Vaihinger an Felix Meiner, Halle, 24.7.1920, 2 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf PROF. DR. HANS VAIHINGER | GEH. REG-RAT. | Halle a. S., den … 19… | Reichardtstr. 15., Universitätsbibliothek Leipzig, Kurt-Taut-Sammlung 3/Schneller-V/V/234
24. Juli 1920[a]
Sehr geehrter Herr Doktor Meiner!
Haben Sie besten Dank für die beiden übersendeten Proben von Rehmke u. Driesch[1], die ich natürlich mit größtem Interesse mir habe vorlesen lassen. Schon lange lag mir die Verpflichtung einer solchen Autobiographie[2] brennend auf der Seele, aber die Kant-Gesellschaft und die Als-Ob-Konferenz[3] drängten sich störend dazwischen. Nun ist es mir doppelt lieb, daß Sie mich moniert haben. Überraschend kommt mir die Aufgabe nicht, denn ich habe mich in Gedanken sehr oft mit dem Gegenstand beschäftigt, u. so werde ich mit dem Manuskripte bald fertig werden, um so mehr, als ich dazu jetzt ebenso viel Muße als Stimmung habe. Ich beginne sofort mit der Ausführung, u. hoffe, Ihnen bald etwas Gutes vorlegen zu können.
Der gegenwärtige Sturm[4], der so unorganisch in mein Leben eingetreten ist, hat mich natürlich zuerst sehr mitgenommen. Aber ich befinde mich hier in guter Pflege u. Behandlung u. ich hoffe, daß die durch Herrn Raymund Schmidt[b] so glücklich eingeleitete Klärung[5] mir immer mehr äußerlich u. innerlich Ruhe geben wird. Jedenfalls benutze ich die jetzige wohltuende Zurückgezogenheit ausschließlich dazu, meine literarische Verpflichtung Ihnen gegenüber baldigst zu erfüllen.
Mit großem Interesse las ich auch Ihre mir freundlich zugesendete Broschüre über die Teuerung der Bücher[6], die hoffentlich dazu beitragen wird, die notwendige Verständigung zwischen Verlegern, Sortimentern, | Käufern u. Autoren herzustellen. Es gehört ja jetzt viel Geduld dazu, in diesen verworrenen Verhältnissen die Ruhe zu bewahren: Ihre kleine Schrift wird dazu beitragen, die wünschenswerte Beruhigung zu verbreiten.
Mit verbindlichem Gruß Ihr ergebener
Vaihinger