<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000087-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Eduard von Hartmann</persName>, <placeName type="sent">Bad Cannstatt</placeName>, <date>25.8.1876</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Nachlass Eduard von Hartmann</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="0087" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000087-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Bad Cannstatt</placeName><date when="1876-08-25">25.8.1876</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/101295294">Agnes Taubert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118527797">Eugen Dühring</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11913702X">Friedrich Zarncke</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118627724">Johannes Volkelt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118841726">Julius Hermann von Kirchmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118547739">Georg Wilhelm Friedrich Hegel</name></note><note type="repository">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Nachlass Eduard von Hartmann</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Eduard von Hartmann</persName>, <placeName type="sent">Bad Cannstatt</placeName>, <date>25.8.1876</date>, <note>4 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Nachlass Eduard von Hartmann</bibl></head></front><body><dateline>Bad Cannstatt <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-173"/>Würtemberg<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-173"/></dateline><dateline>(Gellstraße 84)</dateline><dateline>den 25. August 1876</dateline><salute>Verehrtester Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-174"/>Doctor!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-174"/></salute><p>Hoffentlich legen Sie es nicht in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-175"/>malam partem<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-175"/> aus, daß ich jetzt erst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-176"/>Ihre freundlichen Zeilen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-176"/> aus Freiburg beantworte. Sie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-177"/>wissen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-177"/> ja selbst, daß um diese Zeit alle Correspondenz wie durch einen Wirbelwind durcheinander gestreut ist. Ich traf Ihre werthen Zeilen hier, wohin <pb/> sie mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-178"/>aus Berlin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-178"/> nachgesendet worden sind; ich habe hier bei meinen Eltern einstweiligen Aufenthalt genommen, bis ich im nächsten Semester nach Straßburg zum Zwecke der Habilitation gehen werde. Ich kam von einer längeren Tour unwohl hieher &amp; bin erst jetzt im Stande, Ihre werthen Zeilen, welche ohnedieß spät in meine Hände kamen, zu beantworten. – Daß ich stellenweise <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-179"/>aus dem Ton wissenschaftlicher Discussion gefallen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-179"/> bin, gebe ich mit Bedauern und Revocation zu: die Hitze der Arbeit und der Jugend führt da oft weiter, als man später selbst wünschte. In dieser Hinsicht wünsche ich Ihre Vergebung – <pb/> daß Sie dagegen „die Zusammenkoppelung mit <name>Dühring</name>, einer so untergeordneten Größe“ tadeln, dies finde ich zwar von Ihrem Standpunkt aus sehr natürlich; ich möchte dem aber und als einen Beweis, wie <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-180"/>anders Andere urtheilen, die Thatsache<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-180"/> entgegenhalten, daß die einzigen tadelnden Bewertungen (allerdings von <name>kant</name>freundlicher Seite) sich darauf bezogen, daß ich <name>Dühring</name> zu wenig habe zur Geltung gebracht; unter den von Ihnen gütigst genannten, hätte sich höchstens <hi rend="underline"><name>Kirchmann</name></hi> zur Antithese geeignet; allein ich gestehe, daß mir noch immer <name>Dühring</name> als der Passendste erschien; aber ich finde es höchst natürlich, daß Sie damit nicht einverstanden sind, und bin gespannt auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-181"/>Ihre weiteren Auseinandersetzungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-181"/> hierüber. Es soll mich sehr freuen, wenn meine Schrift Ihnen die Gelegenheit gibt, sich über <hi rend="underline">Kriticismus und</hi> <pb/> <hi rend="underline">Skepticismus</hi> des Weiteren zu verbreiten; denn Jedermann, auch Ihre schärfsten Gegner, lesen stets gerne Ihre lichtvollen und klaren Artikel und ich glaube, daß Sie dadurch wesentlich zur Klärung der philosophischen Situation beitragen werden; Sie müssen sich vielleicht dabei überhaupt mit der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-182"/>Jung<name>kant</name>ischen Richtung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-182"/> im weiteren Sinne, auch mit der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-183"/>neuen Leipziger Zeitschriftspartei<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-183"/> auseinandersetzen, und ich glaube, daß Sie damit ebenso sich selbst, wie Ihren Gegnern, und dem Publicum dienen.