<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000122-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Schloss Wildhaus (Zellnitz an der Drau/Selnica ob Dravi, ehemals Untersteiermark)</placeName>, <date>16.11.1878</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 1</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0122" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000122-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</persName><placeName>Schloss Wildhaus (Zellnitz an der Drau/Selnica ob Dravi, ehemals Untersteiermark)</placeName><date when="1878-11-16">16.11.1878</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/119027690">Bartholomäus von Carneri</name><name>Jemery Bentham</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118527797">Eugen Dühring</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117515191">Eduard Oskar Schmidt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119014920">Friedrich Ueberweg</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116649437">Georg von Gizycki</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/133573966">John Grote</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118797050">Henry Sidgwick</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616080">Herbert Spencer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118554735">David Hume</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118582461">John Stuart Mill</name><name>streichen!</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 1</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Bartholomäus von Carneri</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Schloss Wildhaus (Zellnitz an der Drau/Selnica ob Dravi, ehemals Untersteiermark)</placeName>, <date>16.11.1878</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 1</bibl></head></front><body><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-564"/>Wildhaus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-564"/> 16. Nov<add>[ember]</add> 1878.</dateline><salute>Mein sehr geehrter Herr!</salute><p>Empfangen Sie meinen aufrichtigsten Dank für die Liebenswürdigkeit, mit der Sie mir die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-565"/>gewünschte Auskunft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-565"/> ertheilt haben. In Kürze bin ich wieder in Wien und da werde ich mir die Bücher alle ansehen. Heute aber noch bestelle ich mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-566"/><name>Gizycki</name>, Breslau 1879<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-566"/>. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-567"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-568"/><name>Ueberweg</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-567"/><name/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-568"/><name/> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-569"/><name>Fichte</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-569"/><name/> kenne ich; letztern besitze ich selbst, er reicht aber nur bis <name>Bentham</name>. <name>Mill</name> und <name>Hume</name> kenne ich so ziemlich. Letztern besitze ich ganz <abbr>u.</abbr> z<add>[war]</add> englisch, und lese ihn, aber langsam. Von <name>Herbert Spencer</name> habe ich bislang nur den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-570"/>grundlegenden ersten Band studirt <abbr>u.</abbr> z<add>[war]</add> vorigen Winter. Diesen Winter nehme ich jedenfalls seine Ethik<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-570"/> durch. Wie ich aus allem sehe, sind es <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-571"/><name>Grote</name> und <name>Sidgwick</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-571"/><name/>, <pb/> die mir gänzlich ferner geblieben sind, und aus <name>Gizycki</name> werde ich sehen, welchen von beiden ich, oder ob ich beide zu studiren hab. In einem Stück bin ich nämlich sehr schlecht dran. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-572"/>Reichsrath und Landtag<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-572"/> rauben mir 7–8 Monate des Jahres, und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-573"/>ein<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-573"/> sehr dummes Übel am Halse (<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-574"/>torticollis intermittens<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-574"/>) erschwert <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-575"/>mir<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-575"/> das Leben überhaupt, besonders aber das Schreiben und Lesen in der peinlichsten Weise. Ich muß mich daher bei meinen Studien auf das Unerläßlichste beschränken, und da werden Sie begreifen, wie dankbar ich Ihnen für die gegebenen Andeutungen bin.</p><p>Da mir aber schon die Freude zu Theil wird, an Sie zu schreiben, so gestatten Sie mir, geehrter Herr, Ihnen zu sagen, daß mich, dem Sie durch Ihr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-576"/>Buch über <name>Hartmann</name>, <name>Dühring</name> <abbr>u.