Rudolf Eucken an Vaihinger, Jena, 8.5.1924, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 p, Nr. 19
Jena 8/5 24
Lieber Herr Kollege!
Empfangen Sie meinen verbindlichen Dank für die beiden wertvollen und liebenswürdigen Zusendungen[1], und seien Sie überzeugt, daß Sie mich dadurch sehr erfreut haben. Mit gespanntem Interesse und mit lebhafter Zustimmung habe ich die beiden Abhandlungen gelesen und auf mich wirken lassen. Sie haben in beiden auch meiner so freundlich gedacht, daß ich Ihnen einen besonderen Dank aussprechen möchte. Es ist mir außerordentlich und wertvoll, daß wir beide bei diesen großen Lebensfragen so sehr zusammenstimmen. Und das Kantfest kann man[a] | nicht erwähnen, ohne an erster Stelle Ihrer unermüdlichen und eingreifenden Tätigkeit für die Kantische Welt in hohen Ehren zu gedenken, niemand von den Lebenden hat so viel für Kant getan: durch den großen Kommentar, durch die Begründung der Kantgesellschaft, durch Ihre eigne systematische und selbständige Arbeit; so war das Kantfest ein Fest auch für Sie selbst.
Es war recht schade, daß Sie nicht persönlich in Königsberg reden[2] konnten, aber allen Teilnehmern werden Sie gegenwärtig gewesen sein. Daß Sie trotz der körperlichen Hemmungen so kräftig und so frisch am Geisteskampf der Ideen teilnahmen, das verdient höchste Schätzung und | Anerkennung, Sie haben die heroische Denkweise durch eignes Wirken und Schaffen in bewunderungswürdiger[b] Gesinnung erwiesen und bewährt.
So bin ich in aufrichtiger Hochschätzung, und mit wiederholtem herzlichen Dank treulich Ihr
Rudolf Eucken