</p><p>Ich hoffe &amp; wünsche, daß die Badekur Ihre Gesundheit wesentlich gestärkt, und auch günstig auf das Befinden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-184"/>Ihrer Frau Gemahlin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-184"/> eingewirkt habe, der ich mich angelegentlich zu empfehlen bitte.</p><p>Mit dem Ausdruck gewohnter Hochachtung <abbr>Ew.</abbr> Wohlgeboren ergebenster</p><signed>Dr. Hans Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-173"><lem>Würtemberg</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-174"><lem>Doctor!</lem><note>danach 3 Zeilen frei gelassen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-175"><lem>malam partem</lem><note>in <abbr>lat.</abbr> Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-176"><lem>Ihre freundlichen Zeilen</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="philological" corresp="#ED-177"><lem>wissen</lem><note>doppeltes s hier und im Folgenden mit ß geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-178"><lem>aus Berlin</lem><note>dem zwischenzeitlichen Studienort Vaihingers, <abbr>vgl.</abbr> die Chronik biographischer Daten.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-179"><lem>aus dem Ton wissenschaftlicher Discussion gefallen</lem><note>in der Schrift: Hartmann, Dühring und Lange. Zur Geschichte der deutschen Philosophie im XIX. Jahrhundert. Ein kritischer Essay. Iserlohn: J. Baedeker 1876.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-180"><lem>anders Andere urtheilen, die Thatsache</lem><note>über durch Radierung unleserliche Wörter geschrieben</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-181"><lem>Ihre weiteren Auseinandersetzungen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Eduard von Hartmann: Friedrich Albert Lange und sein Jünger Hans Vaihinger. In: Beilage zur Wiener Abendpost (= Beilage zur Wiener Zeitung), <abbr>Nr.</abbr> 295–297 vom 28.–30.12.1876; <abbr>ders.</abbr>: Neukantianismus, Schopenhauerianismus und Hegelianismus in ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegenwart. Zweite erweiterte Auflage der „Erläuterungen zur Metaphysik des Unbewussten“. Berlin: C. Duncker 1877.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-182"><lem>Jung<name>kant</name>ischen Richtung</lem><note>diesen Ausdruck, gebildet nach Jung<name>hegel</name>ianer und gerichtet gegen orthodoxe <name>Kant</name>ianer (<abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Friedrich Zarncke vom 20.1. <abbr>u.</abbr>17.4.1883), gebraucht auch <name>Johannes Volkelt</name> in seiner Kritik von Vaihinger: Hartmann, Dühring und Lange (1876), in: Jenaer Literaturzeitung 4 (1877), Nr. 22 vom 2.6.1877, S. 339–342 (<ref type="link">https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00233727?XSL.</ref> (1.8.2024)), die in die Worte ausläuft: </note><rdg>Er besitzt absolut kein Mittel, um irgendwie den Beweis zu erbringen, dass die Erscheinungsreihe, die aus seinem Bewusstsein austritt, überhaupt noch weiter existire, geschweige denn, um zu bestimmen, in welcher Gestalt dies geschehe. Für seine ‚Wissenschaft‘ existirt nur jenes Conglomerat zusammenhangslos durcheinandergeschobener Bruchstücke, von denen jedes einzelne selbst wiederum zum grössten Teil ein bloss äusserlich zusammengefügtes Nacheinander bildet. Von diesen letzten Consequenzen zeigt Vaihinger nicht die mindeste Ahnung. Und doch folgen Sie [</rdg><note>gesperrt:</note><rdg>] mit unbedingt zwingender Nothwendigkeit [</rdg><note>Sperrung Ende</note><rdg>] aus dem Fundamentalsatze des Kriticismus, dass unser ganzes Denken nur intersubjective Bedeutung hat. Vor allen Dingen hat sich der Jungkantianismus diese Consequenzen zum Bewusstsein zu bringen. Wird er zum Bewusstsein dieser seiner beispiellosen Armseligkeit und Hilflosigkeit gelangt sein, dann wird er wohl auch zugeben müssen, dass die ‚wissenschaftliche‘ Philosophie, zu der er zu führen meinte, nichts weniger als Wissenschaft, sondern eitel Spott und Hohn auf alle Wissenschaft ist. Seinen Gegnern aber wird erst dann um so leichter gelingen, die das objective Sein beherrschende und erzwingende Macht des Denkens zu erweisen.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-183"><lem>neuen Leipziger Zeitschriftspartei</lem><note>wenn nicht die seit 1874 in Leipzig erscheinende Jenaer Literaturzeitung gemeint ist (siehe vorstehend), dann vielleicht die von <name>Friedrich Zarncke</name> in Leipzig redigierte Zeitschrift Literarisches Centralblatt (diese erschien allerdings bereits seit 1850), <abbr>vgl.</abbr> die kurz gehaltene, zustimmende, dem Usus der Zeitschrift folgende anonyme Besprechung von Vaihinger: Hartmann, Dühring und Lange (1876) in: Literarisches Centralblatt, <abbr>Nr.</abbr> 27 vom 30.6.1877, <abbr>Sp.</abbr> 880. Neu erschien in Leipzig seit 1876 die Zeitschrift Theologische Literaturzeitung, in der erst 1878 eine Auseinandersetzung mit Vaihingers Werk erschienen ist, <abbr>vgl.</abbr> Edmund Pfleiderer in: Theologische Literaturzeitung, <abbr>Nr.</abbr> 4 vom 16.2.1878, <abbr>Sp.</abbr> 97–99 (<ref type="link">http://idb.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/thlz_003_1878</ref> (1.8.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-184"><lem>Ihrer Frau Gemahlin</lem><note><name>Agnes Taubert</name> (1844–1877), <abbr>NDB</abbr>.</note></app></listApp></back></text></TEI>