<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000132-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Benno Erdmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Kiel</placeName>, <date>1.2.1880</date>, <note>6 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 m, Nr. 1</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0132" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000132-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11653012X">Benno Erdmann</persName><placeName>Kiel</placeName><date when="1880-02-01">1.2.1880</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/139125779">Désiré Nolen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116209674">Emil Arnoldt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117416096">Franz Sintenis</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116722282">Carl Göring</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11854523X">Johann Georg Hamann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119225190">Johann Friedrich Schultz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116403187">Rudolf Reicke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119331586">Hermann Ulrici</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118627724">Johannes Volkelt</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 m, Nr. 1</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Benno Erdmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Kiel</placeName>, <date>1.2.1880</date>, <note>6 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 m, Nr. 1</bibl></head></front><body><dateline>Kiel, Niemannsweg 25</dateline><dateline>½ 80</dateline><salute>Sehr geehrter Herr <abbr>Dr.</abbr>,</salute><p>Erst heut fand ich Gelegenheit, die neu erschienenen Hefte der philos<add>[ophischen]</add> Zeitschriften durchzusehen, und erst diese Durchsicht machte mich auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-659"/>Ihre Besprechung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-659"/> der <name>Arnoldt</name>schen Abhandlung aufmerksam. Sie haben mich durch diese ebenso sorgsame als klare Erörterung zu aufrichtigem Danke verbunden, zu um so größerem, als ich die Bedenken wol zu schätzen weiß, die einen dritten leicht abhalten können, in einen Streit einzutreten, der von persönlich gehässiger Form der Polemik nicht frei geblieben ist.</p><p>Ich habe bisher mit aller Absicht trotz mancher directen Aufforderung geschwiegen; denn mir schien nach eingehender Prüfung, dass Arn<add>[oldts]</add> Angriff mich durch seinen <pb/> sachlichen Inhalt jeder Antwort überhebe, so dass die Anmaßung und die persönlich verdächtigende Form seines Auftretens sich selbst richte.</p><p>Nur in einem Fall würde ich diese Zurückhaltung aufgegeben haben, wenn nämlich ein Autor, auf dessen Urteil ich Wert zu legen hätte, sich zu Gunsten der <name>Arnoldt</name>schen Ausstellungen ausgesprochen haben würde. Das ist, da die Recensionen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-660"/>von <name>Göring</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-660"/><name/> (Lit<add>[erarisches]</add> Centr<add>[alblatt]</add>), <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-661"/><name>Ulrici</name> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-662"/><name>Nolen</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-662"/><name/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-661"/> nicht aus einer Prüfung der Sache hervorgegangen sind, bisher nicht geschehen; und Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-663"/>durchdacht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-663"/> motivirte Zustimmung verringert die Möglichkeit, dass es geschehen werde, um ein bedeutendes.</p><p>Zwar scheinen Sie mit Arn<add>[oldt]</add> <abbr>u.</abbr> andren der Meinung zu sein, dass die sachlichen Gründe der Divergenz des Inhalts zwischen Auszug und Zusätzen nicht zutreffend sind, dass also keine Fortentwicklung der Problemstellung für K<add>[ant]</add> in den letzteren nachweisbar sei. Auch hier jedoch werde ich abwarten, bis mir greifbare Gegen<pb/>gründe vorliegen, die ich weder bei Arn<add>[oldt]</add> noch in einzelnen allgemeinen Andeutungen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-664"/><name>Volkelt</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-664"/> gefunden habe. Wenn meine Auffassung, die sich mir durch das zwischenliegende Studium von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-665"/><name>Kant</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-665"/> Entwicklungsgeschichte nur noch befestigt hat, zutreffend ist, scheint sie mir allerdings auch auf Inhalt und Ursprung des Kritic<add>[ismus]</add> Licht zu werfen, sofern sie die Meinung stützt, dass das Problem des Idealismus im eigentl<add>[ichen]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-666"/>Sinne für K<add>[ant]</add> 81 als solches nicht bestimmend war.