<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000090-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Friedrich Paulsen</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Langenhorn (Nordfriesland)</placeName>, <date>8.9.1876</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–1</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0090" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000090-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118739603">Friedrich Paulsen</persName><placeName>Langenhorn (Nordfriesland)</placeName><date when="1876-09-08">8.9.1876</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118527797">Eugen Dühring</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–1</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Friedrich Paulsen</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Langenhorn (Nordfriesland)</placeName>, <date>8.9.1876</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–1</bibl></head></front><body><dateline>Langenhorn p<add>[er]</add> Mönkebüll<br xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" clear="all"/>8.9.76</dateline><salute>Verehrtester Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-196"/>Doctor,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-196"/></salute><p>Sie haben mich überrascht durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-197"/>die freundliche Uebersendung Ihres Essay;<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-197"/> nehmen Sie dafür meinen besten Dank. Ich habe noch nicht viel mich damit beschäftigen können, sehe jedoch soviel, daß Sie in trefflicher Auswahl eine Anzahl Erscheinungen gruppirt haben, welche geeignet sind von den heutigen philosophischen Bestrebungen Deutschlands auch dem ferner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-198"/>stehenden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-198"/> eine Vorstellung zu geben. Ich zweifle daher nicht, daß Sie einen großen <abbr>u.</abbr> dankbaren Leserkreis für Ihre zugänglich <abbr>u.</abbr> lebhaft gehaltene Schrift finden werden. Ob ich mich werde entschliessen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-199"/>dieselbe anzuzeigen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-199"/>, ist mir noch fraglich. Ich kenne <name>Dühring</name> wenig <abbr>u.</abbr> <name>Hartmann</name> so gut wie gar nicht; habe <pb/> auch ersteren zu studieren <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-200"/>gegenwartig<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-200"/> keine Zeit, letzteren schwerlich jemals Lust. Es wäre daher wenig angemessen, wenn ich mich dem Publicum als Vermittler zwischen Ihnen <abbr>u.</abbr> Ihrem Leser anbieten wollte. Auch würde Ihnen mit einer Beurteilung, die mit solchem Geständniß beginnen müsste, kaum gedient sein.</p><p>Uebrigens glaube ich, daß ich <name>Dühring</name> höher stellen würde als Sie zu thun scheinen. Sein Zukunftsoptimismus, den Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-201"/>‚fürchterlich nüchtern <abbr>u.</abbr> petrolös‘<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-201"/> nennen, hat für mich etwas bessern Geruch. Auch seine antikritische Entschiedenheit in gewissen metaphysischen Angelegenheiten geht aus einem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-202"/>Habitus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-202"/> des Denkens hervor, dem der meinige <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-203"/>einigermaaßen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-203"/> verwandt ist. Ich vermag mir seine Metaphysik, weder was die Ansicht über die Constitutive des einzelnen Wirklichen noch über die Beschaffenheit der Welt als Ganzer <pb/> anlangt, anzueignen. Dennoch bin ich geneigt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-204"/>ihr<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-204"/> viel mehr Recht einzuräumen als alten <abbr>u.</abbr> neuen Verdunklungen des Gesammtwissens, in Anschluß an <name>Kant</name>ische Kritik. – Doch wir sind ohne Zweifel in diesem Punkt nicht sehr entfernter Ansicht.</p><p>Nochmals besten Dank. Ihr sehr ergebener</p><signed>Fr. Paulsen.</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-196"><lem>Doctor,</lem><note>danach 2 Zeilen frei gelassen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-197"><lem>die freundliche Uebersendung Ihres Essay;</lem><note>etwaiges Begleitschreiben Vaihingers nicht überliefert; <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Hartmann, Düring und Lange. Zur Geschichte der deutschen Philosophie im XIX. Jahrhundert. Ein kritischer Essay. Iserlohn: J. Baedeker 1876.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-198"><lem>stehenden</lem><note>Lesung unsicher</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-199"><lem>dieselbe anzuzeigen</lem><note>es ist keine Rezension Paulsens zur <abbr>o. g.</abbr> Publikation Vaihingers ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-200"><lem>gegenwartig</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-201"><lem>‚fürchterlich nüchtern <abbr>u.</abbr> petrolös‘</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Hartmann, Düring und Lange. Zur Geschichte der deutschen Philosophie im XIX. Jahrhundert. Ein kritischer Essay. Iserlohn: J. Baedeker 1876, <abbr>S.</abbr> 160: </note><rdg>Die Vorschläge Dührings haben allen den petroleusen Geruch des Socialismus und sind fürchterlich nüchtern.</rdg><note> <abbr>Ebd.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 162:</note><rdg> das ist das Grundprincip Dührings; der nüchterne Verstand wird Herrscher; Gemüth, Gefühl, Herz werden unterdrückt; die zukünftige Gesellschaft wird nüchtern, poesielos und philoströs; sie wird eine logische Maschinerie, wo die „Logik des Herzens“ nicht mehr mitzureden hat, wo das feinere, das aesthetische Gefühl verbannt wird; [</rdg><note>gesperrt:</note><rdg>] denn es ist aristokratisch [</rdg><note>Sperrung Ende</note><rdg>].</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-202"><lem>Habitus</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-203"><lem>einigermaaßen</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-204"><lem>ihr</lem><note>verbessert aus: </note><rdg>Ihr</rdg></app></listApp></back></text></TEI>