Kampf ums Dasein siegt. Ich war schon mehrfach vorgeschlagen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1107"/>so auch für Königsberg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1107"/>, aber immer hat bisher ein andrer gesiegt. Diesmal bleibe ich mit einem Schimmer von Hoffnung auf das Kommende, ohne mir selbst, im Falle eines ersten Vorschlages durch die Facultät, die Schwierigkeiten <pb/> in Wien zu verhehlen, wo man gegen einen Deutschen und Protestanten wohl viel einwenden wird. Welche Mittel wohl da die sichersten wären um zum Ziele zu gelangen?</p><p>Als ein ganz besondres Glück würde ich es betrachten, in Ihnen als einem Gesinnungsgenossen zugleich einen Nachbar zu finden, zumal mich mein Beruf dann veranlassen würde, das von Ihnen mit Vorliebe gepflegte Fach der Ethik jeden Winter zu lesen; ich habe mich neuerdings eingehender damit befasst, und würde mir es als einen hohen Genuß denken, mit Ihnen das Gebiet mündlich zu besprechen und so in unmittelbaren Gedankenaustausch zu treten.</p><p>Möchten Sie in meiner vertrauensvollen Bitte zugleich den Ausdruck der herzlichen Verehrung finden, mit der ich zeichne als <abbr>Ew.</abbr> Hochwohlgeboren aufrichtig ergebenster</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1095"><lem>Hochzuverehrender Herr!</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den zugehörigen Entwurf (Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 8 h, <abbr>Nr.</abbr> 1, 3 <abbr>S.</abbr>): </note><rdg>Straßburg 17 Nov. 1882 Hochgeehrter Herr!</rdg><note> </note><rdg>[</rdg><note>darüber von Vaihingers Hd.: <hi rend="underline"><rdg>Carneri</rdg></hi>, davor: </note><rdg>[<hi rend="underline">An</hi>]:</rdg><note> (mit Kugelschreiber, anlässlich der Verzeichnung für die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).</note><rdg>]</rdg><note> </note><rdg>Herr Professor Goltz hier, an deßen physiologischen Experimenten ich theilnehme, hat mir Ihren freundlichen Gruß bestellt. Dies ermuthigt mich zu der Bitte Sie möchten mir Ihren Aufsatz im Kosmos über das Bewußtsein als Zusammenfassung zum Ganzen gütigst übersenden, falls Sie noch Separatabzüge deßelben besitzen. Meine Verhältnisse erlauben es mir leider nicht, mir den Kosmos zu halten, und so möge Ihnen meine Bitte nicht | als eine unpaßende erscheinen. Herr Professor Goltz hat sich über Ihren Aufsatz äußerst anerkennend ausgesprochen und mich darauf begierig gemacht, denselben kennen zu lernen.</rdg><note> </note><rdg>[</rdg><note>Absatz</note><rdg>]</rdg><note> </note><rdg>Mit dieser Bitte verbinde ich noch eine andre, weit größere. Wie Ihnen bekannt ist, ist in Graz durch Wegberufung des Herrn Professor Riehl eine Professur freigeworden. Es ist seitens meiner Freunde viel dafür geschehen daß ich für dieselbe in Vorschlag komme und Herr Professor Riehl selbst hat sich in edelster Weise für mich verwendet, wofür ich ihm stets aufs innigste verbunden sein werde. Die Sache ist jedoch noch in Schwebe und ein definitiver Facultätsbeschluß ist noch nicht erfolgt. Sollten Sie ein Mitglied der Facultät (welcher | Riehl, der nunmehr in Freiburg ist, nicht mehr angehört) näher kennen, so würde ich mir die ergebenste Bitte erlauben, Sie möchten die Güte haben, sich zu meinen Gunsten zu verwenden; denn es kommt wenn überhaupt der Facultätsvorschlag Erfolg haben soll, für mich wesentlich darauf an, als Erster in den Vorschlag zu kommen.</rdg><note> </note><rdg>[</rdg><note>Absatz</note><rdg>]</rdg><note> </note><rdg>Mit Begeisterung erfaße ich den Gedanken, in Oesterreich wirken zu können, das mir ohnedieß als Süddeutschem näher liegt als Preußen. Hier dagegen liegt meine Kraft fast brach, da wir in Laas und Windelband zwei kräftige Vertreter des Faches haben. Und in Deutschland ist eine Concurrenz bei welcher nicht immer das Beste siegt. Als ein | ganz besonderes Glück würde ich es betrachten, in Ihnen, einem Gesinnungsgenossen, einen Nachbar zu finden, zumal mich mein Beruf dann ganz besonders auf das von Ihnen gepflegte Gebiet der Ethik führen würde, das ich seit einiger Zeit eingehender betreibe und das mit Ihnen mündlich durchzusprechen, mir ein ganz besonders belehrender Gedankenaustausch wäre.</rdg><note> </note><rdg>[</rdg><note>Absatz</note><rdg>]</rdg><note> </note><rdg>Möchten Sie in meiner vertrauensvollen Bitte zugleich das Zeichen der vorzüglichen Verehrung erblicken, mit der ich zeichne als Ew. Hochwohlgeboren ganz ergebenster H. Vaihinger.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1096"><lem>Professor <name>Goltz</name></lem><note>Friedrich Goltz (1834–1902), Physiologe, 1853–1857 Studium in Königsberg, 1862 dort Privatdozent, 1865 ao. Prof., 1870 o. Prof. in Halle, 1872 in Straßburg (WBIS).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1097"><lem>dessen</lem><note>doppeltes s hier und im Folgenden mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1098"><lem>Ihren neuen Aufsatz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri: Der Begriff des Ganzen. In: Kosmos 6 (1882), <abbr>Bd.</abbr> 12 von Oktober 1882–März 1883, <abbr>S.</abbr> 1–15, Heft ausgegeben am 20.10.1882 (Carneri datiert seinen Aufsatz: </note><rdg>Wildhaus, 26. Juli 1882</rdg><note>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1099"><lem>Wegberufung des Herrn <abbr>Prof.</abbr> <name>Riehl</name></lem><note>nach Freiburg im Breisgau</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1100"><lem><hi rend="underline">nicht</hi> ersetzt worden</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Alois Riehl an Vaihinger vom 27.10.1882</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1101"><lem>Professor <name>Schmidt</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Carneri vom 12.11.1878</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1102"><lem>energisch verwendet</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Alois Riehl an Vaihinger vom 9.8.1882, 27.10.1882 <abbr>u.</abbr> 10.1.1883.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1103"><lem>als <hi rend="underline">Erster</hi> in Vorschlag</lem><note>Vaihinger stand als erster auf der Liste, eine Berufung erging jedoch nicht, <abbr>vgl.</abbr> die weitere Korrespondenz mit <name>Carneri</name>. <name>Alexius Meinong</name> wurde 1882 <abbr>ao. Prof.</abbr> in Graz, 1889 <abbr>o. Prof.</abbr> (<abbr>BEdPh</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1104"><lem>sich die</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1105"><lem>Ritter von <hi rend="underline"><name>David</name></hi></lem><note>vgl. Carneri an Vaihinger vom 6.2.1883</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1106"><lem><hi rend="underline"><name>Fiedler</name></hi></lem><note>vgl. Carneri an Vaihinger vom 20.11.1882</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1107"><lem>so auch für Königsberg</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Zeller vom 10.6.1882 sowie an Eduard Zarncke vom 17.4.1883 (20.1.1883).</note></app></listApp></back></text></TEI>