Ferdinand Canning Scott Schiller an Vaihinger, Oxford, 16.11.1920, 4 S., hs., Briefkopf mit Wappen Corpus Christi College, | Oxford, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 5 e
16/11/20
Sehr geehrter Herr Geheimrat
Ich hatte schon längst die Absicht Ihr freundliches Schreiben vom 17/9[1] zu erwidern und Ihnen über den Oxforder Kongress[2] und den Absatz Ihrer Prospekte[3] einiges zu berichten. Leider verzog sich dieser Brief immer von Tag zu Tag, zum grossen Teil weil ich nicht dazu kam das Paket Schriften[4] welches ich Ihnen | gleichzeitig sende, fertig zu stellen. (Es enthält das meiste von dem das sich in den letzten Jahren veröffentlicht habe, – den Abdruck über ‛Meaning’[5] erhalten Sie später).
Es hat mich aber um so mehr gefreut von Ihnen zu hören weil während des Krieges das Gerücht umging Sie seien gestorben! Und zwar muss dies in einem amerikanischen Blatte gestanden haben denn einige Amerikaner hatten es auch gehört & geglaubt. | Gut dass Sie wenigstens einer der Kriegslügen den Garaus machen konnten!
Ich gratulire[a] zu dem grossen Absatz Ihres Als Ob! Bei uns wird die ungeheuere Preissteigerung wahrscheinlich das Schreiben von wissenschaftlichen Büchern die nur einen kleineren Absatz haben unmöglich machen oder jedenfalls sehr erschweren & wir können jedenfalls nicht daran denken neue Zeitschriften zu gründen. Im Gegenteil ‛Mind’ ist gezwungen sich einzuschränken!
Der Kongress verlief über Erwarten gut, obschon nur verhältnismässig wenige Fremde kamen. (Die franz[ösische][b] Societé de Philos[ophie] war eingeladen, einige Amerikaner befanden sich noch in Europa). | Bergson & Balfour waren glänzend, Haldane[6] war auch dabei. Mein spezielles Thema[7] litt sehr an der Abwesenheit Russell’s der als Prof. der Phil[osophie] auf ein Jahr nach Peking gegangen ist. Da er während des Krieges 6 Monate gesessen[8] hat, ist er weltberühmt geworden, & seit Sokrates wol[c] der erste Philosoph dem der Staat die Märtyrerkrone beschert hat.
Dass man jetzt auch[d] in Deutschland gewillt ist praktischer & weniger abstrus zu denken freut mich zu hören, da die geistige Unklarheit & Verworrenheit die das ganze deutsche Leben zu durchsetzen scheinen doch wol zum Teil auf die Rechnung der deutschen philosophischen Tradition zu setzen sind. Dagegen bin ich jeglichem Nationalismus in der Wissenschaft abhold, & glaube dass wenn die Völker nicht baldigst diesen Wahn abstreifen die ganze Zivilisation sehr gut | daran zu Grunde gehen könnte. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr
F. C. S. Schiller[e]