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-666"/> Doch es hat keinen rechten Sinn, nach dem Nutzen einer wissenschaftlichen Untersuchung zu fragen.</p><p>Auf einzelne Ihrer Ausstellungen gestatten Sie mir freundlichst, kurz einzugehen. Übersehen hatte ich die Belegstelle II; die übrigen waren mir nicht unbekannt geblieben, aber ich fand keinen Anlass sie zu citiren, da sie nichts neues enthalten. Denn dass der Zusatz „für Laien“ nicht <name>Kant</name>isch ist, schien und erscheint mir durch 2) nicht aufgehoben. Hier stehen mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-667"/>inhaltliche Überlegungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-667"/> höher als Briefnotizen, und noch dazu Stellen aus Briefen <name>Hamann</name>s, denen gegenüber man sich, da sie fremdes und eigenes oft <pb/> genug unentwirrbar zusammenmischen, nicht skeptisch genug verhalten kann.</p><p>Sie haben recht in Ihrem Nachweis, dass ich mehrere mögliche Fragen nicht aufgeworfen habe. Aber wollen Sie hinzunehmen, dass ich auf einen Teil derselben nicht geführt wurde, weil ich die <name>Arnoldt</name>schen Möglichkeiten gar nicht zur Discussion reif ansah, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-668"/>als sie mir bei einer Lectüre der Briefe <name>Hamann</name>s <abbr>z. B.</abbr> in der Differenz der Bezeichnung aufstießen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-668"/>: Denn aus mehr als einem Beispiel wusste ich, wie wenig man ein Recht hat, von der Voraussetzung zweifelloser Wahrheit <name>Hamann</name>scher Berichte auszugehen. Ihm ist in seinen Briefen das erste Wort, das ihm in die Feder kam, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-669"/>oft genug<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-669"/> das beste geblieben.</p><p>Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-670"/>Briefsammlung von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-671"/><name>Reicke</name> und <name>Sintenis</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-670"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-671"/><name/>, die Sie erwähnen, enthält nicht nur keine Beweisstellen für <name>Arnoldt</name>, sondern vielmehr die Daten für die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-672"/>Unmöglichkeit der Arn<add>[oldtschen]</add> Vermutung, hinsichtlich der Verwendung des <name>Kant</name>ischen Manuscripts für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-673"/><name>Schultz</name>’ Buch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-673"/>, die übrigens schon nach den ausdrückl<add>[ichen]</add> Erklärungen <name>Schultz</name>’ und den Berichten <name>Hamann</name>s über <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-674"/><name>Kant</name>s<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-674"/> Hilfe ganz ausgeschlossen ist. Ich habe diese Sammlung kürzlich bei einem Studienaufenthalt in Königsb<add>[erg]</add> durchgesehen.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-672"/> <pb/></p><p>Sehr bedauert habe ich, dass Sie nicht auf die beiden inneren Argumentationsreihen eingehen, die ich für meine Auffassung entwickelt habe. Ich bin mit Ihnen der Ansicht, dass der Schwerpunct der ganzen Fragen in diesen liegt. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-675"/>Sie deuten nur einzelnes, und so unbestimmt an, dass ich Ihnen dankbar sein würde, wenn Sie mich auf das, was Ihnen unzulässig erscheint, falls es sich brieflich überhaupt abmachen lässt, hinweisen wollen. Dazu rechne ich auch, was Sie <abbr>p.</abbr> 62 über <name>Arnoldt</name>s Interpretation mehrerer, nicht in diesen Zusammenhang notwendig hineingehörigen Ausführungen meiner Einleitung sagen.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-675"/></p><p>Fast möchte ich mir erlauben, Ihnen am Schluss eine Bitte auszusprechen, da sie etwas betrifft, was nur freiwillig <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-676"/>geschenkt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-676"/> werden kann. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-677"/>Vielleicht würden Sie es so auch getan haben.