</abbr> <name>Lange</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-576"/><name/> sehr werth geworden sind, Ihre Übereinstimmung mit mir betreffend <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-577"/>das empfindende Atom<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-577"/> unendlich gefreut hat. Sie sind der Erste, der mir da Recht giebt, allerdings mit der, ich verkenne es nicht, gegründeten Beschränkung, daß es nicht genügt, das Bedenkliche eines Weges zu erkennen, und daß man auch einen nicht bedenklichen Weg anzugeben habe. <pb/></p><p>Ich habe diesen Sommer eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-578"/>längere Arbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-578"/> begonnen, mit der ich hoffentlich im kommenden Sommer zu Ende komme. Heißen dürfte sie: Monistische Grundlegung der Ethik. Vielleicht gelingt es mir da, meine Ansicht über das Bewußtsein ganz klar zu entwickeln und meinem Sittlichkeitsbegriff eine Basis zu geben, die Sie befriedigt. Für die Einleitung ist mir die Bekanntschaft mit den neuesten englischen Moralisten unentbehrlich. Die ältern schätze ich sehr, aber: die Sittlichkeit als einen Naturtrieb zu erklären, und mit dem Auffinden eines charakteristischen Merkmals mich zu befriedigen, – worauf sie durchschnittlich hinauskommen, vermag ich nicht. Vielleicht stehe ich da wieder, wo Sie beim empfindenden Atom mich ertappt haben; aber ich werde mein Möglichstes thun.</p><p>Und jetzt nochmals meinen Dank, und die Bitte, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-579"/><abbr>Prof.</abbr> <name>Schmidt</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-579"/><name/> für seine freundliche Erinnerung recht herzlich für mich die Hand zu drücken.</p><p>Mit der Versicherung wahrer Hochachtung Euer Wohlgeboren ganz ergebener</p><signed>B. Carneri</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-564"><lem>Wildhaus</lem><note>bei Spodnji Slemen (heute zu Slovenien), 10 km westlich von Maribor, 1857–1893 Wohnsitz <name>Carneris</name>.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-565"><lem>gewünschte Auskunft</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Carneri vom 12.11.1878</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-566"><lem><name>Gizycki</name>, Breslau 1879</lem><note>meint wahrscheinlich: Georg von Gizycki: Die Ethik David Hume’s in ihrer geschichtlichen Stellung. Nebst einem Anhang Über die universelle Glückseligkeit als oberstes Moralprincip. Breslau: Koehler 1878.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-567"><lem><name>Ueberweg</name></lem><rdg>Überweg</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-568"><lem><name>Ueberweg</name><name/></lem><note>gemeint ist entweder <name>Friedrich Ueberweg</name>s bekanntes Überblickswerk: Grundriß der Geschichte der Philosophie, zuerst 1863–1866 oder Ueberweg: System der Logik und Geschichte der logischen Lehren. 4. <abbr>Aufl.</abbr> Bonn: Marcus 1874.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-569"><lem><name>Fichte</name></lem><note>dem Kontext nach ist gemeint: Imanuel Hermann Fichte: Die philosophischen Lehren von Recht, Staat und Sitte in Deutschland, Frankreich und England von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Leipzig: Dyk 1850 (System der Ethik <abbr>Bd.</abbr> 1. Kritischer Teil).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-570"><lem>grundlegenden … Ethik</lem><note> die Rede ist von Herbert Spencers System of Synthetic Philosophy. Davon war bisher erschienen: First Principles (1862), Principles of Biology (2 <abbr>Bde.</abbr> 1864/1867), Principles of Psychology (1. <abbr>Bd.</abbr> 1870), Principles of Sociology (1. <abbr>Bd.</abbr> 1874–1875/1876). Der 1. <abbr>Bd.</abbr> der Principles of Ethics trägt die Jahreszahl 1879.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-571"><lem><name>Grote</name> und <name>Sidgwick</name></lem><note>gemeint sind vermutlich: John Grote: An Examination on the Utilitarian Philosophy. Edited by Joseph Bickerstedt Mayor. Cambrigde: Deigthon, Bell and Co. 1870 <abbr>bzw.</abbr> <abbr>ders.</abbr>: A Treatise on the Moral Ideals. Cambridge 1876; sowie Henry Sidgwick: The Methods of Ethics. London: Macmillan &amp; Co. 1874.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-572"><lem>Reichsrath und Landtag</lem><note><name>Carneri</name> gehörte 1861–1883 dem Steirischen Landtag (Graz) an und war 1870–1885 Abgeordneter des steirischen Großgrundbesitzes im Reichsrat (Wien), <abbr>BEdPh</abbr>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-573"><lem>ein</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-574"><lem>torticollis intermittens</lem><note>Schiefhals</note></app><app type="philological" corresp="#ED-575"><lem>mir</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-576"><lem>Buch über <name>Hartmann</name>, <name>Dühring</name> <abbr>u.</abbr> <name>Lange</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Hartmann, Dühring und Lange. Zur Geschichte der deutschen Philosophie im XIX. Jahrhundert. Ein kritischer Essay. Iserlohn: J. Baedeker 1876.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-577"><lem>das empfindende Atom</lem><note><name>Carneri</name> disktutiert die Hypothese vom empfindenden Atom zur Erklärung des Bewusstseins in <abbr>ders.</abbr>: Der Mensch als Selbstzweck. Eine positive Kritik des Unbewußten. Wien: Braumüller 1887, <abbr>S.</abbr> 31–35. <abbr>S.</abbr> 32: </note><rdg>Allein das läßt sich eine Hypothese nennen; nur unterläuft dabei die Fatalität, daß man, dem Atom Bewußtsein beilegend, das zu Erklärende selber zur Hypothese macht, durch die es erklärt werden soll.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-578"><lem>längere Arbeit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Carneri: Grundlegung der Ethik. Wien: Braumüller 1881.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-579"><lem><abbr>Prof.</abbr> <name>Schmidt</name></lem><note><name>Eduard Oskar Schmidt</name> (1823–1886), Zoologe, 1855 <abbr>o. Prof.</abbr> an der Universität Krakau, 1857 in Graz (1865/1866 Rektor), 1872 in Straßburg (<ref type="link">https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Schmid_Eduard-Oskar_1823_1886.xml</ref> (1.8.2024)).</note></app></listApp></back></text></TEI>