Wilhelm Bölsche an Vaihinger, Schreiberhau (Szklarska Poręba, Polen), 22.7.1929, 6 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 c, Nr. 2
Oberschreiberhau i/R[a]
Villa Carmen[1]
22.7.29.
Hochverehrter Herr Geheimrat!
Ihr Brief[2] war mir eine große Freude. An jene Stunden des Zusammenseins[3] bewahre ich dankbare Erinnerung. Wäre mein letzter Aufenthalt in Halle nicht so sehr kurz und durch verschiedene wissenschaftliche Dinge so sehr in Anspruch genommen gewesen, würde ich mir erlaubt haben, Sie aufzusuchen.
Ich denke mir, daß das Buch „Franziska von Altenhausen“[4] auch Ihnen eine Stunde der | tiefen Ergriffenheit vor menschlicher Lebenstragik gewährt hat. Dem Herausgeber gebührt Dank, daß er neben dem Bilde unseres Freundes, das ja allen, die ihn näher kannten, in seiner Größe, wie in seiner, ich möchte sagen, „bunten Oberfläche“ so vertraut und durchsichtig ist, diesen wundervollen Frauencharakter, wenn auch leise abgeblendet, gerettet hat. Was den Namen[5] anbetrifft, so las ihn mein lieber Freund Walther[6] etwas anders, ich wollte aber (bei der Belanglosigkeit dieser Sache) nicht korrigieren, da ich | gelegentlich gleichsam ehrenwörtlich verpflichtet worden war, ihn nicht zu nennen. Immerhin ist auch er ja heute kaum noch ein Geheimnis – und warum auch! Mit dem Briefwechsel war ich eine Weile selbst verknüpft. In bewegter Stunde hatte Haeckel ihn mir zur späteren Herausgabe anvertraut. Nach seinem Tode schien indessen den rechtlichen Erben eine andere Verfügung erwünschter. Das Ende des prachtvollen Menschenkindes war nach Haeckels bestimmter Versicherung in der Tat | ein freiwilliges. Mitbestimmend war dabei wohl der wunderbare Sachverhalt, daß die zarte junge, etwas kranke Seele zerbrach, weil sie sich der ungestümen Jugend des so viel älteren Mannes nicht gewachsen fühlte. Semele[7], die im Feuer ihres Gottes verbrannte. Vielleicht hätte ein Dichter diese Griechensage auch so wenden können, daß das liebende Menschenmädchen größer war als der Gott in seiner ewigen Blitzglorie – und daß darin die echte Tragik bestand. Götter sind | immer[b] etwas oberflächlich und langweilig gegen heiße ringende Menschen. – Uebrigens hat der alte Zeus[8] die Sache doch nicht ganz so rasch überwunden, sein glücklicher Kindergeist half ihm nur immer wieder auf die „Oberfläche“. Ich denke unendlich bewegter Bekenntnisse aus seinem Munde – im Frühjahr 1905. Das Trostlose seiner Weltanschauung knüpfte in solchem Moment an die schmerzlichsten persönlichen Erlebnisse an und erschien so tief ehrwürdig. Ein paar Stunden darauf pries er dann vor anderen wieder mit strahlenden | Augen das „Wahre, Gute, Schöne“ in der Welt, als ob …[c]
Vielleicht kommt Ihnen mein Buch „Naturgeheimnis“[9] in der Neubearbeitung von 1922 (Diederichs) mit meiner Grabrede auf Haeckel gelegentlich in die Hand. Die Rede wurde (obwohl auch sie Haeckels Wunsch war) in Folge von Nichteinladung dazu seitens der Hinterbliebenen damals nicht gehalten, enthält aber mein auch innerlich letztes Wort wohl zu Haeckel. Ernst, ohne Ueberschwang, wie man nach so viel Jahren guter Freundschaft sieht, aber auch ein wenig darüber hinaus sieht. Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer
Wilhelm Bölsche[d]