Vaihinger an Adolf Dyroff, Halle, o. D. [vor 16.10.1922[1]], 1 S., Ts. mit eU, Briefkopf PROF. DR. HANS VAIHINGER | GEH. REG.-RAT. | Halle a. S., den … 192… | Reichardtstr. 15, Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, NL Dyroff (S 2836)
Vertraulich!
Verehrter Herr Kollege!
In Königsberg ist jetzt ein philosophisches Ordinariat frei durch die Wegberufung des Professor Ach nach Göttingen[2]. Die Direktion des von diesem geleiteten psychologischen Institutes hat das Ministerium im vorigen Semester dem Inhaber der neubegründeten pädagogischen Professur übertragen, Prof. Schulz aus Frankfurt[3], der auf den Vorschlag der Fakultät im vorigen Semester berufen worden ist. Die Übertragung des psychologischen Institutes an Letzteren war allerdings eine Überraschung für die Fakultät, die nun ihrerseits trotzdem den Professor Bühler in Dresden[4], der vorzugsweise Psychologe ist, unico loco als Nachfolger Achs[5] vorschlug. Diesen Vorschlag hat das Ministerium abgelehnt, sodass Bühler nunmehr einen an ihn ergangenen Ruf nach Wien angenommen hat, da jetzt Königsberg ihm verschlossen ist. Das Ministerium hat die Königsberger Fakultät aufgefordert, jetzt drei reine Philosophen zum Vorschlag zu bringen.
Man wird nun gewiss allgemein erwarten, dass der seit vielen Jahren in Königsberg tätige, aber unverschuldeter Weise durch eine Verkettung widriger Umstände in den Hintergrund gedrängte Kollege Dr. Arnold Kowalewski, welcher zwar die Amtsbezeichnung Professor führt, aber noch nicht planmässig angestellt ist, für das vakante Ordinariat in Vorschlag gebracht[6] würde. Wie es aber in solchen Fällen zu gehen pflegt, so erheben sich gegen den Genannten allerlei Einwände, die sachlich ungerechtfertigt sind, und so ist zu befürchten, dass jüngere Vertreter des Fachs vorgeschlagen und der Ältere übergangen wird, trotzdem er sich durch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, und durch erfolgreiche Vorlesungen und Übungen als vollständig qualifiziert für das Ordinariat erwiesen hat. Dadurch würde aber dem Prof. Dr. Kowalewski ein bittres Unrecht geschehen, durch das seine wissenschaftliche und wirtschaftliche Existenz vernichtet wäre.
Allerdings hat Kowalewski auch in der Fakultät nicht wenige Freunde, aber es ist fraglich, ob deren Stimmen genügen, um ihn in Vorschlag für die vakante Professur zu bringen. So wäre es nun für diese seine Königsberger Freunde eine wesentliche Unterstützung, von auswärtigen namhaften Fachmännern günstige Urteile über Kowalewski vorweisen zu können.
In diesem Sinne darf ich vielleicht Sie, hochverehrter Herr Kollege, bitten, möglichst umgehend ein solches Urteil über Kowalewski mir[a] zu übersenden, das ich dann nach Königsberg weitergeben kann mit meinem Votum[7].
Ich selbst kenne Kowalewski seit 25 Jahren, und habe seine ganze Entwicklung verfolgt und bin des öfteren mit ihm persönlich längere Zeit zusammen gewesen und so mit ihm befreundet geworden. Andererseits habe ich mit verschiedenen Mitgliedern der Königsberger Fakultät gute Beziehungen und so erklärt es sich, dass ich die Vermittlung in dieser Angelegenheit übernommen habe.
Im Voraus für jede Mitteilung verbindlichst dankend in kollegialer Hochachtung Ihr ganz ergebener
Vaihinger[b]