<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000109-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Heinrich Landesmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Dresden</placeName>, <date>21.2.1878</date>, <note>3 S., hs., Abschrift (Marie Landesmann), mit Zuordnung </note><quote type="rdg">An Herrn Prof. D<hi rend="superscript">r</hi>. H. <hi rend="underline">Vaihinger</hi></quote>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-43493, Bl. 74–76</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0109" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000109-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/131813904X">Heinrich Landesmann</persName><placeName>Dresden</placeName><date when="1878-02-21">21.2.1878</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118512293">Friedrich Bodenstedt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118571834">Giacomo Leopardi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-43493, Bl. 74–76</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Heinrich Landesmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Dresden</placeName>, <date>21.2.1878</date>, <note>3 S., hs., Abschrift (Marie Landesmann), mit Zuordnung </note><quote type="rdg">An Herrn Prof. D<hi rend="superscript">r</hi>. H. <hi rend="underline">Vaihinger</hi></quote>, <bibl type="pubPlace">Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-43493, Bl. 74–76</bibl></head></front><body><dateline>Dresden, 21. Februar 1878.</dateline><salute>Hochgeehrter Herr!</salute><p>Bewegt und erfüllt von Ihrem ebenso liebenswürdigen als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-453"/>inhaltsreichen Schreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-453"/> vertheile ich den Genuß einer allmählichen Beantwortung, begleitetet vom Studium Ihres mir gleichzeitig durch Ihre Güte zugekommenen Aufsatzes, auf Wochen, kann aber den Drang, Ihnen aus Grund der Seele zu danken, nicht eben so lange beherrschen.</p><p>Ein sehr ungenügender, mir aber im Augenblick allein zu Gebote stehender Ausdruck dieses Dankes ist die unverzögerte Einsendung einiger meiner Schriften, deren Empfang ich mir zu meiner postalischen Beruhigung mit zwei Worten auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-454"/>einer Postkarte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-454"/> anzuzeigen bitte.</p><p>Zu den Gedichten bemerke ich, daß <hi rend="underline"><name>Bodenstedt</name></hi> es war, der – in einem Artikel <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-455"/>„<name>Leopardi</name> und Lorm“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-455"/> in „Ueber Land und Meer“ – diese Namen zuerst öffentlich zusammenstellte, im Artikel selbst aber die Durchführung der Parallele schuldig blieb, und was er zu meinem Lobe vorbrachte, so flach und verständnislos gab, daß ich mich nach der Lectüre des Artikels <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-456"/>lobhandelt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-456"/> nannte. <pb/></p><p>Wie tief mich Ihre Bemerkung über <name>Leopardi</name> im Verhältniß zu mir erfreuen und selbst erschüttern mußte, wird nur verständlich durch mein offenes Geständniß, daß ich <name>Leopardi</name>, unbeschadet seiner ohne Zweifel viel größeren poetischen Vorzüge, nicht neben mir auf der Höhe des Gedankens sehe, den er und ich repräsentiren. Obgleich es nun keineswegs seine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-457"/>Schuld<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-457"/> und mein Verdienst ist, sondern Verdienst und Schuld der verschiedenen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-458"/>nationalen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-458"/> Culturen, aus denen wir hervorgingen, so würde es mir doch als die ungehörigste Unbescheidenheit angerechnet, wenn ich die bezügliche Herabsetzung öffentlich unternähme, während das Bedürfniß, daß es von einem Klarsehenden geschehe, durch den maßlosen Cultus, den Scheinbegeisterung und Incompetenz im Reiche des Gedankens mit <name>Leopardi</name> treiben, immer mehr gesteigert wird. Die Scheinbegeisterung entspringt aus der Götzensucht der menschlichen Natur im Compromiß mit den schlechten Eigenschaften derselben: Mißgunst und Neid. Die Ausgleichung des Widerspruchs ist die Verherrlichung des Todten und des Fremden.</p><p>Der Büchersendung lege ich auch einen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-459"/>Journal-Aufsatz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-459"/> bei: „Humor in <name>Kant</name>“, worin mit leiser, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-460"/>blasser<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-460"/> Bleistiftzeichnung, also ganz ungenügend, die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Begründung des Pessimismus angedeutet ist. <pb/></p><p>Die Verschmelzung des Pessimismus mit dem Optimismus wissenschaftlich und nicht blos <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-461"/>eudämonologisch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-461"/> oder ästhetisch, wie ich es (ästhetisch im weitesten Sinne genommen) im „Naturgenuß“ versuchte, ist eine außerordentliche Leistung, zu deren Unternehmung schon ich Sie beglückwünsche, zu der beizutragen ich mich aber nicht wissenschaftlich begabt genug erachte. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-462"/>…<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-462"/></p><p>Ihr Buch erwarte ich mit Sehnsucht und die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-463"/>Besprechung desselben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-463"/> wird mir eine der liebsten schriftstellerischen Aufgaben sein; sie wird den Differenzpunkt klarstellen und er wird unsere Einigung im Uebrigen nicht hindern, ganz abgesehen davon, daß Ihre etwa für mich erfolgende Belehrung sie erst recht herbeiführen kann, wovon ich nicht anstehen würde, ebenfalls öffentlich Zeugniß zu geben.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-464"/>…<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-464"/></p><p>Mit herzlichem Dank und aufrichtiger Hochschätzung Ihnen, hochgeehrter Herr, ergeben</p><signed>Heinr Landesmann.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-453"><lem>inhaltsreichen Schreiben</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Landesmann vom 19.2.1878</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-454"><lem>einer Postkarte</lem><note>falls gelaufen, nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-455"><lem>„<name>Leopardi</name> und Lorm“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Friedrich Bodenstedt: Zwei Dichter des Pessimismus. (Hieronymus Lorm und Giacomo Leopardi). In: Über Land und Meer 17 (1875), <abbr>Nr.</abbr> 31, <abbr>S.</abbr> 615–616.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-456"><lem>lobhandelt</lem><note>so wörtlich (Kofferwort aus lobhudelt und mißhandelt)</note></app><app type="philological" corresp="#ED-457"><lem>Schuld</lem><note>statt gestrichen: </note><rdg>Verdienst</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-458"><lem>nationalen</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-459"><lem>Journal-Aufsatz</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Hieronymus Lorm: Der Humor in Kant. In: Literaturblatt (Anton Edlinger) 2 (1878), Heft 3, <abbr>S.</abbr> 65–70 (<ref type="link">https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/130566518X_1877000100/294/</ref> (1.8.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-460"><lem>blasser</lem><note>doppeltes s mit ß geschrieben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-461"><lem>eudämonologisch</lem><note>womöglich zu lesen: eudämonistisch</note></app><app type="philological" corresp="#ED-462"><lem>…</lem><note>Signalisierung einer Kürzung in der Abschrift durch 6 Punkte</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-463"><lem>Besprechung desselben</lem><note>nicht ermittelt, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Landesmann vom 19.2.1878.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-464"><lem>…</lem><note>Signalisierung einer Kürzung mit 14 Punkten quer über die ganze Seite</note></app></listApp></back></text></TEI>