Vaihinger an Hermann Sudermann, Halle, 28.9.1927, 1 S., Ts. mit eU, Briefkopf PROF. DR. HANS VAIHINGER | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med. h. c. | Halle a. d. S., den … 192… | Reichardtstr. 15, Wasserzeichen MANILA | SCHREIBMASCHINEN, darunter Flügelrad, Deutsches Literaturarchiv Marbach, COTTA:Sudermann
28. September 1927
Hochverehrter Herr Hermann Sudermann![a]
Übermorgen feiern Sie oder vielmehr feiert Deutschland Ihren 70. Geburtstag, und Sie werden eine Unmenge von Zuschriften erhalten, die Sie kaum zu bewältigen imstande sein werden. Daher will ich mich ganz kurz fassen, denn dann besteht die Hoffnung, dass Sie das lesen können, was ich Ihnen zu diesem schönen Festtage sagen möchte.
Lessing und Herder, Goethe[b] und Schiller sind nicht bloss Dichter, sondern auch Denker gewesen und haben uns bedeutsame philosophische Äusserungen und Schriften hinterlassen. Das wäre heute nicht mehr möglich, aber wir verlangen vom heutigen Dichter, dass seine Werke einen mehr oder minder deutlichen weltanschaulichen Hintergrund haben.
In Ihren Werken, hochverehrter Meister, besonders in der „Frau Sorge“ in der „Heimat“ in der „Ehre“ und natürlich auch im „tollen Professor“ sind weltanschauliche Motive enthalten, welche erst diesen Werken jenen tiefen ethischen Gehalt geben, durch welchen sie der Nation sich einprägen. So sind auch Sie Dichter und Denker zugleich, und wer dies verkennt, kennt nicht den Ewigkeitswert Ihrer Schöpfungen.
Mögen Ihnen, dem Schöpfer und Gestalter, noch recht viele Jahre des Schaffens beschieden sein und so rufe ich Ihnen den alten aus der stoischen Schule stammenden Vers zu, dem auch Herder in einem besonderen Gedichte zugestimmt hat:
Vive ut semper victurus![1]
In aufrichtiger Verehrung Ihr sehr ergebener
Hans Vaihinger