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-677"/> Falls Sie nämlich noch im Besitz von Separatabzügen dieser letzten Abh<add>[andlung]</add> sowie derer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-678"/>über die Blattversetzung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-678"/> sein sollten: wollen Sie die Güte haben, mir je einen derselben zu überlassen? Es wird mir ein <pb/> Vergnügen sein, Ihnen im ähnlichen Falle eine solche Sendung meinerseits ebenfalls zu machen.</p><p>In aufrichtiger Hochachtung Ihr ganz ergebener</p><signed>B Erdmann</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-659"><lem>Ihre Besprechung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Die Erdmann-Arnoldt’sche Kontroverse über Kant’s Prolegomena. In: Philosophische Monatshefte 16 (1880), <abbr>S.</abbr> 44–71. Dazu ein Nachtrag. In: <abbr>Dass.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 209.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-660"><lem>von <name>Göring</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> die ungezeichnete Rezension: Arnoldt, Emil, Kant’s Prolegomena nicht doppelt redigirt. Widerlegung der Benno Erdmann’schen Hypothese. Berlin, 1879. In: Literarisches Centralblatt. <abbr>Nr.</abbr> 16 vom 19.4.1879, <abbr>Sp.</abbr> 510.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-662"><lem><name>Nolen</name></lem><note>vermutlich gemeint: <name>Désiré Nolen</name> (1838–1904), 1881 Rektor Académie de Douai, 1887 Rektor Académie de Besançon. Verfasser von: La Critique de Kant et la métaphysique de Leibnitz, histoire et théorie de leurs rapports. Paris: Baillière 1875.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-661"><lem><name>Ulrici</name> und <name>Nolen</name><name/></lem><note>Rezensionen nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-663"><lem>durchdacht</lem><note>mit Bleistift unterstrichen, am linken <abbr>Rd.</abbr>: </note><rdg>?</rdg><note> (schwierige Lesung)</note></app><app type="philological" corresp="#ED-664"><lem><name>Volkelt</name>s</lem><note>mit Bleistift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-665"><lem><name>Kant</name>s</lem><rdg>Kts</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-666"><lem>Sinne … war.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift doppelt angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-667"><lem>inhaltliche Überlegungen</lem><note>mit Bleistift unterstrichen; am linken <abbr>Rd.</abbr> zusätzlich doppelt angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-668"><lem>als … aufstießen</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-669"><lem>oft genug</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-671"><lem><name>Reicke</name> und <name>Sintenis</name></lem><rdg>R. und Sint.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-670"><lem>Briefsammlung von <name>Reicke</name> und <name>Sintenis</name></lem><note><name>Rudolf Reicke</name> plante gemeinsam mit <name>Franz Sintenis</name> eine Kant-Briefausgabe, die schließlich in die Akademie-Ausgabe der Werke <name>Kant</name>s einging, <abbr>vgl.</abbr> Werner Stark: Nachforschungen zu Briefen und Handschriften Immanuel Kants. Berlin: Akademie 2014, <abbr>S.</abbr> 12–14 sowie Vaihinger: Die Erdmann-Arnoldt’sche Kontroverse über Kant’s Prolegomena. In: Philosophische Monatshefte 16 (1880), <abbr>S.</abbr> 67, <abbr>Anm.</abbr> 24: </note><rdg>Die von Reicke und Sintenis geplante Ausgabe der Briefe von und an Kant wird wohl auch kein Material zu einem Gegenbeweis an die Hand geben.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-673"><lem><name>Schultz</name>’ Buch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Johann Friedrich Schultz (1739–1805, Freund <name>Kant</name>s): Erläuterungen über des Herrn Professor Kant Critik der reinen Vernunft. Königsberg: Dengel 1784.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-674"><lem><name>Kant</name>s</lem><rdg>Kts</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-672"><lem>Unmöglichkeit … durchgesehen.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-675"><lem>Sie … sagen.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-676"><lem>geschenkt</lem><note>verschrieben; mit Bleistift unterstrichen, am linken <abbr>Rd.</abbr>: </note><rdg>?</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-677"><lem>Vielleicht … haben.</lem><note> am linken <abbr>Rd.</abbr>: </note><rdg>!</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-678"><lem>über die Blattversetzung</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Eine Blattversetzung in Kant’s Prolegomena. In: Philosophische Monatshefte 15 (1879), <abbr>S.</abbr> 321–332 (<abbr>dass.</abbr>, Zweiter Artikel. [Historische Nachwirkungen.] In: Philosophische Monatshefte 15 [1879], <abbr>S.</abbr> 513–532).</note></app></listApp></back></text></TEI>