Karl Groos an Vaihinger, Tübingen, 21.7.1921, 1 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 n, Nr. 5
Tübingen, 21/VII 21.
Hochgeehrter Herr Kollege!
Herzlichen Dank für die Kant-Abhandlung[1] und Ihre „Selbstdarstellung“[2]. Beides zu benutzen ist mir von grossem Wert. Meine eigene Selbstdarstellung[3] hatte ich Ihnen nicht geschickt, weil ich wusste, dass der Verleger den Verf[assern] ein Exemplar des ganzen Buches überreichte. Nun bin ich[a] leider nicht mehr in Besitz eines Separatabzugs, da ich vergass, mir eine genügend grosse Zahl zu bestellen. – Das zweite Ex[emplar] der Kantabhandl[ung] u. die Abschrift des Briefes[4] will ich morgen Adickes[b] übergeben; er wird Ihnen jedenfalls dann selbst schreiben.[5] Meinen Standpunkt habe ich in Hinsicht auf die Teleologie im VII. meiner Aufs[ätze][6] über den Aufbau der Systeme (Zeitschrift[c] [für] Ps[ychologie] 77, S. 170 f.) angedeutet; hoffentl[ich] ist der Vergleich S. 172 nicht zu unhöflich gegen den grossen Mann![d][e][7]
Mit tiefem Bedauern lese ich es immer, wenn Sie von dem Zustande Ihrer Augen sprechen.[8] Das ist doch ein rechtes Unglück für einen Gelehrten[f]!
Mit wiederholtem Dank u. herzl[ichen] Grüssen Ihr sehr ergebener
Groos.
Kommentar zum Textbefund
a↑ich ] Einfügung über der Zeile
b↑Adickes ] kann mit Bleistift anstatt Tinte unterstrichen sein
d↑den grossen Mann! ] am
Rd. mit Bleistift angestrichen
e↑ist der Vergleich … grossen Mann! ] am
Rd. mit Bleistift:
! f↑Gelehrten ] kann mit Bleistift anstatt Tinte unterstrichen sein
Kommentar der Herausgeber
1↑Kant-Abhandlung ] etwaiger Begleitbrief Vaihingers nicht ermittelt; meint vermutlich Vaihinger: Kants antithetische Geistesart erläutert an seiner Als-Ob-Lehre. In: Max Oehler (
Hg.): Den Manen Friedrich Nietzsches. Weimarer Weihgeschenke zum 75. Geburtstag der Frau Elisabeth Förster-Nietzsche. München: Musarion
o. J. [1921] (Digitalisat:
https://archive.org/details/denmanenfriedric00oehl (2.10.2024)),
S. 151–182.
2↑Ihre „Selbstdarstellung“ ] vgl. Vaihinger:
Wie die Philosophie des Als Ob entstand. In:
Die Deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen
Bd. 2.
Erich Adickes, Clemens Baeumker, Jonas Cohn, Hans Cornelius, Karl Groos, Alois Höfler, Ernst Troeltsch, Hans Vaihinger. Mit einer Einführung
hg. v. Raymund Schmidt. Leipzig: Felix Meiner 1921 (Digitalisat:
https://archive.org/details/DiePhilosophieDerGegenwartInSelbstdarstellungenBd2 (2.10.2024)),
S. 174–203.
3↑Meine eigene Selbstdarstellung ] vgl. Groos: Karl Groos. In: Die Deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen
Bd. 2. Erich Adickes, Clemens Baeumker, Jonas Cohn, Hans Cornelius, Karl Groos, Alois Höfler, Ernst Troeltsch, Hans Vaihinger. Mit einer Einführung
hg. v. Raymund Schmidt. Leipzig: Felix Meiner 1921 (Digitalisat:
https://archive.org/details/DiePhilosophieDerGegenwartInSelbstdarstellungenBd2 (2.10.2024)),
S. 100–115.
4↑Abschrift des Briefes ] Gemeinter nicht ermittelt
5↑er wird Ihnen jedenfalls dann selbst schreiben. ] etwaiges Schreiben
Adickes’ nicht ermittelt
6↑VII. meiner Aufs. ] vgl. Groos: Untersuchungen über den Aufbau der Systeme. VII. Die monistische Lösung. In: Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 1. Abteilung. Zeitschrift für Psychologie 77 (1917; Digitalisat:
https://archive.org/details/zeitschrift-fur-psychologie-77.1917 (15.11.2023)),
S. 145–211, hier die
S. 170–171 beginnende Auseinandersetzung mit dem in
Kants Kritik der Urteilskraft hervortretenden
Widerstreit einer mechanistischen und einer teleologischen Erklärung des Organischen. 7↑der Vergleich … grossen Mann! ] meint
Kant,
vgl. Groos: Untersuchungen über den Aufbau der Systeme. VII. Die monistische Lösung. In: Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 1. Abteilung. Zeitschrift für Psychologie 77 (1917, Digitalisat:
https://archive.org/details/zeitschrift-fur-psychologie-77.1917, 15.11.2023),
S. 145–211, hier die
S. 172:
Kant gleicht jenen Kapitänen, die auf zwei verschiedenen Kontinenten zwei verschiedene Frauen haben, etwa eine in Hamburg und eine in Südamerika. Mit der einen wird ein nüchternes, gründliches Deutsch gesprochen, mit der anderen ein Spanisch, in dem – auch von „spanischen Schlössern“ die Rede ist. 8↑Mit tiefem Bedauern … Augen sprechen. ] etwaiges Schreiben Vaihingers nicht ermittelt