Vaihinger an Hans Driesch, Halle, 13.5.1927, 2 S., Ts. mit eU, Postskriptum von anderer Hd., Briefkopf (Stempel) Prof. Dr. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med. h. c. | Halle a. d. S., den … 192 …, Universitätsbibliothek Leipzig, NL 250, 4/2, I–V, 82
13. Mai 1927
Hochverehrter Herr Kollege Driesch!
Sie haben mir durch Ihre reiche Sendung[1] von acht Arbeiten von Ihnen eine grosse Freude gemacht, da ich dadurch sowohl in Ihre Lehre als in Ihr Leben genaueren Einblick als bisher genommen habe. So schildern Ihre beiden Publikationen die sich auf Amerika beziehen („Internationale Philosophenverständigung“, und „Florida“[2]) sowohl Ihre dortige Arbeit, als Ihre Erholungsreise nach der Arbeit. Letztere hat mich insofern noch besonders interessiert, als gerade ein hiesiger Kollege, der Geologe Walther[3], jetzt in Florida sich befindet, allerdings zunächst, um seinen dort wohnenden Sohn zu besuchen. Der Artikel über den amerikanischen Philosophenkongress war mir natürlich besonders wertvoll, da er durch[a] seine anschauliche Schilderung den Leser an der ganzen Veranstaltung teilnehmen lässt. Dass sie dabei auch noch speziell für die Friedensidee eingetreten sind, ist besonders dankenswert: aber leider steht ja in diesem Punkt nicht das ganze Deutschland hinter Ihnen, das trotz der harten Lehren des Weltkrieges noch immer mit grosser Majorität selbst den gemässigten Pazifisten verabscheut. Sehr bedauerlich sind die Andeutungen, die Sie am Schlusse des betr[effenden] Artikels über Taktlosigkeiten Deutscher Gelehrter machen, welche die besten internationalen Verständigungsabsichten anderer Länder schroff abgelehnt haben. Ich glaube jedoch, dass es sehr wünschenswert wäre, wenn solche Torheiten öffentlich aufgedeckt werden[b], und gerade Sie mit Ihrer internationalen Bedeutung könnten durch einen scharfen offenen Artikel darüber grossen Segen stiften.
Weitere Einblicke in Ihr Leben und Ihre kulturpolitischen Anschauungen gestattet Ihr Artikel über die Jugend von China, sowie Ihre Erlanger Rede[4], in welcher Sie den oekumenischen Menschen der Zukunft skizzieren.
Zu Ihrer Ordnungslehre, sowie zu Ihrer Wirklichkeitslehre bilden die beiden Artikel „Kritisches zur Ganzheitslehre“ und „Seele und Leben“[5] überaus wertvolle Ergänzungen. In dem ersten Artikel schützen Sie Ihren Ordnungsbegriff der Ganzheit gegen Missverständnisse und Entstellungen, und Sie zeigen sich darin als einen scharfen Polemiker, der jede Entgleisung des Gegners ins hellste Licht stellt. In Ihre Wirklichkeitslehre[6] bietet der zweite Artikel besonders wertvolle Einblicke. Sie haben darin mit erstaunlichem Scharfsinn und mit wunderbarer Kombinationsgabe Ihren Neu-Vitalismus resp. Ihren Entelechismus (wenn ich dieses Wort bilden darf) neu und tief begründet und unerwartete Perspektiven gezeigt. Gerade dieser Artikel „Seele und Leben“ erscheint mir besonders geglückt[c]. So möchte ich gerne wünschen, dass Sie solche und ähnliche Artikel in einer Sammlung Ihrer zerstreuten Arbeiten zusammenstellen möchten, damit sie nicht untergehen und ihre Wirkung nicht verloren geht.
Ihre beiden Arbeiten zur Parapsychologie[d] („Psychische Forschung und akademische Wissenschaft“ und „Der sogenannte Okkultismus“[7]) führen in ein Neu-Land, das ich selbst bei meinem hohen Alter nicht mehr zu betreten wage[8]. Aber auch hier imponiert Ihr grosser Scharfsinn, | mit dem Sie scheinbar Verwandtes durch genaue logische Trennung klar auseinanderhalten, während Sie andererseits durch Ihre fruchtbare Kombinationsgabe scheinbar Entferntes in auffallende Beziehungen bringen.[e]
Es ist sehr bedauerlich, dass der von Ihnen angeregte Abdruck[9] der Stellen parapsychischen Inhalts aus der Autobiografie von Karl Schurz noch nicht zu stande[f] gekommen ist. Es scheint hier seitens der Berliner Verlagsbuchhandlung De Gruyter eine zu rigorose Auslegung des Deutschen Verlagsrechtes vorzuliegen. Ich selbst kenne den Wortlaut des Gesetzes nicht, aber ich glaube, dass auch grössere Zitate aus jedem Buch erlaubt sind, wenn die Herkunft genau angegeben wird. Am zweckmässigsten dürfte es wohl sein, ein grösseres Zitat von mehreren Seiten in mehrere Einzelzitate zu teilen und diese durch eigene Bemerkungen zu unterbrechen. Jeder Leipziger Verleger kann Ihnen den Wortlaut des Verlagsrechtes vorlegen. Der Ihnen persönlich wohlbekannte[10] Dr. Raymund Schmidt, der Herausgeber der „Annalen der Philosophie“, an denen Sie ja so lebhaften aktiven Anteil nehmen, der literarische Berater der Firma Felix Meiner, mit dem ich über diesen Fall gesprochen habe, ist, wie er mir sagte, sehr gerne bereit dazu, diese verlagsrechtliche Frage aufgrund des Wortlautes des Verlagsrechtes zu erledigen.
Herr Dr. Raymund Schmidt, der mir vor einigen Tagen hier einen Besuch abstattete, hat mir auch mitgeteilt, dass Herr Priv[at] Dozent Dr. Schingnitz von Ihnen die Erlaubnis bekommen hat, im Philosophischen Unter-Seminar Übungen über die „Philosophie des Als Ob“[11] abzuhalten. Für diese Zulassung und die darin sich ausdrückende Toleranz bin ich Ihnen zu herzlichstem Danke verpflichtet, zumal, wie ich höre, die Teilnahme an diesem Kursus sehr stark ist.
Es hat mich gefreut, in Ihrer Abhandlung „Kritisches zur Ganzheitslehre“ zwei Als Ob-Stellen zu finden: S. 295 Z. 3 von oben (Seele als ein vorläufiger Als Ob Begriff) und S. 301 Zeile 8 von unten (Atomistik als bewusst gekünstelte Angelegenheit, Teile als selbständig betrachtet.)
Mit besten Wünschen und Grüssen Ihr aufrichtig ergebener
Vaihinger[g]
P. S.: Die Einladungsprogramme zu den beiden grossen philosophischen Tagungen[12] in der Pfingstwoche hier haben Sie wahrscheinlich schon erhalten. Aber für alle Fälle sende ich Ihnen dieselben als Drucksache zu: hoffentlich können Sie daran teilnehmen. Mir selbst wird freilich mein hohes Alter die persönliche Teilnahme daran entweder ganz oder wenigstens zum grössten Teil verbieten. Ihre Anwesenheit aber scheint mir notwendig zu sein und würde jedenfalls beiden Veranstaltungen zu grosser Ehre gereichen.[h]